Unfallforscher Siegfried Brockmann über die ungewöhnlich stark gestiegene Zahl der Verkehrsopfer in Deutschland
Unfallforscher Siegfried Brockmann, 52, vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, über die Zahl der Verkehrsopfer, die seit zehn Jahren sinkt und nun auf einmal ungewöhnlich stark gestiegen ist.
SPIEGEL: Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2010 ist die Zahl der im Straßenverkehr Getöteten und Verletzten um über acht Prozent nach oben geschnellt: Wird wieder mehr gerast und riskanter gefahren?
Brockmann: Dafür gibt es keine Anhaltspunkte, an der Verkehrsmoral der Deutschen hat sich wenig geändert – sie ist so schlecht oder gut wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Eher schlecht, würde ich sagen.
SPIEGEL: Worauf ist der Anstieg denn zurückführen?
Brockmann: Der Winter 2010 war extrem lang und eisig, da sind die Leute weniger und vorsichtiger gefahren. Glatte Straßen sind insofern gut für die Sicherheit. 2011 waren die Witterungen deutlich besser, im Frühling war echtes Motorradwetter. Kein Wunder also, dass deutlich mehr Biker ums Leben kamen.
SPIEGEL: Also sind die Zahlen eigentlich kein Grund für Alarmstimmung?
Brockmann: Nein. Andererseits offenbaren sie aber zum Beispiel mal wieder, wie gefährlich Motorradfahren ist, vor allem ohne Anti-Blockier-System. Ab 2017 sollen nach einem Entwurf der EU-Kommission alle Bikes, die neu zugelassen werden, ein ABS haben. Das ist zu spät, wir wollen das schon 2015 haben, und die Industrie könnte das auch leisten.
SPIEGEL: Was müsste noch getan werden, um die Opferzahlen zu senken?
Brockmann: Alleen sind schön, aber gefährlich. Baumunfälle sind in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern die Spitzenreiter unter den tödlichen Crashs. Das ließe sich verhindern: einfach Leitplanken ziehen! Das passiert zu selten. Stattdessen werden eher neue Bäume gepflanzt.
SPIEGEL: Die Zahl der verunglückten jungen Menschen ist besonders stark gestiegen.
Brockmann: Ich würde mir eine Art "Nachbetreuung" der Führerschein-Neulinge wünschen. Nach einem halben Jahr könnten sie beispielsweise noch eine Fahrstunde machen. Der Lehrer könnte schon eingeschliffene Fehler dann noch gut korrigieren.