Was die Gewerkschaft kritisiert, praktiziert sie selbst
Im krassen Widerspruch zur Kritik des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) an den Regierungsplänen für eine zusätzliche private Altersvorsorge steht die eigene Praxis der Gewerkschaftler als Arbeitgeber und Tarifpartner. Bei der Alterssicherung ihrer eigenen Beschäftigten - wie auch bei einigen ihrer jüngsten Tarifabschlüsse - wenden die Gewerkschaften genau jene Prinzipien an, die sie öffentlich bekämpfen. Wie das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL meldet, hat der DGB etwa bereits vor zwei Jahren seinen rund 1800 Beschäftigten die Betriebsrente gekürzt, für die bis dahin vor allem der Gewerkschaftsbund als Arbeitgeber aufkam.
Stattdessen können neu eingestellte DGB-Beschäftigte nun einen Teil ihres Bruttogehalts steuerbegünstigt für die Alterssicherung zurücklegen. Dabei zahlen die Beschäftigten die Vorsorgebeiträge allein, ohne Beteiligung des Arbeitgebers DGB. Obendrein beträgt der Sparanteil mit maximal acht Prozent das Doppelte der von Arbeitsminister Riester anvisierten vier Prozent Eigenbeteiligung - den die Gewerkschaften als unzumutbar hoch kritisieren. Eine noch üppigere Privatrente handelte die IG-Metall vor kurzem bei den Hamburger Stahlwerken aus. Nach der Tarifvereinbarung können die 620 Mitarbeiter bis zu zehn Prozent ihres Verdienstes in eine private Rentenversicherung einzahlen, der Betrieb schießt maximal 15 Prozent des Betrags dazu. Ein Modell ganz nach Wunsch der Frankfurter IG-Metall-Spitze, die 1998 die "Umwandlung bestimmter Teile des Jahreseinkommens zur Altersvorsorge" begrüßte - was sie heute als einseitige Belastung der Arbeitnehmer ablehnt. Für die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Ulla Schmidt sprechen die Gewerkschaften bei der Rente "mit zwei Zungen". (DER SPIEGEL 30/00, Panorama Deutschland)