Seitenblick "Die Hottentotten-Venus"
Ihr Geburtsname ist ebenso unbekannt wie das genaue Geburtsdatum - wahrscheinlich war es der August 1789. Sie gehört zum Ureinwohner-Volk der Khoisan im südlichen Afrika, das die niederländischen und britischen Siedler unterdrücken und verfolgen. Um 1806 wird sie Amme und Dienstmädchen auf der Farm von Peter Cezar nahe Kapstadt, ihren Vater und ihren Ehemann haben die weißen Herren da schon getötet. Saartjie Baartman heißt sie dort - der Vorname ist eine Verniedlichung von Sarah.
1810 besuchen Cezars Bruder Hendrick und sein Freund, der britische Schiffsarzt Alexander Dunlop, die Farm. Beide fixieren sich auf Saartjie Baartmans ausladendes Hinterteil. Es wird zur Projektionsfläche für die sexuelle Phantasie europäischer Männer, derzufolge schwarze Frauen, wenn sie auch keinen Geist besitzen, umso mehr naturhaft wilde Lust verheißen. Arzt Dunlop wittert eine Chance. Britische Marineoffiziere wie er tragen in der Ära von Englands unbestrittener Seeherrschaft weltweit Objekte für die Museen der Hauptstadt zusammen. Auch Betreiber privater Ausstellungen und Kuriositätenkabinette pflegen enge Beziehungen zu Seeleuten. Eine wie Saartjie Baartman kann in England viel Geld bringen.
Ihr Beschaffer Hendrick Cezar wird rasch mit den Ausstellern handelseinig. Auch Lord Caledon, der neue Gouverneur am Kap - die Briten regieren dort erst wieder seit 1806 -, stimmt der Transaktion zu, kann London doch mit dem Schaustück seine neue Macht im Süden Afrikas demonstrieren.
Im September 1810 beginnen die öffentlichen Vorführungen in der britischen Hauptstadt. Plakate und Handzettel werben mit Superlativen: "The Hottentot Venus, just arrived from the interior of Africa; the greatest phenomenon ever exhibited in this country". Für zwei Shilling Eintritt ist jeder dabei. Man steckt Saartjie Baartman in ein Kleid in der Farbe ihrer Haut, so eng, dass es, wie voyeuristische Zeitgenossen berichten, "die enorme Größe ihrer hinteren Teile sichtbar macht, als sei die Besagte gänzlich nackt". Ein Besucher: "Eine Dame zwickte sie, ein Herr stieß sie mit seinem Spazierstock an, eine weitere Dame benutzte ihren Sonnenschirm, um sich von der Echtheit ihres Hinterteils zu überzeugen."
Auf kurze Kommandos muss sie sich auf der Bühne hin- und herdrehen, singen, tanzen und kurze Melodien auf einem traditionellen Saiteninstrument spielen. Das entwürdigende Schauspiel alarmiert zumindest einen Kritiker: Der Anti-Sklaverei-Aktivist Zachary Macaulay ist empört darüber, dass Baartman ihrer Freiheit beraubt und ihrem Besitzer vollständig ausgeliefert ist. Macaulay verklagt Hendrick Cezar, weil er Saartjie Baartman "auf die gleiche Weise wie wilde Tiere" vorführe. Das Gericht hört Zeugen und lädt am 27. November 1810 auch Baartman vor, lässt sie drei Stunden lang auf Niederländisch befragen. Die Akten sind erhalten. Sie steht offen Rede und Antwort: Sie sei aus freien Stücken da, die Hälfte der Einnahmen stünden ihr zu, sechs Jahre werde sie in England sein. Nur ihre Kleidung sei zu dünn, klagt sie. Der Prozess platzt. Doch in der Hauptstadt kippt die Stimmung gegen die Aussteller. Großbritannien hat 1807 den Handel mit Sklaven verboten, dessen Gegner sind mit ihrer "abolition society" eine Macht.
Cezar tingelt mit seinem Schaustück durch die Provinz. Doch die Geschäfte gehen zurück, der Reiz des Exotischen verfliegt schnell. Deshalb verkauft Cezar die Frau vom Kap nach Paris, wo der Tierbändiger Sieur Réaux sie 1814 in seinem Wanderzirkus vorführt.
Auch die Wissenschaft bemächtigt sich ihrer - womöglich tarnt sich sexuelle Neugier nur als Forscherinteresse. Es geht das Gerücht, die inneren Schamlippen der Khoisan-Frauen seien ungewöhnlich ausgeprägt. Das Phänomen existiert freilich nur in der Phantasie europäischer Männer so. Der renommierte Anatom Baron Georges Cuvier leitet die wissenschaftliche Untersuchung. Er attestiert: "Ihre Bewegungen haben etwas Affenähnliches, und ihre äußeren Geschlechtsmerkmale ähneln denen eines Orang-Utans."
Saartjie Baartmans weiteres Schicksal ist nicht verbürgt. Sicher ist nur, dass sie am 1. Januar 1816 an den Folgen eines Lungenleidens stirbt. Das ungewohnt raue Klima, die dünne Kleidung und das Dasein als Jahrmarktattraktion haben die Gesundheit der jungen Frau untergraben.
Auch ihre sterblichen Überreste sind vor dem Zugriff weißer Experten nicht sicher. Der berühmte Cuvier seziert den Leichnam, aus Gehirn und Schamlippen fertigt er Präparate in Alkohol, der Gipsabdruck ihres Körpers wird naturgetreu koloriert. Forscher vermessen ihre Knochen. In einem Lehrbuch von 1821 steht ihr Schädel in einer Entwicklungsreihe vom Wolf zum Menschen irgendwo in der Mitte. Bis 1974 werden das Skelett und der staubige, verblichene Gipsabguss im Pariser Musée de l'Homme gezeigt. Dann wandern die Exponate ins Magazin.
In Südafrika werden in den neunziger Jahren, nach dem Ende der Apartheid, Forderungen laut, Baartmans Überreste zurückzuholen und würdig zu bestatten. Der neugewählte Präsident Nelson Mandela spricht das Thema 1994 beim Besuch seines Amtskollegen François Mitterrand an. Der Franzose signalisiert Unterstützung. Doch die Sache kommt jahrelang nicht voran, hohe Museumsbeamte fürchten um ihre Sammlungen - es soll keinen Präzedenzfall Saartjie Baartman geben. Im Mai 2002 endlich überführt man die sterblichen Überreste der "Hottentotten-Venus" nach Johannesburg. Präsident Thabo Mbeki hält am 9. August 2002 die Traueransprache bei der feierlichen Beisetzung nahe der Stadt Hankey am Fluss Gamtoos - dort, wo Saartjie Baartman 213 Jahre zuvor geboren wurde.
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