Regierung schafft Steuerschlupfloch - Experten erwarten Einnahmeausfälle in Milliardenhöhe
In der rot-grünen Steuerreform verbirgt sich nach einem Bericht des Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL ein gewaltiges Steuerschlupfloch. Dem Fiskus würden dadurch Einnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe verloren gehen. Möglich werden die Steuersparmodelle, weil die Regierung die Veräußerungsgewinne von Kapitalgesellschaften steuerfrei stellen will, um das enge Geflecht an Industriebeteiligungen innerhalb der Deutschland AG aufzubrechen.
Wenige Tage vor der entscheidenden Abstimmung im Bundestag warnen Ökonomen und Experten nun, dass diese Regel auch reiche Privatleute oder Mittelständler zu Steuertricksereien einlädt, berichtet DER SPIEGEL. Wer viel Geld besitzt, kann sein Vermögen demnach künftig steuersparend in einem komplexen Netz von Holdings und Tochterfirmen aus Kapitalgesellschaften organisieren. Alles, was einigermaßen wertvoll ist, wird in extra dafür gegründete GmbHs oder Aktiengesellschaften eingebracht und bei Bedarf steuerfrei verkauft: Mietshäuser, Villen oder Firmenbeteiligungen. Der unversteuerte Gewinn wird an eine übergeordnete Holding abgeführt und von dieser Vermögensverwaltungs-GmbH oder AG anschließend wieder in neue Investments gesteckt, die ebenfalls als Kapitalgesellschaften organisiert sind.
Dies werde sich "zu einem Steuersparmodell für den Massengebrauch entwickeln", warnt der Wiesbadener Ökonom Lorenz Jarass im SPIEGEL. Jarass glaubt, dass "dem Fiskus dadurch Einnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe verloren gehen könnten". Auch der renommierte Kölner Steuerrechtler Joachim Lang hält die Null-Prozent-Regel für "sehr missbrauchsanfällig". Dieter Ondracek, Chef der Deutschen Steuer-Gewerkschaft, erwartet, dass zum Zweck des Steuersparens tausende von kleinen Kapitalgesellschaften gegründet werden: "Die Beraterschaft wird sich daransetzen, findige Modelle auszuarbeiten, von denen wir im Moment noch gar keine Vorstellung haben."
Denkbar ist laut SPIEGEL etwa, dass ein Bauunternehmer, der eine Reihenhaussiedlung hochzieht, zu diesem Zweck eine GmbH als Holding errichtet. Für jedes der zehn geplanten Reihenhäuser gründet er ebenfalls eine GmbH. Wenn die Häuschen fertig sind, verkauft er offiziell nicht die Gebäude, sondern die zugehörige GmbH. Anders als früher fallen auf den Verkaufserlös dann keine Steuern an.
(SPIEGEL 20/2000, Seite 94)