Fall Kachelmann wird zum Duell der Gutachter - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Fall Kachelmann wird zum Duell der Gutachter

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Fall des TV-Wettermoderators Jörg Kachelmann, der eine Freundin vergewaltigt haben soll, entwickelt sich immer mehr zu einem Duell der Gutachter. Nun hat die Staatsanwaltschaft dem Landgericht Mannheim die Stellungnahme eines Psychotherapeuten vorgelegt, um die von der Verteidigung beantragte Haftentlassung zu verhindern. In den mehr als 30-seitigen Ausführungen vertritt der Arzt die These, dass die von ihm behandelte Frau an einem traumabedingten Gedächtnisverlust leide. Damit will die Staatsanwaltschaft das Ergebnis eines von ihr selbst in Auftrag gegebenen Gutachtens der Bremer Psychologin Luise Greuel relativieren. Greuel war zu dem Schluss gekommen, dass die Aussage des vermeintlichen Opfers zu stark mit Mängeln behaftet sei, um mit der für ein Gerichtsverfahren notwendigen Zuverlässigkeit die geschilderten Erlebnisse einer Vergewaltigung belegen zu können (SPIEGEL 23/2010). Dass die Staatsanwaltschaft quasi ihr eigenes Gutachten mit einer weiteren Stellungnahme auszuhebeln versucht, noch dazu von einem behandelnden Arzt, gilt als ungewöhnlich. Kachelmanns Verteidiger Reinhard Birkenstock will deshalb nun seinerseits Anfang der Woche eine ausführliche Stellungnahme einreichen. Er hat bei einem traumatologisch versierten Neuropsychologen ein Gutachten in Auftrag gegeben. Auch die Psychologin Greuel hatte schon die Möglichkeit einer Traumatisierung berücksichtigt: Allerdings lasse sich nicht erklären, war um sich die Zeugin einerseits an einige Reizeindrücke ganz genau erinnern könne, an andere dagegen überhaupt nicht. Ganz unabhängig von der Frage eines Traumas lässt sich aus Greuels Sicht mit aussagepsychologischen Methoden nicht unterscheiden, was die Zeugin wirklich erlebt hat und was sie sich möglicherweise einbildet. Das Landgericht Mannheim hat für diese Woche eine Entscheidung angekündigt.