Gesellschaft Warum geht der Mensch demonstrieren?
Demonstrantin in Hamburg
Foto: Boris Roessler/ dpaAn einem Sonntag kamen sie an. Nach einem Marsch von 400 Kilometern in 25 Tagen trafen sie aus der Regierungsstadt Ankara am 9. Juli in Istanbul ein, am demokratischen Unruheherd, in der Stadt von Taksim-Platz und Gezi-Park. Zu Anfang waren es Hunderte, vielleicht tausend, in ihrer Mitte der Initiator Kemal Kilicdaroglu, Oppositionsführer in der Türkei, ein bislang zögerlicher Politiker. Am Ende ihres Weges waren es Zehntausende, die miteinander wanderten, viele trugen ein Schild mit dem Wort "Adalet", Gerechtigkeit; bei der Kundgebung am Ufer des Marmarameers waren es Hunderttausende, die da dicht gedrängt standen, eingerahmt von Häuserzeilen und dem großen Wasser. Eine kleine, friedliche Menschheit.
Kilicdaroglus Vorbild war der legendäre Salzmarsch des barfüßigen Friedensaktivisten Mahatma Gandhi mit seinen Jüngern, 24 Tage lang von seinem Aschram bei der indischen Metropole Ahmedabad bis nach Dandi am Arabischen Meer - in dessen Folge Zehntausende Inder verhaftet wurden. Seine Aktion erinnert aber auch an den "Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit" von Martin Luther King, der allerdings keine Pilgerreise war; die rund 250.000 Menschen kamen in Bussen, mit der Bahn und Autos zum gemeinsamen Zug durch die Hauptstadt der Vereinigten Staaten.
Kings Rede "I have a dream" entfaltete eine erst so berührende, dann historische Wirkung wohl auch, weil ihre Rhetorik die Körpersprache der Situation wiederholte und sich beides gegenseitig verstärkte: Es ging um die Realität des Rassismus, um eine Geschichte des Schmerzes, der sozialen und körperlichen Gewalt, doch es war eine Demonstration der Wehrlosigkeit. Die Menschen waren untergehakt und sangen, sie hatten ihre Kinder dabei, sie trugen leichte Kleidung. All diese Details drückten Vertrauen aus, zu dem es in ihrem Alltag, in dem sie ihrer Unversehrtheit nicht sicher sein konnten, keinerlei Anlass gab; ihr Schutz bestand darin, dass es so viele waren, aber jeder Einzelne von ihnen war ein waffenloser, ungeschützter Leib. Die Demonstrationen geben Rätsel auf.
Seit der Finanzkrise nehmen die Demonstrationen weltweit wieder zu, vor allem in den reichen Regionen der Welt. Es gab Riots wie in London 2011, es gab den blutigen G-8-Gipfel zehn Jahre zuvor in Genua, und es gab vergleichsweise kleine, aber medienwirksame gewalttätige Ausschreitungen wie in der vergangenen Woche in Hamburg.
In mehr als 90 Prozent der Fälle aber ist der Protest ein friedlicher - mit globaler Tendenz zu Forderungen, die neben ökonomischer Gerechtigkeit auf eine faire Justiz, demokratische Freiheit und ökologische Verantwortung zielen. Immense Menschenmengen versammelten sich gegen Trump nach seiner Inauguration zum Women's March im Januar dieses Jahres, darunter Intellektuelle wie Siri Hustvedt, die mit einer gewissen Berechtigung sagen könnten, dass sie mit einem Text im "New Yorker" größere Wirkung erzielen als mit ihrem Einsatz des Körpers in einer Masse von Hunderttausenden.
Women's March in Los Angeles im Januar
Foto: Jae C. Hong / APEs liegt ein Antagonismus in diesen Demonstrationen, sie geben Rätsel auf. Eine Versammlung von Menschen, die allein durch ihre Größe besticht, stellt jedem Einzelnen im Vorhinein die Frage, ob sein Einsatz von Zeit und Bewegung die Mühe lohnen wird. Beide Annahmen sprechen dagegen: Wenn sich zu wenige auf den Weg machen, war das Engagement vergebens, und man nimmt außerdem noch das peinliche Gefühl mit nach Hause, zu den Verlierern des Tages zu zählen. (Diese Unruhe, die suchenden Blicke, mit denen man abzuschätzen versucht, ob es auch genügend Leute werden oder ob man wenigstens jemanden kennt, der dann genauso erleichtert ist, nicht allein zu sein...) Kommt jedoch eine Masse zusammen (und kann man, wenn man allein unterwegs ist, niemanden darin entdecken, der einem durch die Einsamkeit hilft), dann drängt sich erst recht der Gedanke auf, dass es auf den einen Zweibeiner mehr nun auch nicht angekommen wäre. Denn bei einer Demonstration ist der kleinste gemeinsame Nenner zugleich der größte: Es geht um die schiere Präsenz.
Einzelne mögen ins Bild der sozialen Netzwerke oder der Medien geraten, wenn sie ein selbst gebasteltes Schild mit originellem Slogan tragen, aber für die allermeisten gilt: Du bist mit deinem Körper hier, mehr wird von dir nicht verlangt. Mit dem Basislager der Existenz, das man säubert und nährt, das Energie gibt und verbraucht, dessen Individuierung aber, die so viel Zeit, Geld und Konzentration erfordert hat - für Kleidung, Frisur, Muskelgewebe, den inneren und den äußeren Zustand -, hier gar nicht in Betracht kommt. Und erst recht nicht all das, worauf der moderne Zeitgenosse so stolz ist: seine differenzierten Meinungen, sein Spezialwissen, seine Neigungen und sein Besitz.
Es ist eine fast archaische, schlichte Art, politisch zu sein - jenseits all der lustigen, fantasievollen, aufreibenden Aktivitäten in Arbeitskreisen, Parteien, bei Attac und in Stadtteilinitiativen für Flüchtlinge, bei öffentlichen Performances und Flashmobs. Hier geht es nur um die schiere Anwesenheit, um das uralte Hier und Jetzt. Zugleich aber tragen die individuellen Medien natürlich zum Ereignis bei. Indem sie es initiieren, durch Aufrufe von zentralen Stellen wie durch horizontale Kommunikation, aber auch indem sie es beglaubigen und damit für den Einzelnen verdoppeln (im Selfie) und dem elektronischen Gedächtnisspeicher hinzufügen sowie für die vielen zugänglich machen.
Es ergeben sich so verzerrte Eindrücke - wie die weithin lodernden Feuer auf dem Hamburger Schulterblatt, die von Gegenwärtigen als kleine, überschaubare Brandstellen wahrgenommen wurden und erst durch die fotografische Wiedergabe ihre apokalyptische Wirkung erzielten -, die wiederum nur durch andere, ebenso individuelle Eindrücke mosaikhaft korrigiert werden können. Hier kommen Wahrhaftigkeit und Wahrheit nur in der Gesamtschau zusammen, für die, wenn es gut geht, die Medien sorgen.
Die zeitgenössische Demonstration wirkt, anders als der disziplinierte Marsch hinter Martin Luther King, immer häufiger durch das dialektische Spiel zwischen der bloßen Menge und der paradoxen Intervention von Einzelnen. Die daraus entstehenden Bilder erzählen Geschichten, die viel Raum geben für Projektion und zugleich das Versprechen enthalten, man könnte aus diesem Augenblick die Situation im Ganzen verstehen. Aus Hamburg kam das Foto der jungen Frau in rot glänzenden, engen Leggins, die, auf einem Räumpanzer stehend, von zwei hochgerüsteten Polizisten mit Pfefferspray attackiert wurde.
Ihre aufrechte Haltung, die erhobenen Hände und der geneigte, zur Seite gewandte Kopf erzielen den ikonischen Eindruck einer zarten, aber unbeugsamen Heldenfigur. Wenn man aber berücksichtigt, dass sie in einer hoch angespannten, von Gewaltbereitschaft gesäumten Straßensituation den panzerhaften Wagen unbemerkt erklomm, um sich, nach Ablegen ihres bunten Rucksacks, darauf mit tänzerischer Anmut zu präsentieren, ergibt die Geschichte einen anderen Sinn. Hier wurde eine Asymmetrie der Beteiligten - wehrlos versus bewaffnet, Zivilist versus Polizist, erkennbares Individuum versus Mannschaftswesen inkognito - in Szene gesetzt, die im Kopf des Betrachters einen Genreklassiker evoziert: maßlose, mechanisch brutale Polizei gegen harmlose, spontane Demonstrantin aus Überzeugung, eine Art Pippi Langstrumpf der freundlichen Anarchie. Der narzisstische Gehalt der Inszenierung, vor allem aber das zugrunde liegende Skript - ich provoziere die Autorität eines demokratischen Staates, damit sie sich ins Unrecht setzt - können aus dem Bild allein nicht entschlüsselt werden.
Aktivistin in Baton Rouge, Louisiana 2016
Foto: Jonathan Bachman/ Reuters/ World Press PhotoEine von der Besetzung ähnliche, aber politisch gegenteilige Inszenierung sieht man auf dem Foto von der Demonstration gegen rassistische Polizeigewalt am 9. Juli 2016 in Baton Rouge, Louisiana. Die Ungeschütztheit der jungen Frau vor der waffenstarrenden Polizei appelliert an dieselbe menschliche Empörung gegen die Asymmetrie im Leiblichen, erregt spontan dieselbe Anspannung und Anteilnahme. Die rechte Hand, hütend vor der Körpermitte, und die linke, die sich den Männern öffnet, erzählen aber in Verbindung mit dem geraden Stand, der würdevollen, ja stolzen Haltung eine andere Geschichte: Es geht um ein Innehalten, durch Wehrlosigkeit erzwungen. Aus dieser Situation der Erstarrung kann etwas Neues entstehen, denn diese Demonstrantin kommuniziert direkt. Sie appelliert an die Moral der Männer, die auf sie zukommen - und an die Moral des Publikums -, durch ihre schiere, wehrlose Körperlichkeit. Durch das Pathos einer Geste, die spricht: Hier ist mein Leib. Ich bin bereit, seine Schönheit und Integrität zu riskieren, indem ich mich ausliefere. Hier wird die Geschichte der Gewalt, die zwischen weißen Polizisten und schwarzen Amerikanern gang und gäbe ist, für buchstäblich einen Augenblick angehalten.
Auch diese Situation ist, vermutlich, kalkuliert, auch sie bezieht ihre Intensität aus der Paradoxie. Aber sie ist nicht darauf angelegt, ein Muster zu wiederholen - was den Unterschied ausmacht zwischen politischer Infamie (die persönlich naiv sein kann) und einer vielleicht naiven, aber ergebnisoffenen Intervention auf eigenes Risiko. Und während die Hamburger Szene in einem provozierten Ausnahmezustand ihren moralisierenden Effekt haben soll, illustriert die Szene in Baton Rouge, symbolisch erhöht und verdichtet, eine alltägliche Erfahrung. Zugleich entfaltet sie eine Dimension von Politik, die jede Demonstration, und sei sie am Ende noch so öde, zunächst verspricht, allein durch die Tatsache, dass Menschen in Raum und Zeit mit einem Anliegen aufeinandertreffen: die Wirksamkeit, die Handlungsfähigkeit des Einzelnen, auch in der Menge - als ihr unscheinbarer, nur additiv wirksamer Teil oder als der Protagonist einer bisher unerzählten Geschichte. "Der Neubeginn", so formulierte es die Philosophin Hannah Arendt, "der mit jeder Geburt in die Welt kommt, kann sich in der Welt nur darum zur Geltung bringen, weil dem Neuankömmling die Fähigkeit zukommt, selbst einen Anfang zu machen, d.h. zu handeln."
Erdem Gündüz, der "stehende Mann" auf dem Taksim-Platz in Istanbul, handelte nur, indem er nichts war als ein Körper. Nach der Räumung des Gezi-Parks im Sommer 2013 stand er da und schaute, unbewegt, unbewaffnet, stundenlang. Bald stellten sich andere dazu. Er kommunizierte ohne Worte und ohne Gesten, allein durch seine Präsenz. Ein menschlicher Körper, dann immer mehr.