Ministerin Fischer im SPIEGEL: "Grüne Gentechnik - eher ein Glaubenskrieg"
Interview mit der bündnis-grünen Bundesministerin Andrea Fischer, 40, über den Schutz vor gentechnisch manipulierten Pflanzen
SPIEGEL: Die Verbraucher sind verunsichert durch importierten Genraps, den Bauern versehentlich in Deutschland zur Bio-Diesel-Herstellung ausgesät haben. Zu Recht?
Fischer: Ich verstehe die Angst. Kein Mensch weiß, ob und wie gefährlich genmanipuliertes Saatgut ist.
SPIEGEL: Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke hat Entwarnung gegeben. Die ausgesäte Menge sei minimal.
Fischer: Für eine solche Beurteilung ist die wissenschaftliche Grundlage noch nicht gesichert. Bei der so genannten grünen Gentechnik handelt es sich eher um einen Glaubenskrieg als um eine wissenschaftliche Debatte.
SPIEGEL: Wie wollen Sie den Krieg beenden?
Fischer: Wir brauchen eine Sicherheitsforschung mit sorgfältiger Abschätzung aller Folgen. So muss zum Beispiel geklärt werden, wie groß die Gefahr ist, dass sich genmanipulierte Pflanzen durch Pollenflug unkontrolliert verbreiten. Auch die Wirkung solcher Pflanzen auf Tiere muss untersucht werden. Ich möchte der Industrie ausdrücklich anbieten, mit uns gemeinsam ein solches Forschungsprogramm auf die Beine zu stellen.
SPIEGEL: Wie soll das aussehen?
Fischer: Ich stelle mir einen Versuch unter landwirtschaftlichen Praxisbedingungen in Deutschland vor, der sich über einen Zeitraum von drei Jahren erstreckt. Der Bund hat dafür schon Vorarbeit geleistet.
SPIEGEL: Welches Interesse sollte die Industrie haben, eine Untersuchung mitzufinanzieren?
Fischer: Weil Produkte aus genmanipulierten Pflanzen in Deutschland nicht marktfähig sind. Die Verbraucher akzeptieren derzeit nichts, was aus Gentech-Pflanzen hergestellt wurde. Die Hersteller haben offenbar ein Problem, das sie allein nicht lösen können.
SPIEGEL: Und wenn dabei am Ende dann herauskommt, dass Genraps gefährlich ist?
Fischer: Dann hat auch die Industrie endlich Planungssicherheit.
(SPIEGEL 21/2000, Panorama)