Nahaufnahme: Schüsse aus der Kaffeemühle - DER SPIEGEL
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Nahaufnahme Schüsse aus der Kaffeemühle

Im Bürgerkrieg wurden Maschinengewehr und U-Boot erstmals erfolgreich eingesetzt.
Von Thorsten Oltmer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Präsident ist hingerissen, die Vorführung ein voller Erfolg. Abraham Lincoln, seit je fasziniert von Technik und besonders von Waffen, wird im Herbst 1861 eine neuartige Erfindung präsentiert: ein Maschinengewehr. Die "Kaffeemühle", wie sie ihrer Form wegen genannt wird, kann etwa 120 Schuss in der Minute abfeuern, und J. D. Mills, der smarte Vertreter der Herstellerfirma, spricht euphorisch von einer "Armee auf sechs Quadratfuß".

Am 16. Oktober 1861, der amerikanische Bürgerkrieg tobt seit einem halben Jahr, wird der Vertrag unterzeichnet. Zu dem enorm hohen Preis von 1300 Dollar je Stück ordern die Nordstaaten 10 Gewehre. General George McClellan beschafft im Dezember desselben Jahres 50 weitere für seine Truppen, er kann den Preis auf 735 Dollar drücken.

Den ersten wirklichen Einsatz erlebt die neue Waffe in einem Gefecht am Shenandoah-Fluss in Virginia am 29. März 1862. Ein Offizier berichtet später: "Eine unserer Waffen wurde auf eine Distanz von gut 700 Metern gegen eine Kavallerieschwadron des Südens eingesetzt. Es riss die Einheit in Stücke, und sie mussten fliehen." Ganz so zufrieden scheinen die Militärs indes doch nicht gewesen zu sein, denn die beiden Maschinengewehre dieser Einheit landen kurz darauf im Washingtoner Waffenlager und werden für je acht Dollar als Altmetall verramscht.

Einen Mann ärgert die Beschaffung der Kaffeemühle besonders, ist er doch fest davon überzeugt, das bessere Mordwerkzeug bauen zu können: Richard Gatling, 1818 in North Carolina geboren, später in den Norden gezogen, tüftelt in Indianapolis an seiner Erfindung. Gatling ist eher Spezialist für landwirtschaftliche Maschinen, allein 1860 meldet er fünf Patente an. Eine Saatmaschine bringt ihn auf die entscheidende Idee - ein Korn nach dem anderen wird durch eine präzise Mechanik freigegeben und fällt in die Ackerfurche. Dieses Prinzip überträgt er auf seine Waffe und entwickelt ein in seinen Grundzügen bis heute verwendetes Design: Eine handbetätigte Kurbel lässt sechs Läufe um eine Achse rotieren, es wird kontinuierlich nachgeladen, die leeren Patronenhülsen fallen zu Boden.

Im Sommer 1863 ist Gatlings Schießwerkzeug einsatzbereit. Es ist der Kaffeemühle weit überlegen. Dennoch wird die Waffe bis zum Kriegsende im April 1865 kaum eingesetzt, nur einige Truppenkommandeure beschaffen sie mit eigenen Finanzmitteln. Gatling ist frustriert, hatte er doch, so sagen es seine Biografen, für seine Tüftelei nur hehre Motive: Die enorme Feuerkraft seiner Waffe sollte Kriege von vornherein verhindern, eine frühe Form der Abschreckungsdoktrin. Der massenhafte Einsatz des Maschinengewehrs in den vielen Kriegen, die folgen sollten, widerlegt den Erfinder allerdings: Mehr als acht Millionen Menschen starben bis heute durch diese Waffe, so das Ergebnis einer Schätzung des amerikanischen Navy Bureau of Ordnance.

Nicht nur die Nordstaaten probieren Neues aus, auch der stärker agrarisch strukturierte Süden hat seine Erfindungen und setzt sie ein. Es ist der Winter 1864, fast vier Jahre dauert der Bürgerkrieg schon. Seit Monaten ist Charleston in South Carolina seeseitig vom Nachschub abgeschnitten. Immer enger ziehen die Truppen der Union den Belagerungsring. Das Blei für Gewehrkugeln wird knapp. Etwas muss geschehen, sonst ist die Stadt nicht mehr zu verteidigen. Ein Unterseeboot, eine neue "Geheimwaffe", könnte die Rettung bringen. Die "H. L. Hunley" soll die Seeblockade sprengen. Im Juli des Vorjahres ist das Tauchboot in Mobile, Alabama, fertig geworden, nun wird es getarnt mit der Eisenbahn nach Charleston an den Atlantik transportiert. Doch die Militärs sind von dem Gerät nicht überzeugt - bei Probefahrten ist es zweimal gesunken und hat 13 Männer in den Tod gerissen, darunter auch Erfinder Hunley.

Der junge Infanterieleutnant George Dixon, der den Bau in Mobile verfolgt hat, teilt die Skepsis nicht und möchte die Funktionsfähigkeit des Bootes beweisen. Sieben Freiwillige begleiten ihn, als er am Abend des 17. Februar 1864 mit dem seltsamen Ungetüm aufs Meer hinausgleitet. Die acht Männer haben sich in die zwölf Meter lange, nur gut einen Meter breite eiserne Röhre gezwängt. Sieben von ihnen hocken nebeneinander auf einer Holzbank und drehen mit einer primitiven Kurbelwelle die Schraube. Fünfeinhalb Kilometer in der Stunde kann das Boot so zurücklegen.

Kommandant Dixon navigiert mehr schlecht als recht mit Hilfe eines Kompasses. Direkt vor dem Angriff muss er die Ballasttanks leerpumpen, auftauchen und durch winzige Bullaugen den Kurs korrigieren. Am Bug trägt das Boot eine sechs Meter lange Spiere, an der Spitze die tödliche Waffe: eine 60 Kilogramm schwere Sprengladung, mit einem scharfen Widerhaken versehen, der in den hölzernen Rumpf des Gegners gerammt wird. Danach fährt das Boot knapp 50 Meter zurück, und der Torpedo wird per Reißleine zur Explosion gebracht.

Der Plan funktioniert. Obwohl die Besatzung des Blockadeschiffes "USS Housatonic" den Angreifer bemerkt und ihn aus Gewehren beschießt, versenkt zum ersten Mal ein U-Boot ein Schiff, fünf Nordstaaten-Matrosen sterben. Die "Hunley" meldet ihren Erfolg mit Lichtsignalen an die Verteidiger der belagerten Stadt. Aber sie kehrt nie zurück, warum, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Vielleicht wurde sie bei der Explosion beschädigt. Erst 1995 wird das Wrack entdeckt und im August 2000 gehoben.

Der Einsatz der "Hunley" hat Charleston nicht vor der Kapitulation bewahrt. Ein Jahr noch hielt die eingeschlossene Stadt durch, dann gab sie auf.