Tausende Stasi-Lauschprotokolle von Spitzenpolitikern beschlagnahmt - DER SPIEGEL
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Tausende Stasi-Lauschprotokolle von Spitzenpolitikern beschlagnahmt

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Die Bundesanwaltschaft hat einen großen Bestand von Abhörprotokollen der Stasi über deutsche Spitzenpolitiker, Wirtschaftsgrößen und Geheimdienstler beschlagnahmt. Nach einem Bericht des Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL stellten die Karlsruher Ermittler am vergangenen Mittwoch in Bonn mehr als 20000 Seiten vertrauliches Material sicher. Es war im Besitz des Journalisten Paul Limbach, dem früheren Bonner Büroleiter der Illustrierten "Quick".

Laut SPIEGEL handelt es sich um den bisher größten Fund vagabundierender Stasi-Akten. In den Unterlagen finden sich mehrere tausend Abschriften von dienstlichen wie privaten Telefonaten, die westdeutsche Politiker bis zur Wende führten. Seit zehn Jahren hatte sie Limbach in verschiedenen Depots gelagert.

Wie DER SPIEGEL weiter berichtet, gibt es in dem sichergestellten Bestand jedoch offenbar verhältnismäßig wenige Protokolle von Telefonaten des Altkanzlers Helmut Kohl. Diese hat Limbach nach eigenen Angaben bereits im Herbst 1990 aussortiert. Er sagt, er habe sie dem damaligen CDU-Chef persönlich übergeben. An dem Treffen im Bonner Kanzleramt soll laut Limbach auch "Quick"-Chefredakteur Richard Mahkorn teilgenommen haben, der damals sein Amt gerade neu angetreten habe und den er, Limbach, dem Kanzler, deswegen vorstellen wollte.

Als "kleines Geschenk" hätten er und Mahkorn, so Limbach, dem Regierungschef ein "zwei bis drei Zentimeter" dickes Paket Lauschprotokolle von Kohl-Telefonaten auf den Tisch gelegt. Bereits Monate vor diesem Treffen hatte die Regierung Kohl beschlossen, solche Unterlagen zu vernichten. Sie hätten also zum Zeitpunkt der von Limbach geschilderten Übergabe gar nicht mehr existieren dürfen, schreibt DER SPIEGEL. Später hätten sie nach dem Stasi-Unterlagengesetz an die Gauck-Behörde zurückgegeben werden müssen.

Kohl ließ den SPIEGEL wissen, er habe "keinerlei Erinnerung", dass ihm Akten übergeben worden seien. Zwar hätten ihm immer mal wieder verschiedene Leute Abhörprotokolle gezeigt, die möglicherweise auch ihn selbst betrafen. Doch in seinem Besitz sei davon heute nichts.

Laut SPIEGEL hat Limbach seine Darstellung in Sachen Kohl jedoch sogar bei der Bundesanwaltschaft zu Protokoll gegeben. Die ermittelt gegen den Journalisten wegen "versuchter Offenbarung von Staatsgeheimnissen". Auch Mahkorn bestätigt das Gespräch im Kanzleramt: "Limbach hatte etwas dabei. Ich erinnere mich, wir haben das Kohl übergeben und noch einen launigen Spruch gemacht."

Wie DER SPIEGEL schreibt, erhielt Limbach die Protokolle nach eigenen Angaben von Stasi-Überläufern. Laut Limbach zeigten 1990 auch der damalige Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Gerhard Boeden, sowie der damalige Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Paul Münstermann, höchstes Interesse an den von ihm beschafften Unterlagen. Beide hätten sich daraus bedient und Akten auch an den US-Geheimdienst CIA weitergegeben.

Dem SPIEGEL zufolge hatte die Bundesanwaltschaft Anfang des Jahres einen Hinweis bekommen, wonach die Stasi-Lauschprotokolle noch existierten. Sie seien in Limbachs Besitz, der sie verkaufen wolle. Laut SPIEGEL wurde Limbach vor dem Zugriff vom vergangenen Mittwoch observiert, das Telefon seiner Wohnung angezapft. Als der Journalist gerade Stapel von Lauschprotokollen sortierte, überraschten ihn die Beamten.

(DER SPIEGEL 20/2000, Seite 22)