Mediziner warnen vor Preistreiberei mit fraglichen Krebsmitteln
Unter führenden Onkologen und Gesundheitsökonomen formiert sich offener Widerstand gegen die Preispolitik von Pharmakonzernen. In einem vertraulichen Gutachten für das Bundesgesundheitsministerium (BMG) kritisieren sie neuartige Krebsmittel, die jährlich bis zu 100.000 Euro pro Patient kosten, obwohl ihr klinischer Nutzen nur geringfügig oder gar nicht zweifelsfrei belegt ist. Mehr als ein Dutzend derartige Präparate - meist Antikörper oder Enzymhemmstoffe - werden schon heute verschrieben, bis zu 40 weitere könnten nach Expertenschätzung in den nächsten sechs Jahren Marktreife erlangen. "Wir werden unser Gesundheitssystem nicht mehr finanzieren können, wenn wir das nicht in den Griff bekommen", sagte Wolf-Dieter Ludwig, Professor für Onkologie in Berlin und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, zum SPIEGEL. Schon jetzt würden 25 Prozent des Arzneimittelbudgets der Krankenkassen durch Spezialpräparate aufgebraucht, obwohl diese nur rund zwei Prozent der Verschreibungen ausmachen. Ludwig weiter: "Die meisten dieser Medikamente haben nur eine geringe Wirkung. Deshalb halte ich die Preise schlicht für obszön." Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom an der Universität Bremen, fordert eine neue Preispolitik: "Es kann nicht sein, dass die Hersteller die Preise für Medikamente diktieren, deren Nutzen noch gar nicht abschließend erwiesen ist." Ludwig und Glaeske gehören zu den Verfassern des brisanten BMG-Gutachtens, das vorschlägt, den Preis eines neuen Medikaments künftig am Nutzen für den Patienten zu bemessen. Bisher können Pharmafirmen die Preise für innovative Produkte in Deutschland selber festsetzen, die gesetzlichen Krankenkassen sind dann verpflichtet, diese zu zahlen.