Amerika als Supermacht Die Zocker von der Wall Street
In seinen besten Tagen genoss Richard (Dick) Fuld Heldenstatus. Als im September 2001 die Türme des World Trade Center einstürzten und die Wall Street mit Schutt und Asche überzogen, blieb der Chef der damals viertgrößten US-Investmentbank Lehman Brothers ganz cool.
Einen Tag nach dem Desaster, als in der Lobby des schwerbeschädigten Lehman-Bürohauses noch die Leichen aufgebahrt wurden, versammelte Fuld seine traumatisierten Mitarbeiter in der Bankdependance in Jersey City. Wie ein General gab er den Tagesbefehl aus, die Büros so herzurichten, dass möglichst viele Mitarbeiter einen Arbeitsplatz finden. Die wenigen Telefonleitungen teilte er den Bankern zu, die den meisten Profit heranschaffen würden. Zwei Tage später wurde ein Hotel in Midtown angemietet und in Büros umgestaltet. Als die New Yorker Börse am 17. September 2001 wieder eröffnet wurde, war Lehman Brothers bereit.
Im größten Chaos setzte Fuld auf Ordnung und Disziplin. Selbst die Kleiderordnung wurde revidiert. Dunkle Anzüge und weiße oder hellblaue Hemden für die Männer, dezente Businesskostüme für die Frauen waren Pflicht, auch an den Freitagen, an denen sonst eher Freizeit-Look angesagt war. "Wer sich nachlässig anzieht, arbeitet auch schlampig", lautete Fulds Credo.
Diese Pedanterie stand in scharfem Kontrast zu seiner Mentalität und seinem Temperament. Er galt als der wildeste, aber auch der härteste Chef der Wall-Street-Firmen. Kein Risiko war ihm zu hoch, kein Deal zu mühsam. Gorilla haben sie ihn genannt, wegen seiner überlangen Arme und weil er auf Kritik mit Grunzen und Fluchen reagierte und so lange wütete, bis er seinen Widersacher besiegt hatte. Er war der Meister eines Universums, das sich durch bedingungslose Loyalität und Teamgeist seiner 28.000 Söldner auszeichnete.
Und er war auch der Erste, wenn es an die Verteilung der Jahresbezüge ging. 2007 waren das mehr als 34 Millionen Dollar, der größte Teil wurde in Aktienoptionen beglichen. Seit seiner Berufung an die Spitze der Investmentbank 1993 hat Fuld fast 500 Millionen Dollar kassiert. Das reichte, um sich den in Wall-Street-Kreisen angemessenen Lebensstil leisten zu können: ein weitläufiges Anwesen im Nobelvorort Greenwich in Connecticut, Limousinen und eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Kunst, für deren Auswahl Fuld-Gattin Kathy verantwortlich ist. Mrs. Fuld kennt sich als Kuratorin des renommierten Museum of Modern Art in diesem Bereich bestens aus.
Auf das behagliche Leben an der Schlossallee ist jetzt ein dunkler Schatten gefallen. Seit 15. September ist Lehman Brothers pleite, viele Mitarbeiter stehen vor dem Nichts, ihre Aktienoptionen sind wertlos geworden, und die Frau des Chefs verkauft einen Teil der Bildersammlung zu einem Garantiepreis zwischen 15 und 20 Millionen Dollar. Diesen Betrag hat das Auktionshaus "Christies", das die Werke von Willem de Kooning und Agnes Martin unter den Hammer bringt, zugesagt unabhängig vom Verlauf der Auktion. Härter hat es Fulds zweiten Mann, Joe Gregory, getroffen. Der einst designierte Kronprinz hatte sein Luxusleben standesgemäß auf Pump finanziert, nun hat er offenbar Zahlungsprobleme. Sein Anwesen in den New Yorker Hamptons wird für gut 32 Millionen Dollar zum Verkauf angeboten.
Auch um Fulds Ruf und den seiner Kollegen ist es nicht mehr gut bestellt: Sie stehen am Pranger. Durch den schwunghaften Handel mit faulen Immobilienkrediten haben die Investmentbanker eine der größten Finanzkrisen in der jüngsten Geschichte ausgelöst. Millionen Hausbesitzer und Kleinanleger werden um ihre Existenz oder ihre Ersparnisse gebracht. Bankpleiten drohen und eine tiefe Rezession mit steigenden Arbeitslosenzahlen und weiteren Konkursen. Das große Monopoly, in dem selbst mickrige Hütten zu Höchstpreisen auf Pump versilbert werden konnten, ist vorbei. Die Immobilienblase, deren weltweite Dimension nur noch in Billionen beziffert wird, ist geplatzt.
Den feinen Herren von der New Yorker Wall Street, die den Immobilienkreditschrott für sich vergolden und die enormen Risiken an weniger gewandte Investoren durchreichen wollten, wird der Abschied zwar noch gut honoriert. Aber ganz ungeschoren kommen auch sie nicht davon. So räumte James Cayne, Chef der Investmentbank Bear Stearns, dessen Institut als Erstes in den Sog der Subprime-Krise geraten war, bereits Anfang 2008 sein Büro. Der Bankboss, der als leidenschaftlicher Spieler selbst auf dem Höhepunkt der Krise bisweilen seine Zeit lieber am Bridgetisch verbrachte als im Büro, verzichtete auf seinen Jahresbonus für das Krisenjahr 2007. Dafür verkaufte er noch schnell sein arg zusammengeschrumpftes Bear-Stearns-Aktienpaket für gut 60 Millionen Dollar. Sein Nachfolger Alan Schwartz verschleuderte die Investmentbank an den Konkurrenten JP Morgan und bekam, als er ging, 35 Millionen Dollar.
Den größten Reibach aber machte der Chef von Merrill Lynch, als er Anfang dieses Jahres seine Bürosuite bei dem Investmenthaus räumte. Er erhielt ein Abschiedspaket aus Aktien, Optionen und Pensionsverpflichtungen in Höhe von 160 Millionen Dollar und die Bezüge für 2007 von rund 46 Millionen Dollar. Auch bei den anderen Pleitekandidaten, die in letzter Minute vor dem Exitus gerettet werden konnten, kassierten die Chefs ordentlich beim Abschied.
2007 liefen die Geschäfte nicht mehr rund
Auf 2007 dürften Wall-Street-Trader und Investment-Broker noch lange wehmütig zurückblicken. Dabei war es noch nicht einmal das beste Jahr: Im Vergleich zu 2006 waren die durchschnittlichen Sonderzahlungen bereits um knapp fünf Prozent gekürzt worden.
Die Geschäfte liefen nicht mehr rund. Dennoch erreichten die Boni und Prämien an die Mitarbeiter der sieben größten Wall-Street-Banken die bisher einmalige Quote von 60 Prozent der Gewinne.
Im Schnitt erhielt jeder Mitarbeiter dieser New Yorker Geldbranche eine Einmalzahlung von rund 180.000 Dollar. Lloyd Blankfein, Chef des Branchenprimus Goldman Sachs, bekam allein 70 Millionen Dollar aus dem 20-Milliarden-Dollar-Topf, der die Zahlungen für alle Goldman-Sachs-Mitarbeiter enthielt. Bei Lehman wurden 2007 rund 9,5 Milliarden für die Kompensation der Belegschaft bereitgestellt.
Nicht erst im Licht der schweren Krise, der dramatischen Kursverluste und des drohenden Kollapses der westlichen Kapitalmärkte empfinden viele Amerikaner diese Summen, auch wenn sie größtenteils in Aktienoptionen bereitgestellt wurden, als astronomisch, maßlos, obszön.
Wall Street steht für Gier und Verschwendung, und solche Exzesse sind systemimmanent. Immer wieder sorgten Abenteurer, Zocker und Betrüger für Turbulenzen an den Kapitalmärkten. Mit Kreativität und krimineller Energie haben sie neue Modelle, Anlageformen und Finanzierungen gefunden, die schnelles Geld versprachen. Mal waren es neue Produkte, technologische Errungenschaften, die einen Boom auslösten, mal komplizierte Finanzwetten und dubiose Wertpapiere, die die Phantasie der Spekulanten und Anleger beflügelten.
Im Jahr 1907 wurde ein Börsencrash in New York durch Spekulationsgeschäfte ausgelöst. Der Präsident des renommierten Bankhauses Knickerbocker Trust, Charles Tracy Barney, war in den Versuch verwickelt, den Preis der United-Copper-Aktien zu steigern, indem seine Mitstreiter mit geliehenem Geld deren Anteile aufkauften. Doch das Spekulationsgeschäft scheiterte. Im Oktober 1907 verweigerte die National Bank of Commerce in New York die Annahme von Knickerbocker-Trust-Schecks und löste eine Panik unter den Kunden aus, Barneys Bank ging pleite. Barney beging wie einige seiner Kunden, die er ruiniert hatte Selbstmord.
Die Pleite des Trusts führte zu schweren Kursstürzen an der New Yorker Börse. Der wenige Jahre zuvor eingeführte Dow-Jones-Index verlor zwischen Januar 1906 und November 1907 fast die Hälfte seines Werts.
Dem Niedergang folgte eine langsame Erholung und in der Mitte der zwanziger Jahre eine bis dahin beispiellose Hausse. Angetrieben wurde der Börsenboom diesmal durch technische Innovationen wie Eisenbahnen, Autos und Flugzeuge. Die Aktien der Gesellschaften, deren Produkte die amerikanische Gesellschaft mobil machten, stiegen auf immer neue Höchststände. Zunächst waren es bürgerliche Kreise, die ihr Geld in diese Wertpapiere investierten, doch gegen Ende der zwanziger Jahre drängten auch weniger betuchte Anleger wie Ladenbesitzer, Handwerker, Arbeiter und Angestellte in den Markt.
Für die Börsenmakler war die neue unbedarfte Klientel eine wahre Goldgrube. Sie gewährten großzügig Kredite, damit die unerfahrenen Investoren mehr Aktien kaufen konnten. Die Banken refinanzierten die Makler und hielten so die florierende Geldmaschine in Schwung. Im August 1929 konnten sich klamme Anleger mehr als zwei Drittel des Nennwertes der Wertpapiere pumpen. Das gesamte US-Kreditvolumen hatte 8,5 Milliarden Dollar erreicht und lag damit über der sich im Umlauf befindlichen Geldmenge. Der Dow-Jones-Index erreichte Anfang September 1929 den Höchststand von mehr als 380 Punkten. Viele Profis begannen sich aus dem Markt zurückzuziehen.
Am 24. Oktober kam es dann zum ersten Einbruch an den Börsen. Bei Rekordumsätzen von 12,9 Millionen Aktien begannen die Kurse auf breiter Front zu fallen. Die Banken forderten die Kredite zurück, um selbst zahlungsfähig zu bleiben, und trieben damit Börsenmakler und Kleinanleger gleichermaßen in die Pleite. Es war der Anfang der Großen Depression, jener Weltwirtschaftskrise, die auch in Europa für Arbeitslosigkeit und Armut sorgte.
Rund 50 Jahre später brachen dann erneut goldene Zeiten für Hasardeure und Spekulanten an der Wall Street an. Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen konnten besser nicht sein. Die Republikaner hatten die Regierung übernommen, und mit Ronald Reagan saß ein überzeugter Kapitalist und Anhänger des wirtschaftspolitischen Laisser-faire im Weißen Haus. Selbst in die Redaktionen der überregionalen Tageszeitungen und Wirtschaftsmedien waren junge Betriebswirtschaftler, Volkswirte und Finanzmarktexperten eingezogen. Sie berichteten lieber über das Geschehen an den Kapitalmärkten, über die tollkühnen Zocker und die vielfältigen Chancen, schnell reich zu werden, als über die Fabriken der Mainstreet.
"Gierig sein und sich gut fühlen"
Investmentbanker und Spekulanten wie Michael Milken, Ivan Boesky oder Dennis Levine wurden die neuen Stars der Branche. Bereits während seines Studiums an der Berkeley University und an der renommierten Wharton-School hatte Milken sich mit hochverzinsten und riskanten Anleihen beschäftigt. Diese Bonds wurden von den Anlegern bisher trotz der hohen Zinsen als Junkbonds, also Schrottanleihen, verschmäht, weil sie in den sechziger Jahren vor allem von Pleiteunternehmen ausgegeben wurden.
Doch Milken konnte nachweisen, dass diese Papiere überdurchschnittlich gute Renditen brachten. Er wurde der Spezialist für die Junkbonds bei der Investmentbank Drexel Burnham Lambert und erzielte Kapitalrenditen von bis zu 100 Prozent.
Sein Einsatz zahlte sich aus: Milken verdiente 1976 fünf Millionen Dollar. Zehn Jahre später war sein Jahreseinkommen auf rund 500 Millionen Dollar gestiegen. Er hatte die Anlagemodelle weiterentwickelt und bot diese Bonds zur Finanzierung von Unternehmensübernahmen an. Merger & Acquisition, also Fusion und Kauf, hieß die Parole, die Milliarden Dollar Anlegerkapital an die Börsen brachte.
Die Kosten für die sogenannten Leveraged Buyouts auf Pump und mit Schrottanleihen finanzierte Aufkäufe von Firmen trug in der Regel das Übernahmeopfer, das um den Schuldendienst leisten zu können reorganisiert, umstrukturiert und filetiert werden musste. Die Zeche zahlten die Mitarbeiter, von denen viele ihren Job verloren. Dennoch wurde dieses Finanzierungsmodell schnell sehr populär. Drexel Burnham Lambert stieg zum zeitweise profitabelsten Investmentkonzern an der Wall Street auf.
Der bekannteste Spekulant jener Jahre war Ivan Boesky. Der Sohn eines russischen Emigranten und Restaurantbesitzers aus Detroit drehte bald das ganz große Rad an der Wall Street. Seine Karriere hatte er als Buchhalter in einer Rechtsanwaltskanzlei begonnen. Durch die Ehe mit der Tochter eines großen Immobilienunternehmers in New York erhielt er Zugang zu Kapital und Know-how. Boesky begann, Aktien von Unternehmen zu kaufen, die als Übernahmekandidaten gehandelt wurden. Er stieg zu niedrigen Kursen ein und verkaufte, sobald die Kurse nach einem Übernahmeangebot kräftig gestiegen waren. Die Differenz war sein Gewinn.
Sein Modell zur persönlichen Vermögensbildung war nicht besonders originell, er setzte wie die meisten der Börsenspekulanten auf steigende Kurse. Doch er war rücksichtsloser als alle anderen, er baute sich ein engmaschiges Netz von Informanten auf, die ihm rechtzeitig steckten, welche Deals anstanden, so dass er vor allen anderen einsteigen und besonders hohe Gewinne realisieren konnte. Dieser Insiderhandel war schon damals illegal und wurde streng geahndet. Doch Ivan der Schreckliche, wie Boesky an der Wall Street genannt wurde, scherte sich nicht um die Gesetze.
Sein wichtigster Zuträger war der Investmentbanker Dennis Levine, der für die Investmentbank Drexel Burnham Lambert diese lukrativen Deals vorbereitete und im Auftrag von Kunden geeignete Übernahmekandidaten suchte. Levine erhielt für seine Informationen, die er seinem Auftraggeber telefonisch übermittelte, stattliche Provisionen.
Den Löwenanteil behielt Boesky. Er war auch nicht zimperlich, seinen neugewonnenen Reichtum zur Schau zu stellen. Zu seinem Lebensstil gehörten protzige Limousinen, Hubschrauber, Häuser und Bürofluchten in den teuersten Lagen der Stadt. Boesky wurde zum Vorbild vieler Wirtschaftsstudenten, denen er bei Ansprachen und Vorlesungen dringend empfahl, gierig zu sein. Denn "Habgier", so lautete seine Maxime, "ist gut." Man könne "gierig sein und sich gut fühlen".
Sein Luxusleben und seine kriminellen Machenschaften lieferten die Vorlage für die Hollywood-Produktion "Wall Street" von Oliver Stone. Als der Film in die Kinos kam, war Boeskys Geldmaschine allerdings bereits abgestellt. Der New Yorker Staatsanwalt Rudolph Giuliani ermittelte gegen die Spekulanten. Levine geriet als Erster ins Visier der Justiz. Boesky gelang es, einen Deal mit den Gesetzeshütern zu schließen. Er wurde zum Kronzeugen, der den Behörden half, den größten Insiderskandal der amerikanischen Börsengeschichte aufzudecken.
Boesky gestattete den Ermittlern, seine Telefone abzuhören und Gespräche, die er mit seinen Informanten führte, mitzuschneiden. Dafür durfte er seine Geschäfte weiterführen. Boesky konnte sogar noch Wertpapiere im Wert von 400 Millionen Dollar verkaufen. 100 Millionen Dollar musste er zwar als Geldstrafe abgeben, doch insgesamt kam er gut weg. Von der Haftstrafe von dreieinhalb Jahren musste er zwei Jahre absitzen.
Im Zuge der Ermittlungen gegen Levine und mit Boeskys Hilfe kamen die Ermittler 1989 auch Milken, dem Superstar des Junkbond-Markts, auf die Schliche. Er wurde wegen Insiderhandels und Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung zu hohen Geldstrafen und einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt, musste allerdings nur rund zwei Jahre absitzen. Wie Boesky und Levine erhielt auch Milken ein lebenslanges Berufsverbot, er darf nicht wieder im Wertpapierhandel arbeiten. Sein Rat als Investmentbanker ist dennoch weiter gefragt. Sein Vermögen wird noch immer auf 2,5 Milliarden Dollar geschätzt.
"Wall Street wird nicht mehr das sein, was es einmal war"
Nach dem Abgang des Börsenstars ging dem Fusionshype die Luft aus. Im Oktober 1987 sorgte der größte Kurssturz an der New Yorker Börse für zusätzliche Ernüchterung. Um fast 23 Prozent sackte der Dow-Jones-Index an einem einzigen Tag ab. Anleger, Notenbanker und Politiker in den westlichen Industriestaaten hielten die Luft an. Parallelen zum Crash von 1929 wurden gezogen: War es wieder so weit? Doch die Regierungen reagierten schnell. Die Zentralbanken überschwemmten die Märkte mit frischem Geld, der amerikanische Zentralbankchef Alan Greenspan senkte die Zinsen. An der Wall Street wurde noch einige Monate gespart, Investmentbanker verloren ihre Jobs, der eine oder andere Porsche und Ferrari wurde verkauft. Dann ging die Party weiter.
An der Wall Street waren nun Gründung und Börseneinführung neuer Unternehmen lukrative Betätigungsfelder. Das Internet heizte die Phantasien der Hasardeure und Spekulanten an. Bis zum Ende der Neunziger-Dekade hatte die neue Börseneuphorie Millionen von Menschen infiziert. Banken und Broker verdienten sich eine goldene Nase.
Die wirklich Großen der Freibeuter-Branche legten sich sogar mit Regierungen an. Der Finanzier George Soros zwang 1992 mit seiner Spekulation gegen das britische Pfund sogar die Notenbank des Königreichs in die Knie. Großbritannien musste seine Währung abwerten und aus dem europäischen Währungsverbund ausscheiden. Soros verdiente über eine Milliarde Dollar.
Andere Spekulanten stürzten mit gezielten Attacken auf den thailändischen Baht die Wirtschaft des Schwellenlandes in eine schwere Rezession und lösten die asiatische Krise aus. Dass auch Staaten wie Südkorea, Malaysia und Vietnam in den Abwertungsstrudel gezogen wurden, erhöhte in diesen Kreisen eher die Spannung und den Profit. Die wachsende Not der Menschen in den asiatischen Ländern schlug sich in den goldgeränderten Bilanzen der Fondsgesellschaften nicht nieder, sie spielte auch keine Rolle bei der Berechnung der Boni und Prämien für die Manager. Und es gab auch kaum Appelle der westlichen Regierungen an Investmentbanker, diese gefährlichen Spiele zu unterlassen.
Erst als 1998 bekannt wurde, dass die amerikanische Fondsgesellschaft LTCM Milliarden Dollar an den internationalen Anleihemärkten verspekuliert hatte, griffen US-Regierung und Notenbank ein. Sie organisierten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ein Rettungspaket privater Banken, das Topmanagement wurde entlassen.
An den Aktienmärkten ging indes das Milliarden-Monopoly weiter. Bis zum Jahr 2000, als die Kurse zu bröckeln begannen. Es gab diesmal keinen Schwarzen Freitag oder Montag oder Dienstag, sondern einen Absturz auf Raten. Weltweit wurden Milliarden an Börsenwert vernichtet, darunter auch die Ersparnisse von Millionen von Rentnern und Arbeitern, die sich auf die Verheißungen von Banken und Brokern verlassen hatten. Vielen Profis blieb dagegen Zeit für den geordneten Rückzug.
Erst Anfang 2003, Monate nach den Terrorangriffen auf New York und Washington, begannen sich die Börsen wieder zu erholen. Doch da hatten gewiefte Investmentbanker schon ein neues Eldorado entdeckt: den Handel mit ungesicherten Immobilienkrediten, den sogenannten Subprime-Loans. Eine fabelhafte Geldmaschine: Die Hypothekenbanken schrieben die Kreditverträge, zahlten das Geld und refinanzierten sich durch den Verkauf der Forderungen an Investmentbanken; die wiederum packten einen Schwung dieser Hypotheken zusammen, zerlegten sie in kleinere Tranchen und verkauften sie als ungesicherte Anleihen an Großinvestoren und Kleinanleger.
Als die Immobilienblase platzte, blieben Anleger, aber auch die Investmentbanker und die professionellen Investoren wie etwa die IKB oder andere Banken auf ihrer verdorbenen Ware sitzen. Jetzt greift die amerikanische Regierung durch: Die Freibeuter im amerikanischen Geldgewerbe, die Investmentbanken, die das Gemetzel überlebten, müssen sich künftig den gleichen Kontrollen und Regeln unterwerfen wie die Geschäftsbanken.
"Wall Street wird nicht mehr das sein, was es einmal war", klagt ein Betroffener.
Doch gemach: Der Turbokapitalismus lebt weiter. Längst gibt es neue Spekulanten im Zocker-Paradies, die von der gegenwärtigen Krise profitieren. Der New Yorker Spekulant John Paulson etwa verdiente 2007 astronomische 3,7 Milliarden Dollar. Er hatte seit 2005 auf den Zusammenbruch des Subprime-Marktes gesetzt.