Friseursalon für Obdachlose Haare gut, alles gut
Brennon Jones, Ex-Häftling Sean Johnson
Sean Johnson war 20 Jahre alt und arbeitslos, er lungerte die Tage und Nächte mit seinen Jungs herum in West Oak Lane, in Philadelphia, einer Stadt, in der die Häuser und die Kriminalitätsrate hoch sind. Und bis zu jenem Tag hatte er nichts weiter erreicht in seinem Leben, als seiner Mutter Sorgen zu bereiten.
An diesem Tag im Mai 1994 ging Johnson, 1,95 Meter groß, einen Schritt zu weit. Die Sonne schien, und Johnson lief auf einen Mann zu, den er hasste, er blieb vor ihm stehen, sah ihm in die Augen. Dann, so erzählt er es 23 Jahre später, zog Johnson eine Handfeuerwaffe, schoss dem anderen ein Loch in den Bauch. Der Mann sackte zusammen, Blut durchtränkte sein Shirt, bildete eine Lache auf dem Asphalt. Da rannte Sean Johnson, der Lauf seiner Pistole noch heiß, die Straße entlang davon.
In den USA verhaftete die Polizei im Jahr 2016 10,5 Millionen Menschen. Wer einmal im Gefängnis saß, so sagen es Statistiken, bekommt selten eine zweite Chance im Leben. Jeder Zweite wird rückfällig. Dabei handele es sich angeblich oft um Schwarze wie Sean Johnson. Dessen Lebensweg erzählt jedoch eine andere Geschichte.
Einen Monat nach dem Bauchschuss hämmerte die Polizei gegen Johnsons Haustür, der öffnete sie, er ahnte schon, wer da steht.
Ein Cop legte ihm Handschellen an, las ihm seine Rechte vor, führte ihn ab auf die Wache. Dort stand dem jungen Mann ein Anruf zu. Am anderen Ende der Leitung ging seine Mutter ran, sie sagte: "Im Gefängnis werde ich dich nicht besuchen, ich will nicht sehen, wie du eingesperrt bist wie in einem Käfig." Kurz bevor sie auflegte, sagte sie auch: "Krieg dein Leben auf die Reihe." Dann stand Johnson vor Gericht wegen Körperverletzung, das Urteil lautete sechs Jahre Haft.
Im Gefängnis von Coal Township, Pennsylvania, saß Johnson dann in seiner Doppelzelle, starrte aus dem Fenster mit den Gittern und dachte über sein Leben nach, das ihn nie weiter gebracht hatte als bis zu diesem Ort. Es ist paradox, doch in diesem Moment fühlte Johnson sich zum ersten Mal frei. Jetzt, das wusste er, wird sich alles für ihn ändern.
Tatsächlich holte Johnson, als Gefangener, seinen Highschool-Abschluss nach, er betete viel zu Gott und bestand eine Ausbildung zum Friseur. "Wenn ich Haare schnitt, fühlte ich mich, als würde ich dem Gefängnis entkommen", sagt er heute. Seine Diplome bekam er überreicht, kurz bevor er entlassen wurde. Seine Mutter besuchte ihn an diesem Tag, es war das einzige Mal.
In dem Jahr, als Sean Johnson zum Gefängnisfriseur wurde, war Brennon Jones gerade mal zwölf Jahre alt. Der Junge, der 17 Jahre später in ganz Philadelphia bekannt werden sollte als Friseur für Obdachlose, verbrachte eine Kindheit, die man behütet nennen kann. Die Mutter arbeitete als Sekretärin am College, der Vater leitete die eigene Baufirma. An Sonntagen besuchte die Familie gemeinsam die Messe, sie betete dort für diejenigen, die es schlechter erwischt hatten im Leben.
"Meine Eltern brachten mir bei, dass ich anderen etwas zurückgebe", sagt Brennon Jones in einem Telefonat. Seitdem Jones 18 Jahre alt ist, tut er das als Friseur. "Wenn die Menschen gut aussehen, fühlen sie sich gut."
Von der Website Phillyvoice.com
In diesem Januar steht Brennon Jones, mittlerweile 29 Jahre alt, krauser Bart am Kinn, auf einer Straße in Downtown Philadelphia. In der Hand hält er einen Friseurkoffer und einen Stuhl. Ein Obdachloser läuft an ihm vorbei. "Kann ich dir die Haare schneiden? Es kostet nichts", sagt Jones. Der Mann nickt, er trägt den Nachnamen Hope, Jones setzt den Rasierer an seine Schläfe, graue Strähnen fallen auf den Asphalt. Als der Mann aufsteht, lächelt er und umarmt Brennon Jones sehr lange.
Von diesem Tag an schneidet Jones nur noch Hilfsbedürftigen die Haare, Menschen ohne ein Zuhause, er wird berühmt in der Lokalpresse und macht seine Eltern stolz. Doch noch fehlt ihm ein Salon für die wirklich kalten Tage.
Sean Johnson ist seit elf Jahren raus aus dem Gefängnis, er musste nie dorthin zurück. Heute hat er eine Verlobte, einen Friseursalon, der alte Besitzer gab ihm nach seiner Entlassung eine zweite Chance, einen weiteren Laden hat er sich gerade erst gekauft, ihn renoviert. Über seine Haftstrafe sagt er: "Ich bereue, was ich dem Mann angetan habe, damals; ich bereue nicht, was das mit meinem Leben machte." Ihm bleibt das Gefühl, dass er den Menschen etwas zurückgeben will von seinem Glück.
An einem Tag im Oktober 2017 läuft Sean Johnson die Straße lang, da sieht er einen Mann, der Haare schneidet. Auf dem Boden vor ihm steht eine Kreidetafel, darauf heißt es: "Free Haircuts For Homeless". Der Mann ist Brennon Jones. Die beiden sprechen, Sean Johnson sagt zu ihm: "Du bist ein korrekter Typ." Die beiden Friseure begegnen sich an diesem Tag zum ersten Mal, dann schenkt Johnson dem Friseur von der Straße seinen zweiten Salon. Die Lokalpresse nennt Johnson hinterher nur den großzügigen Fremden.
Es ist ein Sonntag im November, Hunderte Menschen drängen in den kleinen Friseursalon mit den roten Ziegelsteinwänden und dem Namen "Haircuts 4 Homeless", im Fenster steht in Schnörkelschrift: "Trust the Lord with all your heart". Brennon Jones schneidet den Obdachlosen die Haare, auch Sean Johnson, eigentlich als Mentor und Coach dort, rasiert einem Mann um die 40 den Kopf. Der sagt hinterher zu ihm: "Schau, wie gut ich aussehe." Und: "Hey, ich hole mir jetzt endlich einen Job."
In einer Ecke im Salon steht Sean Johnsons Mutter, sie schaut zu ihrem Sohn, geht auf ihn zu und küsst ihn auf die Stirn.