Die amerikanische Gesellschaft: "Männliche Angst vor weiblicher Macht" - DER SPIEGEL
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Die amerikanische Gesellschaft "Männliche Angst vor weiblicher Macht"

Die US-Autorin Katha Pollitt über die republikanische Kandidatin Sarah Palin, die US-Frauenbewegung und ihre Unterstützung für Barack Obama.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Frau Pollitt, in der Frauenbewegung kursierte immer der Spruch, die Gleichberechtigung sei dann erreicht, wenn eine mittelmäßige Frau genauso Karriere machen könne wie ein mittelmäßiger Mann. Das ist jetzt geschafft mit Sarah Palin, der Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner. Sind Sie zufrieden?


Pollitt:
Nein! Sarah Palin wurde ja nicht nur ausgewählt, weil sie eine Frau ist, und auch nicht wegen ihrer Mittelmäßigkeit. Sie vertritt eine ganz extreme Form der Abtreibungsfeindlichkeit, und mit dieser Position soll sie die evangelikalen Wähler in John McCains Lager locken, die vorher nicht sehr begeistert von ihm waren. Sie hätten McCain vielleicht gewählt, aber sie hätten nicht für ihn Freiwilligenarbeit geleistet, Geld gespendet und ihre Freunde und Nachbarn für ihn eingespannt. Das ist durch Palin jetzt anders.

SPIEGEL: Was begeistert die Leute so an Palin?

Pollitt: Sie haben das Gefühl, Palin sei sympathisch; sie können eine Beziehung zu ihr aufbauen, weil sie so normal, warmherzig und enthusiastisch wirkt. Wenn Sarah Palin meine Nachbarin wäre, würde ich sie vielleicht auch mögen - aber als mögliche Präsidentin? Ich finde es schockierend, dass Leute für jemanden stimmen, weil sie glauben, der- oder diejenige sei "wie ich": Oh, Sarah Palin ist Mutter, ich bin Mutter, darum wähle ich sie! Das ist unverantwortlich.

SPIEGEL: Aber schon in George W. Bush haben die Amerikaner einen Kumpeltyp gewählt, mit dem viele gern mal ein Bier trinken würden.

Pollitt: Ja, und man sollte glauben, dass die vergangenen acht Jahre den Leuten gezeigt hätten, dass das keine gute Idee ist.

SPIEGEL: Zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte haben beide Parteien Frauen als ernsthafte Kandidaten fürs Weiße Haus aufgestellt: Die Demokratin Hillary Clinton wollte Präsidentin werden, die Republikanerin Sarah Palin soll McCain vertreten, falls er gewählt wird. Ist das Fortschritt für Frauen?

Pollitt: Diese Frage kann ich auf zwei ganz unterschiedliche Arten beantworten. Wenn man die welthistorische Brille aufsetzt, würde ich sagen: Vielleicht schauen wir in 500 Jahren zurück und erkennen, dass im Jahr 2008 Frauen in der amerikanischen Politik ihren Durchbruch hatten. Aber akut sehe ich es etwas anders. Hillary Clinton war eine Kandidatin, die einen bestimmten bürgerlichen Feminismus repräsentiert. Wäre sie Präsidentin geworden, hätte das unser Recht auf Abtreibung gesichert, Clinton hätte dafür gesorgt, dass die Antidiskriminierungsgesetze eingehalten und viele staatliche Programme finanziert werden, von denen Frauen profitieren.

SPIEGEL: Und Sarah Palin?

Pollitt: Mit ihr bekämen wir das Gegenteil. Abgesehen von ihrem "Frauen packen alles"-Image sehe ich nicht, dass ihre politischen Ziele den Wählerinnen irgendwie guttun werden.

SPIEGEL: Manchmal üben auch Frauen, die sich nicht als Feministinnen verstehen, einen positiven Einfluss aus: Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher war für viele jüngere Frauen ein Vorbild dafür, dass Frauen sich an der Macht behaupten können.

Pollitt: Margaret Thatcher hat nie gesagt: Wählt mich, weil ich eine Frau und Mutter bin. Im Gegenteil, sie hat es den Leuten überhaupt nicht leicht gemacht, eine Beziehung zu ihr herzustellen: Sie war die Eiserne Lady. Thatcher hat auch nie ihr Aussehen betont und wenige Zugeständnisse an konventionelle Weiblichkeitsvorstellungen gemacht. Sarah Palin dagegen hebt sehr stark auf diese Vorstellungen ab. Sie entspricht einem alten amerikanischen Frauenbild, der zünftigen, toughen, aber trotzdem schönen Wild-West-Frau mit der Knarre unter einem Arm und dem Baby unter dem anderen.

SPIEGEL: Trotzdem spekulieren die Republikaner darauf, durch Sarah Palin Wählerinnen von den Demokraten abzuziehen, die auf Hillary Clinton gehofft hatten.

Pollitt: Ich glaube gar nicht, dass es so viele dieser Wählerinnen gibt, und ich habe wirklich nach ihnen gesucht. Es gibt in der Tat eine kleine, sehr vehemente Gruppe von Hillary-Fans, die fest davon überzeugt ist, dass Hillary Clinton die Nominierung gestohlen wurde, die ihr zustand. Diese Frauen haben sich eine Erzählung zurechtgelegt, in der die ganze Schuld für Hillarys Scheitern bei den Parteifunktionären der Demokraten und dem Sexismus der Medien liegt. Aber die meisten Palin-Wählerinnen werden konservative weiße Frauen sein, die sich nicht besonders gründlich mit Politik beschäftigen und sich mit Palin identifizieren. Aber die hätten ohnehin für die Republikaner gestimmt - wenn sie überhaupt zur Wahl gegangen wären.

SPIEGEL: Ist Hillary Clinton denn am Sexismus der Medien gescheitert?

Pollitt: Nein, sie hat entscheidende Fehler in ihrer Wahlkampfplanung gemacht. Dafür trägt sie die Verantwortung. Trotzdem muss man zugeben, dass sie gegen ungeheuren Sexismus in der amerikanischen Öffentlichkeit zu kämpfen hatte. Es wurde über ihre Stimme gewitzelt, auch über ihr Lachen, das gern als "Gegacker" beschrieben wurde. Es gab einen Nussknacker in Hillary-Form, der Walnüsse zwischen seinen stählernen Schenkeln zermalmen konnte - das war auch für viele Lacher gut. Und als ihr während des Vorwahlkampfs in New Hampshire einmal kurz Tränen in den Augen standen, hieß es gleich: Ist sie hart genug, die militärische Führung unseres Landes zu übernehmen? Das wäre bei einem Mann nie gefragt worden! Man muss sagen, dass sich rund um Hillary Clinton die männliche Angst vor weiblicher Macht ziemlich drastisch zeigte.

Hillary Clinton hat das Land grundlegend verändert


SPIEGEL:
Wie sieht das bei Sarah Palin aus?

Pollitt: Bei den Republikanern herrscht im Augenblick massive Heuchelei, was ihr Verhältnis zu Frauen angeht. Sie jammern jetzt ununterbrochen über genau den Sexismus, von dem sie zuvor behauptet hatten, dass es ihn gegen Hillary Clinton gar nicht gegeben habe. Bevor John McCain sich für Sarah Palin entschied, hat ein befreundeter Journalist zu mir gesagt, McCain werde nie eine Frau benennen, der Sexismus stecke zu tief in der republikanischen DNA drin. Nun hat McCain Palin benannt, und dadurch haben wir gesehen, dass sich selbst die immer noch eingefleischt antifeministischen Republikaner eine Frau in einem hohen politischen Amt vorstellen können. Aber es ist eine strategische Nominierung, mit der viele erheblich qualifiziertere Frauen übergangen wurden - etwa die republikanischen Senatorinnen Olympia Snowe und Susan Collins, die beide für das Recht auf Abtreibung sind.


SPIEGEL:
Hillary Clinton ist zwei Jahre älter als Sie, zusammen gehören Sie zur ersten Generation von Amerikanerinnen, die mit feministischen Ideen aufwuchsen. Wie hat die Frauenbewegung die US-Gesellschaft geprägt?

Pollitt: Sie hat das Land grundlegend verändert. Als ich 1967 mein Studium in Harvard begann, gab es noch eine Fünf-Prozent-Quote für Frauen im Jura- und im Medizinstudium, in den Zeitungen wurden "Stellen für Männer" und "Stellen für Frauen" ausgeschrieben. Verheiratete Frauen konnten keine eigene Kreditkarte bekommen, und für eine ledige Frau war es sehr schwierig, Verhütungsmittel verschrieben zu bekommen. Abtreibungen waren illegal, jedes Jahr wurden Hunderte Frauen nach verpfuschten Engelmacher-Abtreibungen krank oder starben gar. Innerhalb weniger Jahre hat die Frauenbewegung ein ganzes Rechtssystem der Ungleichheit niedergerissen und, was genauso wichtig war, die Sitten, Gepflogenheiten und gesellschaftlichen Vorstellungen in Frage gestellt, die hinter diesen Gesetzen standen. Es war ein erstaunlicher historischer Augenblick.

SPIEGEL: Wie haben Sie davon profitiert?

Pollitt: Während meines ersten Studienjahrs erlebte ich, wie die vier Jahre älteren Kommilitoninnen, die mit ihrem Studium fertig waren, sich auf ihre Hochzeit vorbereiteten. Sie nahmen an der Abschlusszeremonie teil, und eine Woche später heirateten sie. Sie hatten nie die Gelegenheit, ihre Freiheit zu genießen, herauszufinden, wer sie sind, zu reisen, ihr eigenes Leben zu verwalten. Es war ein Leben im Gleichschritt: Studium, Ehe, Kinder ...

SPIEGEL: ... Depression, Scheidung.

Pollitt: Genau! Und das war schon alles anders, als ich dann meinen Abschluss machte, vier Jahre später. Nur wenige Studentinnen in meinem Jahrgang haben gleich geheiratet - stattdessen haben viele beschlossen, Ärztin oder Rechtsanwältin zu werden, oder sie wurden Aktivistinnen oder Autorinnen, so wie ich. Die lesbischen Frauen bekannten sich zu ihrer Sexualität. Die Frauenbewegung hat insofern vielen Frauen - und auch Männern - die Freiheit beschert, ein anderes Leben als ihre Eltern zu führen, sich zu fragen: Was will ich mit meinem Leben anfangen? Der Feminismus hat neu definiert, was "normal" ist.

SPIEGEL: Und was war die neue Normalität?

Pollitt: Nun, dazu gehörte, dass Frauen ihre Karriere ernst nehmen konnten und sie nicht mehr nur als Zwischenstopp zum eigentlichen Ziel der Ehe und Familie begriffen. Dazu gehörte, dass vorehelicher Sex enttabuisiert wurde, Scheidungen ihr gesellschaftliches Stigma verloren und es keine Schande mehr war, ein uneheliches Kind zu bekommen. Häusliche Gewalt und Vergewaltigung wurden als Verbrechen erstmals ernst genommen - vorher galten sie als Mischung aus Kavaliersdelikt und eigener Schuld des Opfers.

SPIEGEL: Trotz aller Errungenschaften der Frauenbewegung distanzieren sich in Deutschland viele junge Frauen vom traditionellen Feminismus, oder sie wollen seine Ziele zumindest selbst neu definieren. Gibt es in den USA einen ähnlichen Generationskonflikt?

Pollitt: Ältere Feministinnen hier haben manchmal den Eindruck, dass die Jüngeren nicht begreifen, wie prekär manche Errungenschaften sind - etwa das Recht auf Abtreibung, das uns jederzeit wieder genommen werden kann. Zugleich sehen die älteren Feministinnen manchmal nicht, dass sich die Lage wirklich verändert hat. Manche Kämpfe müssen nicht mehr ausgefochten werden. Das Recht auf Abtreibung steht vermutlich in Frage, aber beispielsweise nicht das Recht, einen Beruf zu ergreifen. Auch die Homosexuellen werden sich nicht wieder verstecken müssen, und alleinerziehende Mütter wird es weiterhin geben.

SPIEGEL: Ist eine Frauenbewegung heute überhaupt nötig?

Pollitt: Auf jeden Fall. Unsere Generation hat die klaren, offensichtlichen Gefechte ausgefochten, bei denen es darum ging, Rechte und Freiheiten zu gewinnen. Die jüngeren Frauen stehen jetzt vor wesentlich ambivalenteren, diffuseren Kämpfen: Welche Karrierechancen bekommen sie in ihren Unternehmen, was passiert, wenn sie Kinder bekommen, wie setzen sie gleiches Gehalt für gleiche Arbeit durch?

SPIEGEL: Gibt es eigentlich feministischen Nachwuchs?

Pollitt: Ja, und diese jungen Feministinnen sind genauso radikal und militant wie wir damals. Aber sie definieren den alten Slogan "Das Persönliche ist politisch" nicht so eng, dass sie sich herausnehmen würden, einer anderen Frau vorzuschreiben, welche Schuhe sie anziehen darf. Für sie heißt Feminismus, dass Frauen das Recht haben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Das bringt sie allerdings in die Bredouille, wenn sie mit Frauen wie Sarah Palin konfrontiert werden, die Entscheidungen treffen, die eine Feministin nur ganz fürchterlich finden kann. Was macht man da?

"Ich wehre mich gegen diesen "You Go, Girl!"-Feminismus"


SPIEGEL:
Wie würden Sie begründen, dass Sie die freien Entscheidungen einer anderen Frau missbilligen oder gar politisch bekämpfen?

Pollitt: Man muss sich immer vor Augen führen, dass die Entscheidungen unter Umständen so frei gar nicht sind. Ich wehre mich gegen diesen "You Go, Girl!"-Feminismus, der jedem Versuch einer Frau applaudiert, selbstbewusster zu werden. Wenn eine Frau sagt: Ich lasse mir die Brüste vergrößern, weil dadurch mein Selbstwertgefühl steigt, dann muss ich sie doch fragen: In was für einer Gesellschaft leben wir denn, dass eine Frau an Selbstwertgefühl gewinnt, indem sie sich bei völlig gesundem Leib einer gefährlichen, teuren und schmerzhaften Operation unterzieht?


SPIEGEL:
Und dann würden Sie ihr erklären, dass sie an einem falschen Bewusstsein leidet?

Pollitt: Nein, ich würde ihr Fragen stellen: Warum tust du das? Was steckt dahinter? Was erwartest du? Ist das wirklich der beste Weg, um dein Ziel zu erreichen? Für mich hat immer zum Feminismus gehört, dass es nicht nur um individuelle Erfüllung geht, sondern auch darum, dass Frauen sich gegenseitig helfen und unterstützen. Das tut Sarah Palin nicht. Mit ihrer Abtreibungsfeindlichkeit würde sie alle anderen Frauen zwingen, zu tun, was sie will; sie würde ihnen Wahlfreiheit und moralische Handlungsfähigkeit rauben.

SPIEGEL: Wie hoch schätzen Sie denn das Risiko ein, dass das Oberste Gericht das Recht auf Abtreibung kippt?

Pollitt: Unter einer republikanischen Regierung würde das passieren, da bin mir sicher. Dann müssten in der Folge die einzelnen Bundesstaaten ihr Abtreibungsrecht auf Länderebene regeln, so dass wir ein Patchwork bekommen würden von Staaten wie Kalifornien oder New York, wo Abtreibung weiterhin legal wäre, und anderen, etwa South Dakota oder Louisiana, wo sie verboten wäre. Mit dieser Entwicklung würden die USA von der Regel abweichen, denn die übrige Welt tendiert in Richtung Liberalisierung der Abtreibungsrechte. Aber die USA weichen halt gern von der Regel ab!

SPIEGEL: Einige Wochen vor Palins Nominierung haben Sie gesagt, eine Frau im Präsidentenamt sei "ein Wert an sich". Glauben Sie das immer noch?

Pollitt: Nein! Da haben Sie mich erwischt. Ich habe wirklich etwas dazugelernt. Schauen Sie: Wäre Hitler eine Frau gewesen, hätte das dann Frauen genutzt?

SPIEGEL: Als vehemente Feministin haben Sie nicht Hillary Clinton, sondern Barack Obama in den Vorwahlen unterstützt. Widerspricht das nicht allen Ihren politischen Vorstellungen?

Pollitt: Ich habe lange auf der Kippe zwischen Hillary und Barack gestanden. Erst als Bill Clinton anfing, sich in den Wahlkampf einzumischen, wurde mir bewusst, wie sehr ich die Clintons satthatte. Da habe ich gedacht: Wir müssen eine neue Seite der Geschichte aufschlagen, wir brauchen neue Leute in der Regierung. Mit den Clintons wäre doch wieder ihr ganzer alter Trupp ins Weiße Haus eingezogen, denn man wählt ja nie nur den Mann - oder die Frau - an der Spitze.

SPIEGEL: Aber was ist mit dem symbolischen Wert, den eine Frau im Weißen Haus für die Frauen in den USA gehabt hätte?

Pollitt: Es ist schon sonderbar: Mein ganzes Leben habe ich gesagt, dass ich Frauen an der Macht sehen will, aber im Einzelfall entscheide ich mich dann doch für den Kandidaten, der ehrlicher und kompetenter wirkt und das bessere politische Programm hat. Und das kann dann eben, wie bei Obama, auch der Mann sein. Klar, ich würde der Frau ein paar Bonuspunkte zuschlagen aufgrund ihres Geschlechts, sagen wir zwei Prozent in einem Kopf-an-Kopf-Rennen ...

SPIEGEL: ... nur zwei Prozent?

Pollitt: Ja, das finde ich schon viel. Letztlich kommt es doch darauf an, wie ein Politiker sein Amt ausfüllen wird. Das Geschlecht allein reicht nicht.

SPIEGEL: Frau Pollitt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteurin Susanne Weingarten.