Jerusalemsehnsucht, Jerusalemwahn Verheißung und Erschrecken
Für den Nahen Osten im Allgemeinen und Jerusalem im Besonderen begann mit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die Moderne. Ihr Auslöser war Napoleons Ägyptenfeldzug in den Jahren 1798/99. Denn der Korse hatte in seinem Tross zahlreiche von der Aufklärung inspirierte Wissenschaftler, die es drängte, mit neuzeitlichen Mitteln den Geheimnissen des Orients und seiner uralten Kulturen auf die Spur zu kommen.
In seinen Erinnerungen hat Napoleon erzählt, wie seine Soldaten vor Begierde brannten, nach Jerusalem zu kommen und marschierend Psalmen anstimmten. Der Imperator selber aber war, anders als sein Fußvolk, peinlich bemüht, die muslimische Mehrheitsbevölkerung in Ägypten und Palästina nicht unnötig zu provozieren. Er sparte die Heilige Stadt bei seinem Feldzug bewusst aus. "Jerusalem liegt außerhalb meiner Operationslinie" soll er doppeldeutig gesagt haben. Trotz der religiösen Indifferenz des Feldherrn fesselte nun aber Jerusalem das säkulare oder geistliche Interesse westlicher Reisender immer stärker.
Wenngleich eine Elite britischer und französischer Wissenschaftler schon vor dem Ägyptenfeldzug mit der Erforschung Palästinas begonnen hatte, waren bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Jerusalem-Reisende meist religiöse Pilger gewesen. Arme nahmen traditionell monatelange Wanderungen auf sich, Betuchte reisten gern mit einem gemieteten Schiff von Venedig nach Palästina.
Wer dazu imstande war, hinterließ der Nachwelt schriftliche Berichte. Der deutsche Forscher Reinhold Röhricht hat die Dokumente westlicher Besucher des Heiligen Landes aufgelistet. Er ermittelte im Zeitraum von fast eineinhalb Jahrtausenden, von 333 n. Chr. bis 1799, insgesamt 1561 Zeugnisse, also etwa eines pro Jahr. Im 19. Jahrhundert jedoch nahm das Jerusalem-Interesse sprunghaft zu: Zwischen 1800 und 1878 sind fast 2000 Berichte erfasst - jährlich 25-mal mehr als zuvor.
In den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts waren prominente Reisende oft noch geprägt von der frommen romantischen Reaktion gegen Aufklärung und Revolution. Zu ihnen gehörte der französische Dichter und Politiker François René de Chateaubriand (1768 bis 1848), der sich als Jerusalemfahrer 1806 wie ein Nachkomme der Kreuzritter inszenierte. Dann aber erschrak er über den Zustand seines Reiseziels. Er intonierte bereits ein Leid- und Leitmotiv vieler späterer Jerusalembesucher: "Wie ein großer Friedhof in der Wüste" erschienen dem stilbewussten Adligen die "ungepflasterten Straßen in einer verlassenen Stadt".
Im Jahr 1808 fiel die Grabeskirche in Jerusalem einem Brand zum Opfer, der die Kapelle im Inneren des Heiligtums verschonte. Adam Müller, der konvertierte Katholik und romantische Philosoph des Ancien Régime, stilisierte dieses Ereignis in seiner ein Jahr später erschienenen Schrift "Die Elemente der Staatskunst" zum Menetekel einer christlichen Wiedergeburt Europas: Die niedergebrannte große Kirche versinnbildliche das von Napoleon zerstörte alteuropäische Staatensystem, dessen unversehrter Kern der von der Kapelle symbolisierte Christusglaube bleibe.
Ein wahrer Run auf Jerusalem setzte ein, als das schwächelnde Osmanische Reich sein abgeriegeltes Herrschaftsgebiet nach dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts öffnen musste. Denn nur dank Unterstützung aus England und Frankreich gelang es dem Imperium 1844, den ägyptischen Statthalter Ibrahim Pascha nach zehn Jahren wieder zu vertreiben. Unter dessen Herrschaft hatten die europäischen Mächte Konsulate in Jerusalem eröffnet und die Präsenz der Westkirchen, als deren Schutzherren sie auftraten, gefördert. Waren Westler in dieser Weltgegend bis dahin möglichst unauffällig, mit kleinem Gepäck und in einheimischer Kleidung gereist, so strömten sie nun offen ins Heilige Land.
Sie profitierten dabei von der Motorisierung des Verkehrs infolge der Industrialisierung. Bald bildeten die Reisebücher über Palästina eine eigene literarische Gattung. Hinzu kam die Werbewirkung eines neuen Massenmediums: Kaum hatte die Pariser Akademie der Wissenschaften 1839 die Daguerreotypie als Frühform der Fotografie bekanntgemacht, schwärmten Pioniere dieser Kunst nach Jerusalem aus. Ein Bildband, der in Europa zum Bestseller wurde, präsentierte die Stadt bereits 1841 in Daguerreotypien - lange vor vielen europäischen Städten.
Immer intensiver rivalisierten die von verschiedenen christlichen Konfessionen geprägten europäischen Mächte um eine privilegierte Stellung in Jerusalem. So propagierte der preußische Offizier Helmuth von Moltke, beauftragt mit der Reorganisation der türkischen Armee, um 1840 ein christliches Fürstentum Palästina mit einem unbeschränkten, aber toleranten deutschen Herrscher an der Spitze. Öffentlich schwärmte er von der "moralischen Genugtuung", die das "christliche Europa ... in der Befreiung des heiligen Grabes erlangen würde".
Paradoxe Instrumentalisierung der Religionen
Besonders erpicht war man in Berlin und Wien, in Paris, London und Sankt Petersburg darauf, in Jerusalem mit dem Gestus humanitärer Hilfsbereitschaft architektonische Statussymbole zu errichten. Religiöse Missionierung und politisch-ideologische Landnahme waren oft untrennbar verbunden. Ein Beispiel dafür war 1843 die Gründung des britischen Hospitals der "London Society for Promoting Christianity among the Jews". Umgehend erließen Jerusalems Rabbiner eine Banndrohung gegen Juden, die es riskieren sollten, sich bei der Konkurrenz behandeln zu lassen.
Die machtpolitische Instrumentalisierung der Religionen trug manchmal paradoxe Züge. So unterstellte der Konsul des Russischen Reichs in Jerusalem ausgerechnet seine zugewanderten Landsleute jüdischen Glaubens, die in der Heimat von staatlich organisierten Pogromen bedroht waren, demonstrativ dem amtlichen Schutz des Zaren.
Doch nicht alles, was Europäer in Gang setzten, entsprang ideologischer Berechnung. Zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten im Jerusalem des 19. Jahrhunderts wurde Conrad Schick (1822 bis 1901), der mit 24 Jahren als Missionar ankam und bis zu seinem Tod 55 Jahre dort verbrachte. Der hochbegabte Autodidakt hinterließ als Archäologe und Architekt tiefe Spuren. So entwarf er 1846 das Stadtviertel Mea Schearim, in dem heute ultraorthodoxe Juden unter sich sind.
Schick schaffte es, so Gil Yaron in einem historisch-politischen Stadtführer, "sich als höchste wissenschaftliche Autorität in der Erforschung Jerusalems zu etablieren". Nach dem Urteil des israelischen Historikers Alex Carmel wurde "kein Ort von der gesamten christlichen Welt so intensiv gefördert wie Jerusalem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts".
In jenen Jahren organisierte der Tourismus-Unternehmer Thomas Cook bereits die ersten Gruppenreisen ins Heilige Land. Die schlichte Pilgerfrömmigkeit und fraglose Bibelgläubigkeit, die mittelalterliche Jerusalembesucher beseelt hatten, wurden immer seltener. Viele der westlichen Reisenden des 19. Jahrhunderts brachten nicht nur den Maßstab eines weit höheren Lebensstandards mit, sondern auch die neuzeitliche Neigung zu rationalem Zweifel. Forschergeist, touristische Neugier, Bildungsdrang, missionarischer Eifer, Geschäftssinn, geopolitisches Kalkül, Abenteuer- und Sensationslust oder literarischer Ehrgeiz verwandelten das andächtige Ursprungsmotiv, ohne es dabei gänzlich auslöschen zu können.
Zahlreiche Schriftsteller, die bereits bekannt waren oder es noch werden sollten, erwiesen Jerusalem ihre Reverenz - und kehrten zumeist schwer ernüchtert in ihre Heimat zurück. Zu ihnen gehörte der orthodoxe Christ Nikolai Gogol, Autor der "Toten Seelen", der 1848 als messianisch gestimmter Pilger ankam und depressiv wieder abreiste. Zwei Jahre später tauchte der junge Gustave Flaubert auf - kein Grübler wie der Russe, sondern ein Lästermaul und eleganter Bonvivant, der bis dahin über den Orient nur lüsterne Phantasien gehegt hatte ("die Frauen winden sich und bäumen sich auf in den Küssen, unter den Umarmungen").
Umso drastischer fiel Flauberts Kommentar über das reale Jerusalem aus. Im amüsanten Buch "Reise in den Orient" notierte er: "Wir ziehen durch das Jaffa-Tor ein, ich lasse beim Betreten seiner Schwelle einen Furz los, ganz unwillkürlich; im Grunde war ich sogar ärgerlich über diesen Voltairianismus meines Anus ... Mitten auf der Straße vor unserem Hotel verwest unbeachtet ein gelber Hund, ohne dass jemand daran denkt, ihn woandershin zu stoßen; die Kacke längs der Mauern ist von erschreckend schlechter Qualität! ... Überall Ruinen, es riecht förmlich nach Grab und Verwesung; Gottes Fluch scheint über der Stadt zu liegen, der Heiligen Stadt von drei Religionen, die vor Langeweile, Entkräftung und Verlassenheit dahinstirbt."
Horror-Reiseziel für Melville und Twain
Der Amerikaner Herman Melville, der als Verfasser des "Moby-Dick" erst posthum weltberühmt wurde, stand dem schwerblütigen Gogol als Wahrheitssucher näher als dem Genussmenschen und Zyniker Flaubert. Aber auch Melvilles Tagebuch über den langersehnten Besuch, den er dem Heiligen Land im Januar 1857 abgestattet hat, ist ein Dokument der Bestürzung: "Kein Land wird romantische Erwartungen schneller zerstreuen als Palästina - ganz besonders Jerusalem. Für einige ist die Enttäuschung herzzerreißend ... Ist die Trostlosigkeit des Landes die Frucht seiner verhängnisvollen Erwählung durch die Gottheit? Unglücklich sind die Günstlinge des Himmels. In der Leere der leblosen Altertümer Jerusalems wirken die eingewanderten Juden wie Fliegen, die ihre Bleibe in einem Schädel gefunden haben."
Fromme Zuwanderer anderer Bekenntnisse beurteilt Melville nicht weniger grimmig. Zu ihnen gehören amerikanische Missionare, die sich die Bekehrung ortsansässiger Juden und Muslime zum Christentum vorgenommen haben: "Könnten ebenso gut versuchen, aus Ziegelsteinen Hochzeitstorte zu machen, als aus Orientalen Christen."
Auf dem Weg zur Kirche, die "das mutmaßliche Grab einer der Personen der dreieinigen Gottheit beherbergt", begegnen Melville "Haufen an Haufen des widerlichsten & unbeschreiblichsten Unrats"; das niedrige und verdreckte Holztor zur Grabeskirche erscheint ihm "wie der Eingang zu einem Schweinekoben".
Angewidert erlebt und zitiert er heilsgeschichtliche Fremdenführungen im Geist kommerzieller Sinnstiftung: "Dies hier ist der Stein, an dem Jesus lehnte, & dies hier ist das Englische Hotel. Dahinter ist der Torbogen, wo man Christus vor die Volksmenge führte, & just neben jenem Fenster dort kauft man den besten Kaffee in ganz Jerusalem."
Man musste wohl mit einem unverwüstlich heiteren Gemüt gesegnet sein, um sich über den zwischen Erwartung und Wirklichkeit gähnenden Abgrund nonchalant und spielerisch leicht hinwegzusetzen wie Melvilles amerikanischer Landsmann Mark Twain. Der Erfinder von Tom Sawyer und Huckleberry Finn war 1867 Teilnehmer einer in den USA organisierten Bildungs- und Vergnügungsreise nach Europa und ins Heilige Land.
Seine Reisebriefe von dem monatelangen Abenteuer, in New York als "Picknick riesenhaften Ausmaßes" (Mark Twain) angekündigt, veröffentlichte er 1869 auch in einem Buch. Dessen Titel "The Innocents Abroad" ("Die Arglosen im Ausland") gab den durchweg ironisch-selbstironischen Tenor vor.
Zielsicher parodiert Mark Twain die von Klischees und frömmelndem Schauder strotzende Gattung der Palästinabücher, die in jeder derben Bäuerin eine Art erhabener Marienerscheinung und in jeder trostlosen Hütte die Aura des Heilands spüren. Er macht sich lustig darüber, wie Landsleute aller Konfessionen im Heiligen Land die Beweise für ihre je eigene Heilsbotschaft finden - die Baptisten für ein baptistisches Palästina, die Methodisten für ein methodistisches, die Presbyterianer für ein presbyterianisches.
Verblüfft stellt der Autor fest, wie klein Jerusalem ist, wie wenig es den riesenhaften Vorstellungen entspricht, die er sich einst in der Sonntagsschule machte. Doch reagiert er nicht höhnisch oder aufgewühlt, sondern mit leisem, weisem Humor: "Reisen und Erfahrungen verderben die großartigsten Bilder und berauben uns der geliebtesten Erinnerungen aus unserer Kindheit. Gut, lasst sie gehen ..."
Weniger gelassen als der amerikanische Erzähler reagierte der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm, der ein "Tagebuch meiner Reise nach dem Morgenlande 1869" zu Papier brachte. "Bitter enttäuscht" war er etwa über den giftigen konfessionellen Konkurrenzneid in der Jerusalemer Grabeskirche - jene tragikomische Rivalität um den Heiland, die 1853 zum Politikum geworden war und den Krimkrieg mit ausgelöst hatte.
Eine Pilgerreise nach Jerusalem gehörte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schon fast zum repräsentativen Pflichtprogramm des europäischen Herrschernachwuchses. So besuchte der spätere belgische König Leopold II. die Stadt 1855 als Herzog von Brabant. Prinz Edward, der künftige englische König, kreuzte 1862 auf - und ließ sich als Souvenir ein Kreuz auf den Arm tätowieren.
Der Duke of York, später König George V., folgte 20 Jahre später den Spuren von Vater Edward. Auf dessen Geheiß suchte er denselben Tätowierer in Jerusalems Altstadt auf. Der Junior übertrumpfte den Senior sogar, indem er ein noch exponierteres Körperteil wählte und sich das Jerusalemkreuz auf die Nase tätowieren ließ - vor seiner Inthronisierung musste es dann allerdings wieder entfernt werden.
Als krönender Abschluss des 19. Jahrhunderts wurde schließlich in Jerusalem der Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. im Jahr 1898 inszeniert.
Zum christlich-deutschen Fürstentum Palästina, von dem Helmuth von Moltke einst fabuliert hatte, hat es aber dann doch nicht ganz gereicht.