Fluchttunnel unter der Berliner Mauer wiederentdeckt
Mehr als drei Jahrzehnte nach seiner Stilllegung ist jetzt die Sohle eines der wohl bekanntesten Fluchttunnel unter der Berliner Mauer freigelegt worden: Nach wochenlanger Recherche entdeckte ein Team von SPIEGEL TV den so genannten Tunnel 29, durch den 29 Ost-Berliner im September 1962 in den Westen fliehen konnten.
Gut 20 Freiwillige, in der Mehrzahl Studenten aus West-Berlin, hatten im Jahr nach dem Mauerbau in vier Monaten Arbeit den 126 Meter langen Stollen in knapp sechs Meter Tiefe unter dem Todesstreifen hindurch in den Ost-Sektor gegraben. Er endete im Keller des Hauses Schönholzer Straße 7; durch die aufgebrochene Kellerdecke konnten die Flüchtlinge durchweg Freunde und Verwandte der Tunnelbauer unbemerkt in die Freiheit kriechen. Am Tag nach der geglückten Massenflucht jedoch brach ein Wasserrohr und überschwemmte den Schacht der Tunnel musste geschlossen werden. Die Gruppe der Fluchthelfer zerstritt sich zudem, weil drei Anführer die Filmrechte der unterirdischen Aktion für 30000 Mark an den US-Sender NBC verkauft hatten. Durch die Produktion The Tunnel wurde der geheime Fluchtgang international bekannt.
Für seinen Dokumentarfilm interviewte SPIEGEL TV-Autor Henry Köhler jetzt einige der damals Beteiligten und konnte mit ihrer Hilfe die Lage des Stollens lokalisieren. Mit Hilfe eines Schaufelbaggers stießen die TV-Leute in 5,70 Meter Tiefe auf die noch vorhandenen Holzarmierungen des Tunnels. Historiker stellen derzeit Überlegungen an, die Reste des Tunnels 29 in das Konzept des Mauermuseums an der Bernauer Straße zu integrieren. (DER SPIEGEL 41/00, Panorama Deutschland)