Dubiose Geschäfte bei der Max-Planck-Gesellschaft - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Dubiose Geschäfte bei der Max-Planck-Gesellschaft

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bei der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) sind mutmaßlich Forschungsgelder in Millionenhöhe veruntreut worden. Das geht aus internen Unterlagen hervor, die dem SPIEGEL und dem ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ exklusiv vorliegen. Über Jahre hinweg soll ein Physikprofessor im Münchner Halbleiterlabor der renommierten Forschungsgesellschaft in die eigene Tasche gewirtschaftet haben.

Den internen Dokumenten zufolge hat das Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching Aufträge in einer Höhe von insgesamt sieben Millionen Euro an ein Unternehmen namens PNSensor vergeben. Leistungsnachweise oder Belege musste das Unternehmen nicht vorlegen. Das Max-Planck-Institut legte die Auftragssumme fest, und die Firma kassierte den Betrag. Mehrheitseignerin von PNSensor war die Ehefrau des damaligen Leiters des MPG-Halbleiterlabors Lothar Strüder, der auch selbst Anteile hält.

Im Auftrag des Max-Planck-Instituts hat PNSensor Siliziumchips für Forschungsprojekte hergestellt. Überschussstücke, die für die Forschung nicht zu gebrauchen waren, hat die Firma an die Industrie verkaufen dürfen. In einem bislang unveröffentlichten Bericht des Bayerischen Obersten Rechnungshofs aus dem Jahr 2011 heißt es, dass sich alle Beteiligten auf die Einschätzung von Strüder hätten verlassen müssen. Wörtlich heißt es in dem Bericht: "Interessenkonflikte können deshalb nicht ausgeschlossen werden." Darüber hinaus geben interne Dokumente der Max-Planck-Gesellschaft Anlass zu der Annahme, dass PNSensor Chips gezielt für den Verkauf produziert hat – finanziert aus öffentlichen Geldern. "Gelegentlich scheint es, dass Projekte nur deshalb durchgeführt werden, um die Fertigung der Driftdetektoren zu rechtfertigen", heißt es in einem Vermerk. Die Vorwürfe seien "haltlos", schreibt Strüder in einer Stellungnahme. Es habe sich um im Rahmen von Forschungsvorhaben entstandene Überschussstücke gehandelt, "die erst nachdem sie für die Forschung keine Relevanz mehr hatten, zur Veräußerung bereit standen."

Der Bayerische Oberste Rechnungshof forderte die MPG bereits im Jahr 2011 auf, "die bisherigen überhöhten Abrechnungen" zu überprüfen, "ebenso die Möglichkeiten von Rückforderungen". Nach eigenen Angaben gab es seitens der MPG jedoch keine Rückforderungen. Bislang habe die Gesellschaft "keine Belege für einen ihr entstandenen finanziellen Schaden", schreibt die MPG in einer Stellungnahme. Mittlerweile darf PNSensor allerdings keine Überschussstücke mehr verkaufen. Die Vorwürfe des Rechnungshofs waren auch der Führungsspitze der MPG bekannt: Martin Stratmann, der am Donnerstag vereidigte neue Präsident, wusste nachweislich mindestens seit 2012 Bescheid.