Der chinesische Künstler Ai Weiwei über sein Leben nach der Haft
Der chinesische Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei, 54, spricht mit dem SPIEGEL ausführlich über sein Leben seit seiner Freilassung im Juni dieses Jahres, über eine neue Protestkultur im Land und sein Verhältnis zu seiner Heimat China. Außerdem begründet er, warum er vergangene Woche umgerechnet 970.000 Euro auf ein Bankkonto der chinesischen Steuerbehörden einzahlte; er will gegen die Steuerforderungen Einspruch einlegen: "Finanzamt und Polizei haben mich unter Druck gesetzt. Sie wollten unbedingt, dass wir zahlen. Wir hatten keine Wahl. Sie sagten mir, wenn du nicht zahlst, bringen wir deinen Fall vor das Amt für öffentliche Sicherheit. Und dann hast du eine Strafanzeige am Hals."
Tausende hatten Ai Weiwei zuvor ihre Unterstützung gezeigt und Geld überwiesen: Innerhalb weniger Tage ging gut eine Million Euro bei ihm ein. Im Gespräch zeigte sich der Künstler beeindruckt von der Solidarität der Chinesen und gab zu, sie unterschätzt zu haben. Über Internet habe er Tausende Botschaften bekommen, die ihn sehr bewegt hätten.
Entscheidend für das Entstehen einer neuen Zivilgesellschaft hält Ai Weiwei das Internet: "Man muss nicht mehr physisch zusammenkommen und kann sich trotzdem mit anderen für eine Sache zusammenschließen. Es gibt nichts Mächtigeres als das. Das ist ein Wunder, so etwas hat es bislang noch nie gegeben. Ohne das Netz wäre ich heute nicht Ai Weiwei." Der Künstler ließ offen, ob er langfristig in China bleiben werde. Das sei eine schwierige Frage, sagte er gegenüber dem SPIEGEL: "Ich weiß nicht, wie weit ich auf diesem Weg noch gehen kann und wann die Grenze erreicht sein wird." An seine Zeit in Haft würde er jeden Tag denken, er werde sie nie aus seinem Gedächtnis löschen können, sie habe eine Narbe hinterlassen.