Bahn macht Rückzieher beim Großprojekt Lehrter Bahnhof
Aus Angst vor einer Milliardenpleite hat die Bahn bei ihrem größten Renommierprojekt, dem Lehrter Bahnhof in Berlin, einen weiteren Rückzieher gemacht. Das berichtet das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL in der neuen Ausgabe. Entgegen ihrer früheren Planung will das Unternehmen zwei Bürohochhäuser über den Gleisen und das 20 Hektar große Viertel um den Bahnhof nicht mehr selbst bauen. Das beschloss der Konzernvorstand am vergangenen Mittwoch. Die beiden so genannten Bügelbauten über den Gleisanlagen - mit zehn Stockwerken und einer Höhe von 42 Metern höher als das benachbarte Kanzleramt - sollten die neue Glas-Beton-Kathedrale weithin sichtbar machen. Findet sich jedoch in den nächsten 18 Monaten kein Investor für die 43.000 Quadratmeter Büroflächen, dann wird einzig ein 60 Meter hoher, einsamer Abluftkamin zum Wahrzeichen von Europas größtem Kreuzungsbahnhof, dessen Gleise 15 Meter unter der Erde liegen werden.
Seit Wochen fahnden die Bahner nach Sparmöglichkeiten bei ihren überdimensionierten Berliner Projekten. Alle Vorhaben, die ohne allzu große Verluste zu stoppen sind, kommen laut Vorstandsbeschluss "noch einmal auf den Prüfstand". Allein für den Lehrter Bahnhof sind die veranschlagten Kosten fünf Jahre vor Fertigstellung schon um 20 Prozent auf über eine Milliarde Mark gestiegen. Die erwarteten Mieten von rund 50 Mark Quadratmeter scheinen illusorisch. Selbst in Bestlage Unter den Linden sind derzeit weniger als 30 Mark zu erzielen. "Das Projekt war nicht wirtschaftlich", so ein Bahnexperte; technisch sei der Bau "am Limit und schwer beherrschbar". (DER SPIEGEL 23/00, Panorama Deutschland)