Bilanz: Zerstobene Träume - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Bilanz Zerstobene Träume

Ein langjähriger Afrika-Begeisterter blickt zurück auf seine Erfahrungen - und zieht eine Lehre.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Albert Schweitzer hielten wir jungen Leute Anfang der sechziger Jahre für einen altmodischen Patron. Der würdige Herr hatte zwar sicher seine historischen Verdienste, mutete uns aber wie eine anachronistische Erscheinung an: Wer sich wie er weigerte, sein Krankenhaus mit den Errungenschaften der Technik auszurüsten, es andererseits aber Angehörigen seiner Patienten erlaubte, neben diesen zu kampieren und auf dem Hof auf offenem Feuer Fufu zu kochen - der war nicht auf der Höhe der Zeit. Schweitzers Lambarene-Hospital konnte doch bestimmt Geld für eine moderne Küche und eine Klimaanlage auftreiben, sagten wir uns. Weshalb passierte nichts? Wollte der "Urwald-Doktor" den "Eingeborenen" die Segnungen der Moderne vorenthalten?

Für das aufstrebende Afrika sollte das Beste gerade gut genug sein. So wie ich dachten 1962 auch meine nigerianischen Kommilitonen an der Universität von Ibadan. Auf dem Campus aus neuen Gebäuden und gepflegten Grünanlagen herrschte der Fortschrittsglaube der damaligen Zeit. Afrika wollte die Entwicklung Europas im Sturmschritt nachholen. Das Gestern sollte - sanft unterstützt von den Industriestaaten - mit dem Morgen verschmelzen. In den Szenarien wohlmeinender Intellektueller wurden Dorfgesellschaften in die Moderne katapultiert. Man müsse nur Traktoren statt Schaufeln und Motorpflüge statt Hacken einführen und dabei die Werte der traditionellen Solidargemeinschaft erhalten: die familiäre Sorge für Waisen und die Achtung vor den Alten.

Marxistische und christliche Träumer malten Afrika als Modell für eine bessere Welt aus. Und sogar knallharte Kapitalisten glaubten an den unaufhaltsamen Aufstieg des Erdteils: Handelskammern und Industrieverbände von New York bis Hamburg schwärmten damals von Afrikas "Märkten von morgen".

Wir Afrika-Begeisterten aller Couleur übersahen großzügig kleine Ärgernisse. So fanden wir es zwar übertrieben, wenn sich neue Kleinstaaten zu ihrer Flagge und Hymne und zu den obligaten Regierungsbauten auch noch Jets für eine eigene nationale Fluggesellschaft zulegten. Aber schnell fanden wir entschuldigende Erklärungen: Symbole wie die Flugzeuge oder ein überdimensioniertes Nationalstadion seien notwendig, wo unterschiedliche Stämme zu einer Nation zusammenwachsen sollen. Also sollten unsere Länder liefern, was die neuen Regierungen wünschten. Außerdem würde der Ostblock einspringen, wenn der Westen Forderungen der Afrikaner ablehnte.

Denn die Unabhängigkeitswelle rollte über Afrika, als der Kalte Krieg die Welt spaltete. Amerika und die Sowjetunion buhlten um die Sympathien der neuen Staaten. Afrika war als Rohstofflieferant und strategische Weltregion immens wichtig. Wem würden sich die neuen Regime zuwenden? In Deutschland erschienen Bücher mit Titeln wie "Schwarze Haut im roten Griff" und "Afrika - schwarz oder rot". Nach der historischen Rauferei um Afrika, die die europäischen Kolonialmächte im 19. Jahrhundert inszeniert hatten ("scramble for Africa") balgten sich diesmal die entgegengesetzten politischen Lager um den Schwarzen Kontinent.

Ich erlebte den Wettkampf der Systeme hautnah, als ich ein paar Wochen in der Presseabteilung der westdeutschen Botschaft in Lagos aushelfen durfte. Die Arbeit bestand im Wesentlichen darin, Artikel über die Bundesrepublik in nigerianischen Publikationen zu plazieren und die DDR-Konkurrenz herauszuhalten. Einheimische Journalisten wurden mit Geschenken und Einladungen beeinflusst - und hatten Mühe, sich im deutsch-deutschen Palaver zurechtzufinden.

Ich erinnere mich, wie ein Botschaftsmensch am Telefon einem afrikanischen Redakteur verzweifelt etwas klarmachen wollte: Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund FDGB sei - anders als sein Name suggeriert - die staatlich gelenkte Einheitsgewerkschaft der Kommunisten im Osten. Eine freie Arbeitnehmervertretung sei nur der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB in der Bundesrepublik. Die Belehrung wurde nicht verstanden. Denn zwei Tage später stand in der Zeitung ein reich bebildeter Bericht über heitere Werktätige in Gewerkschaftsheimen auf der Insel Rügen. Eins zu null für den Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Kalter Krieg mit Radio Dolce Vita

Die manchmal lächerliche, manchmal ärgerliche Ost-West-Rivalität bescherte mir meine erste feste Anstellung. Weil der Wettkampf um Afrikas Seelen auch im Äther geführt wurde, baute die Deutsche Welle in Köln eine riesige Afrika-Redaktion auf. Ich wurde engagiert. In Englisch, Französisch und mehreren afrikanischen Sprachen sendeten wir auf Kurzwelle Programme Richtung Afrika - so, wie die britische BBC, das Vorbild aller Rundfunkleute, und die Voice of America sowie, auf der anderen Seite, Radio Moskau und der DDR-Auslandssender Radio Berlin International. Aufregung kam auf, wenn etwa die Ost-Konkurrenz plötzlich auch in Äthiopiens Amtssprache Amharisch zu hören war. Sofort musste der Westen nachziehen. Ein Triumph über die Kontrahenten wurde gefeiert, als die Deutsche Welle im zentralafrikanischen Ruanda eine Relaisstation errichten durfte, von der aus die Kölner Sendungen verstärkt ausgestrahlt werden konnten.

Ob der Radio-Wettbewerb im Kalten Krieg um Afrika viel brachte, ist schwer zu sagen. Jedenfalls lernte ich in der Redaktion in Köln und auf Reisen ins Zielgebiet viele Afrikaner kennen. Besonderen Spaß machte es, Hörer-Clubs zu besuchen und den Mitgliedern "Voice of Germany"-T-Shirts und Bücher in die Hand zu drücken oder Gewinnern von Preisausschreiben ein Transistorradio zu überreichen. Ich erlebte die Aufbruchstimmung an der Basis. Für junge Leute in den neuen Staaten bedeutete der Kontakt zu einem Sender in Europa oder Amerika die Verbindung zur Welt. Hörer schrieben zu Hunderten nach Köln; dabei hatten etliche Absender Schwierigkeiten mit dem Namen "Deutsche Welle". Doch die Briefträger wussten Bescheid und überbrachten auch Briefe mit Adressen wie "Radio Dolce Vita, Cologne".

Die Bedeutung der ausländischen Sender wuchs in Ländern, die sich von pluralistischen Gesellschaften in Einparteien-Staaten wandelten. Wo Oppositionsparteien verboten und Medien gleichgeschaltet wurden, suchten politisch Interessierte neue Informationsquellen und kamen dabei auf die Kurzwellen-Programme aus der Ferne. Deren Macher mussten, wollten sie gehört werden, nicht platte Propaganda liefern, sondern Nachrichten und Analysen.

Leider überschlugen sich nach der Euphorie der Unabhängigkeitsjahre die schlechten Nachrichten. Das goldene Bett einer ghanaischen Ministergattin wurde zum klassischen Beispiel missbrauchter Entwicklungsgelder. Helden des Freiheitskampfes wie Kwame Nkrumah verwandelten sich nach ihrer Wahl zu Präsidenten in Diktatoren. Deshalb putschten in vielen Ländern Militärs und wurden von der Bevölkerung gefeiert - bis sie sich als schlimmere Tyrannen entpuppten als die gestürzten Zivilherrscher. Bürgerkriege brachen aus. So waren negative Themen vorgegeben, als ich mich in den siebziger Jahren als Auslandsredakteur im SPIEGEL vorwiegend um Afrika kümmerte. Wie viele aus meiner Generation erklärte ich mir die enttäuschende Entwicklung vor allem mit den Folgen der kolonialen Erblast.

Ein großes Problem des neuen Afrika wurde mir klar, als ich dann in Washington als Korrespondent arbeitete und dort einen nigerianischen Freund wiedertraf: Akin Fatoyinbo war von Ibadan nach Deutschland gekommen und hatte während seines Studiums zeitweise bei der Deutschen Welle gearbeitet. Nun machte er bei der Weltbank Karriere. Akin und etliche Afrikaner seiner Altersgruppe in internationalen Organisationen waren Beispiele für einen fatalen afrikanischen Aderlass: Statt zu Hause ihre Heimatstaaten mitaufzubauen, gingen viele der fachlich und moralisch Besten ins Ausland. Doch wer wollte ihnen das angesichts der Korruption, Inkompetenz und Unsicherheit in ihren Herkunftsländern übelnehmen? Ein anderer Bekannter aus Ibadan-Tagen, Dr. Babs Oredien, kehrte zwar nach dem Studium in Deutschland zurück nach Nigeria und betreibt bis heute eine Praxis in Lagos. Aber 34 seiner 37 Geschwister und Halbgeschwister leben im Ausland. Babs hat so viele Brüder und Schwestern, weil sein verstorbener Vater - ein bekannter Yoruba-Chief und Politiker - mit vier Frauen verheiratet war.

Solche Kontakte hielten mich persönlicher auf dem Laufenden über Afrikas Entwicklung als die Nachrichten. Dennoch war ich schockiert, als ich nach meiner Rückkehr in die Hamburger Redaktion in den neunziger Jahren wieder regelmäßig den Kontinent bereiste. Wie etliche aus meiner Altersgruppe verfiel ich in tiefen Afro-Pessimismus. Sierra Leone, Liberia, Somalia - wo einst Staaten funktionierten, litt die Bevölkerung nun unter der Willkür von Kriegsherren. Statt des erwarteten Fortschritts erlebten wir einen Rückfall in archaische Barbarei.

Jetzt beklagten progressive Intellektuelle "das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie". Sie schlugen vor, "besonders bedrohte Krisenregionen unter die Treuhandschaft der Länder des Nordens" zu stellen (so der Entwicklungssoziologe Ulrich Menzel). Im SPIEGEL publizierten wir im Dezember 1992 eine bis dahin kaum denkbare Titelgeschichte: "Elendskontinent Afrika - Rettung durch die Weißen?".

Zwar konnten wir 1994 aufatmen, als es dank der Jahrhundertfigur Nelson Mandela in Südafrika nicht zum befürchteten Blutbad kam. Doch die Erleichterung über den friedlichen Machtwechsel am Kap wurde durch den Völkermord in Ruanda überschattet. Im Kongo zeichnete sich ein neuer Bürgerkrieg ab, und in Nigeria herrschte mit Sani Abacha der schlimmste in einer Kette von Militärdiktatoren.

Nigeria, mein Lieblingsland aus Studententagen, hatte wieder einen gewählten Präsidenten, als ich im Dezember 2002 - nun frisch im Ruhestand - zum letzten Mal dorthin reiste. Meine Frau war mitgekommen, der Anlass traurig: Unser Freund Akin Fatoyinbo war auf seiner letzten Weltbank-Mission vor seiner Pensionierung an Herzversagen gestorben und sollte in Heimaterde beigesetzt werden. Wir reisten über Benin in Nigeria ein. Auf der Drei-Stunden-Fahrt von der Grenze bis nach Lagos passierten wir 15 Straßensperren. Polizisten oder Soldaten kassierten Wegzölle von allen Fahrzeugen - deprimierend. Einen hoffnungsvollen Kontrast zu den zerlumpten bewaffneten Männern bildeten Mädchen und Jungen in properen Schuluniformen rechts und links der Straße. Aber was für Vorbilder erleben diese Kinder. Der deutsche Slogan "Die Polizei, dein Freund und Helfer" muss für sie wie ein grimmiger Witz klingen.

Auf der Trauergesellschaft erwähnte ich, dass Nigeria 1965 Ziel unserer Hochzeitsreise gewesen war. Jüngere Gäste starrten uns daraufhin an wie Wesen aus einer anderen Welt: Das Nigeria unserer Jugend, in dem es keine illegalen Straßen-Checkpoints, stattdessen aber ein Netz von properen und preiswerten Catering Rest Houses gegeben hatte, war ihnen ganz und gar unvorstellbar geworden.

Mit einem inzwischen in den USA lebenden nigerianischen Mediziner aus meiner Generation sprach ich über unsere einstige Einstellung gegenüber Albert Schweitzer. Wir leisteten Abbitte bei ihm. Denn die meisten Hightech-Hospitäler in Afrika waren wegen Stromausfällen, mangelnden Ersatzteilen und fehlendem Wissen zu Entwicklungsruinen verkommen - zu nutzlosen "weißen Elefanten". Das Gesundheitssystem funktioniert höchstens dort, wo mit einfachen Mitteln gearbeitet wird.

Mir ging noch etwas anderes durch den Kopf: Wenn ich einmal hilflos in einem Krankenhaus liegen sollte, möchte ich lieber einen Angehörigen neben mir haben als Kabel und Schläuche am Körper.

Doktor Schweitzer, Sie hatten recht.