Imperium in der Krise Risiko bei Tag und Nacht
Das Gewusel und Gewimmel in den verwinkelten Gassen der Stadt Rom, deren imperiale Macht während der ersten anderthalb Jahrhunderte nach Christi Geburt ihren Höhepunkt erreichte, ist schwer vorstellbar.
Im gleichen Maß, wie das Reich der Römer sich durch seine militärischen Triumphe ausdehnte, stieg die Einwohnerzahl der Tiberstadt. Schon die stete Zufuhr von Kriegsgefangenen, die aus allen Himmelsrichtungen als Sklaven nach Rom geschafft wurden, trug erheblich dazu bei. So wuchs die Bevölkerung von etwa 463 000 Einwohnern, die eine Volkszählung im Jahr 86 v. Chr. ermittelt hatte, über rund eine Million um Christi Geburt auf mindestens anderthalb Millionen zur Mitte des zweiten Jahrhunderts. Die kühle Marmorpracht der legendären öffentlichen Gebäude, in denen Roms Stolz und Ruhm sich spiegelten, kontrastierte mit der stickigen, schmutzigen und buntscheckigen Enge, in der sich das Leben der Römer abspielte.
Wer sich ein Bild davon machen will, wie es in der Blütezeit des Imperiums in dessen Hauptstadt zuging, findet Auskunft im kulturgeschichtlichen Klassiker des französischen Althistorikers Jérôme Carcopino: "Rom. Leben und Kultur in der Kaiserzeit". In diesem farbigen Mosaik wird nachvollziehbar, wie das Rom der Caesaren aussah und wie der Durchschnittsrömer seinen Alltag verbrachte, wie es bestellt war um Herrschaft und Knechtschaft, Arbeit und Vergnügen, Wohnen und Schlafen.
Während sich nur eine kleine Minderheit von reichen und mächtigen Römern ein Einzelhaus, domus, leisten konnte, lebte die weit überwiegende Mehrzahl der Stadtbevölkerung in Mietskasernen, insulae. Auf eine domus kamen 26 insulae. Die Massenquartiere wuchsen wegen des Bevölkerungsdrucks bei schmalen Grundflächen immer mehr in die Höhe und waren notorisch instabil. Von Nichtrömern wurden sie wie Wolkenkratzer der Antike bestaunt. Raumnot auf der einen, Ehrgeiz von Bauunternehmern und Besitzern auf der anderen Seite waren die Antriebe für stets neue Bauten. Angesichts häufiger Einstürze legte Kaiser Augustus die Maximalhöhe der insulae auf 20 Meter fest, Kaiser Trajan reduzierte sie gut hundert Jahre später auf 18 Meter. Doch die Not war stärker als das Gesetz.
Bei den gewöhnlichen insulae bestand das Erdgeschoss aus vielen kleinen Verkaufsläden, den tabernae. Über Treppen und Holzleitern war ein Hängeboden erreichbar, auf dem Ladeninhaber, Lagerarbeiter und Handwerker in einem einzigen Raum und drangvoller Enge hausten. Noch mehr waren die Bewohner der oberen Stockwerke zusammengepfercht.
Da Wohnraum knapp und teuer war, fiel es Römern oft schwer, ihre Miete zu zahlen. Die Besitzer pflegten säumige Mieter einfach vom Lebensmittelnachschub abzuschneiden, indem sie die nach oben führenden Leitern wegzogen. In der Rechtsprechung etablierte sich der Ausdruck "percludere inquilinum": einen Mieter blockieren.
Neben dem drohenden Einsturz waren Feuersbrünste die permanente Gefahr, mit der die Bewohner in ihren mit schweren Holzbohlen gebauten, mit Fackeln erleuchteten und mit tragbaren Holzkohlebecken geheizten Behausungen leben mussten.
Die katastrophalen Auswirkungen von Bränden wurden zumindest ein wenig gemildert durch den Umstand, dass die Römer in der Regel nur spärlich eingerichtet waren. Das wichtigste Möbelstück war das Bett, auf dem sie aßen, Besucher empfingen, lasen und schrieben. Ein mit Armstützen und Rückenlehne versehener Sessel, thronus, war für die Gottheit reserviert, der Lehnstuhl, cathedra, Priestern, Lehrern und Damen der besseren Gesellschaft vorbehalten.
Die Wasserversorgung funktionierte fast nie unmittelbar über die berühmten Aquädukte, die täglich rund eine Milliarde Liter Quellwasser aus dem Apennin nach Rom leiteten. Denn direkten Zugang dazu hatten allenfalls die reichen Römer: Sie wohnten parterre, wo die Leitungen endeten. Gewöhnliche Bürger mussten ihr Wasser meist aus dem nächsten Brunnen schöpfen. Je höher ihre Wohnungen lagen, desto mühsamer war es, sie sauber zu halten. Beschwerlich, aber vorgeschrieben war zudem die ständige Bereithaltung von Wasser für den Fall von Bränden.
Nur widerwillig setzten die Leute des Nachts einen Fuß vor die Tür
Der schon im 6. Jahrhundert vor Christus begonnene Bau eines Kloakennetzes, das den Unrat der Stadt zum Tiber schwemmte, war zwar eine architektonische Meisterleistung seiner Ära. Doch Latrinen im eigenen Haus konnten sich nur die Wohlhabenden leisten. Der unbemittelte Römer musste zur Verrichtung der Notdurft die Wohnung verlassen und entweder eine der gebührenpflichtigen öffentlichen Toiletten aufsuchen (was längst nicht alle sich leisten konnten oder wollten) oder die vor Gerberwerkstätten aufgestellten Kannen benutzen. Mancher, dem der Weg zur Fäkaliengrube zu weit oder die Treppe zu steil war, schleuderte den Inhalt seines Nachtgeschirrs kaltblütig von oben auf die Straße - unter dem berühmten Juristen Ulpian (170 bis 228) ging die Justiz mit einem abgestuften Bußkatalog gegen die anrüchigen Würfe vor.
Die Urheber waren freilich nicht immer leicht zu ermitteln. Bei Nacht war die Hauptstadt des römischen Imperiums, wenn nicht gerade der Mond schien, in tiefes Dunkel gehüllt. Keine Öllampen, keine Laternen an den Türpfosten erhellten die Finsternis. Nur widerwillig setzten die Leute des Nachts einen Fuß vor die Tür. Wenn die Reichen ausgingen, konnten sie sich zwar von fackeltragenden Sklaven begleiten lassen, doch Normalbürger waren auf sich gestellt. Die Zahl der offiziellen Streifen, sebaciaria, die mit Pechfackeln nächtliche Runden drehten, war für die Riesenstadt zu gering. Der Satiriker Juvenal (um 60 bis etwa 130 n. Chr.) ätzte, wer abends zum Essen ausgehe, ohne sein Testament gemacht zu haben, setze sich dem Vorwurf der Leichtfertigkeit aus.
Im Gegensatz zur unheimlichen nächtlichen Stille herrschte tagsüber in den verwinkelten Gassen und Straßen Roms höllisches Getöse und Gedränge. Die tabernae öffneten frühmorgens, Garköche priesen ihr Angebot an, Hausierer hasteten hin und her, Barbiere rasierten die Kundschaft mitten auf der Straße, Schlangenbeschwörer und Kesselflicker, Wechsler und Bettler warben um die Aufmerksamkeit der Passanten, während irgendwo immer eine baufällige insula abgerissen wurde. Die Platznot in Gassen und Straßen war so groß, dass tagsüber nur Fußgänger, Reiter und Sänftenträger geduldet wurden; auch Leichen mussten auf Bahren zu Grabe getragen werden. Erst nach Anbruch der Abenddämmerung war Fahrzeugverkehr im Stadtinneren erlaubt. Ausnahmen gab es im Alltag nur für Bau- und Abbruchunternehmer sowie an hohen Feiertagen für die Hüterinnen des Vesta-Tempels oder für Triumphwagen.
Die Einwohner der Metropole kann man grob in drei soziale Gruppen einteilen. Auf der untersten Stufe die Niedriggeborenen ohne steuerpflichtigen Geldbesitz, die humiliores. Sie wurden schon bei geringsten Vergehen ausgepeitscht und bei kleineren Verbrechen in den Gulag der Antike deportiert: zur Zwangsarbeit in die Minen, ad metalla. Über ihnen rangierten die braven Bürger jener Zeit, honestiores, die ein bestimmtes Mindesteinkommen vorweisen und bei Vergehen mit milderen Strafen wie Verbannung oder Vermögensentzug rechnen konnten. Die Elite, aus der sich in der Regel die Führung von Stadt und Staat rekrutierte, hieß ordo; wer zu diesem obersten Stand zählen wollte, musste mindestens das 80fache des Einkommens der honestiores vorweisen können.
Die Durchlässigkeit zwischen den sozialen Klassen war jedoch größer, als dieses Schema vermuten lässt. Das zeigte sich besonders an der Lage der Sklaven, servi. Vielfach verfügten Sklavenbesitzer testamentarisch die Freilassung eines Teils ihrer servi. Zu Lebzeiten von Jesus war es in Rom eine Sache des Sozialprestiges geworden, sich mit möglichst vielen Freigelassenen zu umgeben. In den Augen der Obrigkeit nahm der Brauch überhand. Kaiser Augustus legte deshalb fest, wer Sklaven freilassen wolle, müsse mindestens 20 Jahre alt sein, während Kandidaten für diese Gunst das 30. Lebensjahr vollendet haben mussten.
Ein anderer Weg in die Freiheit war die Zahlung von Lösegeld: Prämien, die den Eifer der servi anspornen sollten, konnten von diesen angespart und zum Freikauf genutzt werden. Die servi machten von dieser Möglichkeit regen Gebrauch, und ein freigelassener Sklave, libertus, unterschied sich nur noch wenig von einem anderen freien Bürger. Der Enkel eines libertus war dem Freigeborenen dann völlig gleichgestellt.
Misshandlungen und Willkür gegen servi gab es natürlich weiterhin. Die Gesetzgebung den Sklaven gegenüber milderte sich aber im ersten und zweiten Jahrhundert deutlich, Grausamkeit wurde zunehmend verpönt. Selbst der Gewaltherrscher Nero wies den römischen Stadtpräfekten unter dem Einfluss des berühmten Philosophen Seneca an, Klagen von Sklaven gegen ungerechte Herren zu verfolgen. Kaiser Hadrian, der von 117 bis 138 regierte, verbot den Verkauf von Sklaven an die Veranstalter der berüchtigten Gladiatorenkämpfe, wo sie bei grausigen Tierhetzen oder mörderischen Schau-Duellen der Tod erwartete - der wohl scheußlichste Aspekt des alten Rom.
Alles in allem aber kann, wie Jérôme Carcopino schrieb, "in der gesamten Antike Rom allein das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, seine Parias losgekauft zu haben, indem es ihnen das Tor zum Leben öffnete". In welchem Maß diese Tatsache geschichtsbildend wurde, geht daraus hervor, dass nach Schätzungen mindestens 80 Prozent der Bevölkerung Roms irgendwann durch Freilassung aus dem Sklavenstand hervorgegangen sein sollen.
Formelle Freiheit war allerdings keine hinreichende Voraussetzung, um den Lebensunterhalt selbst zu bestreiten, und die Schere zwischen der Elite und dem armen Volk klaffte extrem auseinander. Doch Rom ließ die Ärmsten seiner Bürger nicht verhungern: Die Stadt öffnete ihre Kornkammern für die Mittellosen. Im zweiten Jahrhundert nach Christus soll mindestens ein Drittel, vielleicht sogar die Hälfte der Bevölkerung direkt oder indirekt von der öffentlichen Fürsorge gelebt haben. Nach den vorsichtigsten Schätzungen standen zu dieser Zeit 400 000 Römer vor den Schaltern der Annona an, wie die Getreideausgabestelle nach der Erntegöttin hieß.
Zu diesem quasi sozialstaatlichen Wesenszug der römischen Innenpolitik, der die Bürger individuell absicherte, trat ein weiteres kollektives Bindeglied: Die großenteils unterbeschäftigten Römer wurden mit einer staunenswerten Vielfalt an Massenvergnügen und -zerstreuungen loyal und bei Laune gehalten. Schließlich bestand mehr als die Hälfte des Jahres aus verbindlichen Feiertagen, deren religiöser Ursprung immer mehr verblasste, während ihre Leere weiter gefüllt werden musste. Noch nie in der Geschichte, versichert Historiker Carcopino, habe ein Volk derart viele Feste gefeiert.
Eine der populärsten Spielstätten war die gigantische Arena des Circus Maximus, der auf einer Länge von 600 und einer Breite von 200 Metern mindestens 255.000 Zuschauern Platz bot - fast fünfmal so vielen wie das Kolosseum, der Ort der Blutbäder. Die Zahl der Pferderennen im Circus Maximus wurde im Lauf der Kaiserzeit von zwölf pro Tag unter Augustus auf täglich hundert gesteigert. Vom ersten Licht bis zum Sonnenuntergang konnten die Römer hier frenetisch ihrer Schaulust und Wettleidenschaft huldigen.
Berühmt wurde Juvenals grimmig-kulturkritisches Verdikt über seine römischen Landsleute - es gehe ihnen nur noch um zweierlei: um Brot und Spiele, panem et circenses. Ebenso gut kann man wohl in der gelungenen Mischung von Sozial- und Vergnügungsstaat einen Hauptgrund für die beachtliche innere Stabilität im Rom der frühen Kaiserzeit sehen.