Jerusalemsehnsucht: "Jetzt seid ihr neu geboren" - DER SPIEGEL
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Jerusalemsehnsucht "Jetzt seid ihr neu geboren"

Millionen Gläubige pilgern jedes Jahr nach Jerusalem, Christen, Juden und Muslime. Sie wollen dort wandern, wo Jesus lebte, wollen den Gott des Judentums spüren, die Nähe des Propheten - oder auch nur sich selbst.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Ende dieses Tages wird Frau Holl, 71, Strickjacke, toupierte Goldlöckchen, viermal das Vaterunser gesprochen, neun Lieder gesungen und eine Messe gefeiert haben, sie wird in acht Kirchen und Kapellen gebetet sowie eine Portion Falafel und einen Wiener Apfelstrudel verspeist haben.

Misses Christyn Enenche, 41, Unternehmerin aus Abuja, Nigeria, wird ein Dutzend Schlüsselanhänger, Kugelschreiber und Holzkreuze erworben haben. Und sie wird, in blauem Kleid und passendem Kopfputz, das Halleluja gesungen haben, laut und schrill, und es wird der beste Tag ihres Lebens sein.

Amy, 23, aus Seattle wird einen Davidstern aus Opal gekauft und "The Rivers of Babylon" gesungen haben, sie wird ebenfalls Falafel gegessen haben, bevor sie vor der Klagemauer hocken und schluchzen wird.

Es wird ein ganz normaler Tag in Jerusalem gewesen sein.

Der Stadt, in die im vergangenen Jahr drei Millionen Besucher reisten, so viele wie nie zuvor, viele davon Pilger; 1,8 Millionen Christen, mehr als die Hälfte von ihnen Katholiken, und 900.000 Juden. Auch 120.000 Muslime, aber bloß ein paar tausend von ihnen sind Pilger, denn sie bekommen nur schwer ein Visum, und viele lehnen eine Reise nach Israel aus politischen Gründen ab.

Was ist ein Pilger? Was macht Jerusalem mit den Pilgern? Und was machen die Pilger mit Jerusalem?

Das Suchende mache den Pilger aus, sagt Michael Wohlrab, Pfarrer und Pilgerseelsorger in Jerusalem, das Interesse an den heiligen Stätten, auch wenn einer nicht glaubt oder vielleicht an Gott zweifelt." So gesehen sind alle Reisenden ins Heilige Land Pilger." Aber die Hoffnungen, die sie hertreiben, sie sind individuell.

"Meine Identität finden", sagt Amy.

"Ein besserer Mensch werden", sagt Misses Enenche.

"Den Ort erleben, an dem Christus gestorben ist", sagt Hannelore Holl, kurz und sachlich, wie sie eben ist.

Seit fünf Jahren putzt sie die Kirche St. Mariae Geburt in Kempen am Niederrhein, wo ein Haar der Mutter Gottes verehrt wird; sie sammelt auch die Kollekte, geht dem Propst zur Hand, alles ehrenamtlich. Sie fuhr nach Rom, in einem Pilgerzug mit 450 Gläubigen, der Papst empfing sie persönlich. Sie fuhr mit dem Bus nach Santiago de Compostela, 2500 Kilometer, die ganze Fahrt sangen sie. Und jetzt Jerusalem, das ist die Krönung in ihrem Pilgerleben. "Für mich stand felsenfest, dass ich da auch hin will."

Und jetzt steht Hannelore Holl hier auf dem Ölberg, eine von 67 Pilgern, überwiegend Katholiken samt ein paar Protestanten, alle zum ersten Mal im Heiligen Land, gebucht über den Kreis der Freunde Roms. Die klassische Pilgerfahrt in der klassischen Mischung: viele Lehrer, Ärzte, Apotheker, Rentner und Hausfrauen, außerdem ein Gutsbesitzer und eine Violinistin, alle in der internationalen Pilgeruniform aus Turnschuhen, Goretex-Jacken, Multifunktionswesten und Rucksäcken. Unterwegs auf der typischen Pilgerroute: den Ölberg mit dem Garten Gethsemane hinab, über die Via Dolorosa durch die Altstadt zur Grabeskirche, den Höhepunkt der christlichen Reise ins Heilige Land. In der Hand tragen sie einen blauen Schnellhefter mit Liedtexten, denn überall wird gesungen.

Maximal eine halbe Stunde haben die Pilger an jedem Ort, dann geht es schon weiter; Zeit zur Einkehr ist beim organisierten Pilgern nicht vorgesehen.

Mittags ist ein Gottesdienst in der Kreuzfahrerkirche St. Anna in der Altstadt gebucht, organisiert vom christlichen Pilgerbüro unter Leitung von Bruder Anthanasius, dem wohl einzigen Franziskaner-Mönch mit Blackberry; in der Hochsaison verteilen seine Mitarbeiter täglich bis zu 400 Pilgergruppen auf insgesamt 50 Kirchen und Kapellen in ganz Israel.

Ein Kanon, Falafel im Stehen, danach ist die Via Dolorosa dran. Masin Kanaan verleiht hier Kreuze, seit 90 Jahren ist seine Familie im Rent-A-Cross-Geschäft. Er nimmt für das Kreuz kein Geld, nicht direkt zumindest. Masin Kanaan macht Fotos von den Kreuzträgern. 32 Kreuze hat er zu verleihen, in den Größen S, M und L, sie wiegen 15, 25 und 50 Kilo. "Der Koreaner nimmt immer L", sagt er, "der Koreaner weint, singt, betet, er ist sehr expressiv." Die Deutschen seien schlechte Kunden, sagt Masin Kanaan, kein Kreuz, keine Tränen, kein Geld.

Tatsächlich, die Deutschen vom Niederrhein wollen kein Kreuz, sie schreiten an Masin Kanaan vorbei, der Propst voran, aus dem Evangelium lesend, Frau Holl dicht hinter ihm, die Augen halb geschlossen. Zwischen Station 4, Jesus begegnet seiner Mutter, und Station 5, Simon von Kyrene hilft Jesus das Kreuz zu tragen, ist Gedränge. Hier prallen Händler, gebeugte Kopftuchfrauen, jüdische Orthodoxe und christliche Pilger zusammen, ist doch die Via Dolorosa in großen Teilen ein Umschlagplatz für rosa Spitzen-BHs, chinesisches Plastikspielzeug und T-Shirts mit "Israel Army"-Aufdruck. Der Propst sagt: "Jeder passt bitte auf seine Geldbörse auf. Auch auf heiligen Wegen gibt es unheilige Gedanken."

Ungefähr bei Station 5 ruft Harud Naschaschibi: "Aus Bayern oder Deutsch?" In der Auslage ruhen Davidsterne, Menora-Leuchter, orthodoxe und katholische Kreuze friedlich nebeneinander; Koranausgaben neben Kipas und Rosenkränzen, ein Stillleben der drei Weltreligionen. Die Deutschen hasten vorbei, keine Zeit für Einkäufe.

Naschaschibi ist Armenier, seine Familie besitzt drei Souvenirläden auf der Via Dolorosa. Die Siebziger, sagt er, das seien die goldenen Jahre gewesen, da sei die Via Dolorosa voll gewesen mit Touristen, die Deutschen damals, gute Kunden. Jetzt kommen sie nur noch in den Laden, um nach dem Weg zu fragen.

Frau Holl sagt, sie habe es sich so nicht vorgestellt, so laut, so voll, so gedrängt, so, nun ja, unheilig. Aber vielleicht sei es eben doch so, wie Jerusalem vor 2000 Jahren gewesen sein könnte, das sagt sie nachdenklich.

"Ein wunderbares Erlebnis"

Dann steigt die Gruppe auf die Treppe vor der Grabeskirche, die Fototreppe, nebenbei auch Station 10 der Via Dolorosa, Jesus wird entkleidet. Aufstellung zum Gruppenbild bei Ibrahim Saki Abu Sarur, Grabeskirchenfotograf in dritter Generation. Er fotografiert die Pilger, bevor sie in die Kirche gehen, dann rennt ein Assistent mit dem Chip ins Labor. Als die Gruppe vom Niederrhein wieder aus der Kirche tritt, drückt Abu Sarur jedem Pilger sein Foto in die Hand. "Die Pilger wollen eine Erinnerung."

"Das rahme ich mir zu Hause", sagt Frau Holl und steckt das Foto vorsichtig in ihre Handtasche. Dann marschiert die Gruppe ins Österreichische Hospiz, wo Frau Holl unter dem wachsamen Blick von Kaiser Franz Joseph Melange trinkt und Apfelstrudel verspeist. Danach geht sie ins Bett. Am Morgen müssen sie früh aufstehen, Gottesdienst um sechs Uhr am Heiligen Grab. "Pilgern ist eben nicht nur ein Vergnügen", sagt Frau Holl.

Misses Christyn Enenche sieht das anders, für sie ist die Pilgerreise ein großer Spaß und natürlich, das auch, eine spirituelle Erfahrung, sie genießt jede Sekunde, was auch daran liegt, dass Misses Enenche das erste Mal ins Ausland gereist ist: "Ein wunderbares Erlebnis."

Heute aber ist ihr letzter Tag im Heiligen Land, und Misses Enenche sitzt im riesigen Konferenzraum des Hotel Regency, fünf Sterne, draußen Amerikaner in Shorts und Ultraorthodoxe mit Pelzhüten, innen in den ersten zwei Stuhlreihen 55 Nigerianer in Festtagskleidung. Die Männer tragen weite Kaftane, mit Pailetten besetzt oder mit Silberfäden durchwirkt. Die Kleider der Frauen sitzen eng auf den prallen Hüften, ihre dazu passenden Kopfbedeckungen sehen aus wie stundenlang zurechtgefaltete Origami-Kunstwerke. Es sind Richter und Doktoren dabei, aber auch Bauern und Hausfrauen.

Sie feiern den glücklichen Abschluss ihrer Pilgerfahrt. Künftig dürfen sie ihrem Namen ein "JP" hinzufügen, das steht für "Jerusalem Pilgrim". Und daher sitzt jetzt David Meyers vom Pilgerreiseveranstalter Immanuel Tours unter einem riesigen Plakat, auf dem steht "Graduation Ceremony". David Meyers hat 70 solcher Feiern in den vergangenen zwei Monaten geleitet, jeden Abend eine, manchmal sogar zwei. Er sieht etwas erschöpft aus, während der Very Reverend Chris Utov predigt: "Jetzt habt ihr es selbst gesehen, berührt, gefühlt. Ich bin mir sicher, es hat euch verändert. Die Menschen zu Hause werden euch mit anderen Augen ansehen. Ihr seid neu. Ihr seid wiedergeboren."

Es folgt die nigerianische Nationalhymne, und dann endlich singt Misses Enenche einen Gospel, sehr schrill und sehr heiter, und alle singen mit. Am Ende übergibt David Meyers jedem Pilger zwei Zertifikate, eines für die Besteigung des Berg Sinai und ein anderes für die Pilgerreise ins Heilige Land. Die Damen machen einen Knicks und lassen sich mit ihm fotografieren.

Die Nigerianer sind enthusiastische Pilger, in jeder Hinsicht, sie kaufen ein wie besessen, manche haben am Ende hundert Kilo Übergepäck. Sie erstehen Kerzen, "von Hand verpackt im Heiligen Land", Ampullen mit Heiliger Erde, Dornenkronen mit Echtheitszertifikat; T-Shirts, Plastikikonen mit 3D-Effekt und sehr große Koffer, um alles nach Hause zu bringen. Die Nigerianer sind bei den Händlern sehr beliebt.

Der Vater von David Meyers hat die Pilgeragentur vor 30 Jahren gegründet; inzwischen pilgern die meisten nigerianischen Christen mit Immanuel Tours durchs Heilige Land. Die Hälfte von ihnen, rund 17.000 im Jahr, reisen wie Misses Enenche auf Staatskosten; schließlich bekommen auch die Muslime ihren Hadsch. Der Very Reverend Chris Utov nennt es eine "Investition in die spirituelle Zukunft der Menschen". Manchen geht es wohl eher um die finanzielle Zukunft, und so fehlt immer mal wieder ein Nigeraner beim Rückflug, allein im Jahr 1995 gingen 2000 im Heiligen Land verloren.

Bei einer anderen Gruppe von Pilgern wird es sogar gern gesehen, wenn sie bleiben: junge Juden. Über 200.000 von ihnen, 18 bis 26 Jahre und aus 52 Ländern, sind schon auf Einladung der Organisation Taglit (auf Deutsch: Entdeckung) nach Israel gereist. Sie ziehen durch die Nachtclubs von Tel Aviv, baden in Eilat, wandern auf dem Golan - und sehen Jerusalem.

Damit sie zumindest immer wieder kommen, präsentiert sich ihnen das Land von seiner sonnigsten, aufgedrehtesten Seite. "Es geht darum, dass sie hier ihre Identität finden", sagt die Reiseleiterin Yael, so jung wie die Teilnehmer. Dazu gehört auch, dass israelische Wehrpflichtige mit der Gruppe unterwegs sind. Die Männer, sagt Yael, finden immer eine Freundin in der Gruppe.

38 amerikanische Juden sitzen an diesem Morgen im Reisebus, aus New York, Boston, San Francisco, fast alle sind das erste Mal in Israel. Sie haben die Nacht durchgefeiert, leiden noch am Jetlag, tragen große Sonnenbrillen und Basecaps, der Bus quält sich zu einem Aussichtspunkt hinauf. Yael legt eine CD ein, und der Orthodoxe Matisyahu rappt: "Jerusalem, if I forget you / fire not gonna come from me tongue / Jerusalem, if I forget you / let my right hand forget what it's supposed to do."

Der Bus stoppt auf der Hass-Promenade, die Amerikaner stolpern aus dem Bus in die grelle Sonne, staunen, fotografieren, Jerusalem liegt ihnen zu Füßen, und dann liest Yael die Geschichte von Abraham und dem Opfer auf dem Berg Moria vor, auf dem in der Morgensonne die goldene Kuppel des Felsendoms funkelt. Yael deutet auf die Altstadt und ruft atemlos: "Hier ist das passiert. Hier. Könnt ihr euch das vorstellen?" Und dann fragt sie: "Wenn ihr diese Stadt in zwei Hälften schneiden müsstet, wo würdet ihr die Linie ziehen?" Rechts das muslimische Ostjerusalem, im Westen das moderne, jüdische Jerusalem. "So", sagt Yael, als keiner antwortet, und ihre Hand halbiert die Stadt in der Mitte. Die Altstadt schlägt sie dabei der jüdischen Seite zu, vielleicht ist das aber nur Zufall.

Die Reiseleiter bieten eine Mischung aus Religion, Entertainment, Klassenfahrt und Einbürgerungskurs. Sie zeigen den Amerikanern, wie man Sesamkringel mit Saatar-Gewürz isst, sie bringen ihnen bei, dass "danke" hebräisch "toda" heißt, und zwischendurch kommt immer mal wieder die Rede auf König David. Nur Gabi, der Junge mit der Uzi, der für die Sicherheit da ist, erinnert an die Probleme des Landes.

Bevor sie die Promenade verlassen, singen die Amerikaner "The Rivers of Babylon", in der Version von Boney M., dann fahren sie zur Altstadt, ins jüdische Viertel. Kurz vor der Klagemauer rufen die Reiseleiter einen "Trust Walk" aus, einen Vertrauensmarsch. Jeder soll die Augen schließen und die Hände auf die Schultern des Vormanns legen, so bewegen sie sich im Schneckentempo auf die Mauer zu.

"Das war ein gutes Gefühl, hier zusammen hinzugehen, es ist für mich ein Symbol für die Klagemauer, dass wir zusammenbleiben", sagt Amy aus Seattle, Herzstecker im rechten Ohrläppchen. Sie will noch drei Monate bei orthodoxen Verwandten im Land bleiben, vielleicht auch länger, vielleicht für immer.

Dann teilt Yael Zettel aus, sie schreiben Briefe, die sie in die Mauerritzen stecken werden, manche küssen die Mauer, die meisten wirken unbeholfen. Da stehen sie vor dem größten jüdischen Heiligtum und wissen nicht, was sie tun sollen. Amy hockt sich auf den Boden, Tränen laufen ihr über die Wangen. "In echt ist es so anders als aus der Ferne", schnieft sie. "Das ist ein so emotionaler Ort für mich. All diese Menschen hier - und so eine riesige Differenz zwischen Realität und Hoffnung." Sie hat eine Botschaft geschrieben, Wünsche für die Zukunft, sagt sie, was für ein Mensch sie gern sein würde.

Auch wenn sie sich nicht begegnet sind, Amy aus Seattle, Misses Enenche aus Nigeria und Frau Holl vom Niederrhein, obwohl sie alle ein anderes Jerusalem gesehen haben, haben sie eines gemeinsam: Sie kehren anders zurück, als sie kamen.