Die konstitutionelle Monarchie Im Namen der Vernunft
Die Kleriker: Hass gegen die Französische Revolution
Ein Nichtsnutz sei ihr Sohn und durch und durch verdorben, schrieb die Gräfin Alexandrine de Talleyrand-Périgord an , er solle den missratenen Sprössling um Himmels willen nicht zum Bischof machen. Aber der König, dem das Recht der Ernennung kirchlicher Würdenträger zustand, fühlte sich im Wort bei dessen Vater, der gerade im Sterben lag und als Vertreter uralten Hochadels vom Monarchen als "Vetter" anzureden war.
Mit 34 Jahren wurde Charles-Maurice de Talleyrand im Januar 1789 in der Kapelle von Issy bei Paris zum Bischof geweiht - trotz seines liederlichen Lebenswandels, wie ihn freilich viele Kleriker seiner Zeit pflegten. Am Abend nach der sechsstündigen Zeremonie tafelte Talleyrand mit seiner Geliebten Adélaïde de Flahaut und ihrem gemeinsamen dreijährigen Sohn. Seinen Bischofssitz Autun in der burgundischen Provinz besuchte Talleyrand erst Wochen nach der Weihe, und das auch nur, um vier Wochen lang Wahlkampf zu führen. Denn Talleyrand wollte als Vertreter des Klerus in die Generalversammlung gewählt werden, was ihm auch gelang.
Mit einigen anderen Bischöfen und einem großen Teil des niederen Klerus schloss er sich am 26. Juni 1789 dem dritten Stand an. Er wurde zum tatkräftigen Geburtshelfer der , zusammen mit Geistlichen wie Abbé Emmanuel Sieyès, dem Generalvikar von Chartres, oder Abbé Henri Grégoire, dem späteren Bischof von Blois. Sieyès machte sich mit einer weitverbreiteten Flugschrift ("Was ist der dritte Stand?") zum Sprachrohr der Bevölkerung. Grégoire leitete während des Sturms auf die Bastille die 62-stündige Sitzung der Nationalversammlung und hielt eine engagierte Rede gegen die Feinde der Revolution. Talleyrand formulierte Gesetzestexte über Menschen- und Bürgerrechte und verfasste einen "Bericht über das öffentliche Erziehungswesen", der noch hundert Jahre später das französische Schulsystem prägen sollte.
Kirchenfeindliche Stimmung
Solche Gesten versöhnten Revolutionäre mit der Kirche, obschon in Teilen des Bürgertums vor 1789 eine kirchenfeindliche Stimmung geherrscht hatte: Seit dem Konkordat von 1516 war der katholische Glaube Staatsreligion gewesen, die Kirche integriert in die absolute Monarchie; sie besaß ein Fünftel des nationalen Vermögens, profitierte von Pfründen und Abgaben.
Nachdem der Klerus am 4. August 1789 bereits auf Steuerfreiheit und den Kirchenzehnten verzichtet hatte, war es Talleyrand, der am 10. Oktober in der Nationalversammlung vorschlug, dass die Kirchengüter "der Nation zur Verfügung gestellt" werden sollten, um den Staatsbankrott abzuwenden. Der schier unglaubliche Antrag - ein Bischof plädiert für die Enteignung seiner Kirche - wurde mit 568 gegen 346 Stimmen am 2. November angenommen.
Damit war Talleyrand in den Augen vieler seiner geistlichen Mitbrüder entschieden zu weit gegangen. "Von da an datiert der Hass des Klerus gegen die Revolution", notierte der Historiker François Auguste Mignet in seiner 1824 veröffentlichten "Geschichte der Französischen Revolution". Der Klerus sei, "um seine Reichtümer zu retten", "bei der Eröffnung der Generalstände weniger unfügsam" gewesen als der Adel; "von nun an aber zeigte er sich gleich dem Adel dem neuen Regime abgeneigt, dessen zähester und erbittertster Gegner er wurde".
Zwar zahlte fortan der Staat die Gehälter der Pfarrer. Aber durch die "Zivilkonstitution" vom 12. Juli 1790 mussten die Geistlichen den Eid auf die neue Verfassung ablegen, sich von politischen Gremien wählen lassen und als "Beamte der Moral und Erziehung" ihren Dienst versehen. Zudem wurden die bislang 135 Bistümer auf 83 verringert, in ihren Grenzen identisch mit den im Dezember 1789 geschaffenen Départements.
Papst Pius VI., der wohl darauf gehofft hatte, dass durch eine ausländische Intervention die alte Monarchie wiederhergestellt würde, zögerte lange, ehe er zu der Kirchen-"Reform" Stellung nahm. Erst im März 1791 erklärte er die Zivilkonstitution für ungültig, zugleich verdammte er auch die Freiheitsidee der Revolution und die Erklärung der Menschenrechte: "Kann man sich etwas Unsinnigeres ausdenken, als eine derartige Gleichheit und Freiheit für alle zu dekretieren?"
Verstümmelung der Kirche
Missbilligend verkündete der Papst, "eine politische und rein bürgerliche Versammlung" habe "nicht das Recht, die Lehre und allgemeine Kirchenzucht zu verändern, den Urteilen der Heiligen Väter und Konzilien Hohn zu sprechen, das ganze Gebäude der katholischen Kirche nach Willkür zu erschüttern und zu verstümmeln".
Von den Geistlichen, die den Eid auf die neue Verfassung geleistet hatten - ohnehin nur knapp die Hälfte, darunter lediglich sieben Bischöfe -, verlangte Pius VI., den Schwur zu widerrufen, was etwa 22.000 von 28.000 Pfarrern taten. Dadurch entzweiten sich die französischen Katholiken in eine konstitutionelle Kirche und die "église réfractaire", die widerspenstige Kirche.
Priester, die den Schwur nicht ablegten, wurden abgesetzt, weigerten sich aber, wie der Historiker Mignet berichtet, "auf ihre Ämter zu verzichten, und erklärten ihre Nachfolger für Eindringlinge, die von ihnen erteilten Sakramente für nichtig und die Christen, die sich nicht scheuen würden, sie anzuerkennen, für exkommuniziert".
Lange hatten sich die Revolutionäre, wenn auch aus taktischen Gründen, um ein gutes Verhältnis zur Kirche bemüht: Sie versuchten, sie für ihre Ziele zu vereinnahmen. Schließlich war die Religion ein starker nationaler Integrationsfaktor und die Kanzel ein schnelles und zuverlässiges Medium zur Verbreitung der Revolutionsgedanken.
Feierliche Messe zum Jahrestag des Sturms auf die Bastille
Die Eintracht manifestierte sich darin, dass wichtige politische Entscheidungen in ein religiöses Zeremoniell eingebettet wurden. Die Sitzung der Nationalversammlung etwa, in welcher der Klerus auf den Kirchenzehnten verzichtete, klang mit einem feierlichen Tedeum aus. Geistliche segneten die Trikoloren, Pfarrer präsidierten, wenn Freiheitsbäume errichtet wurden, Priester feierten Revolutionsfeste mit Prozessionen und Hochämtern.
Zum Föderationsfest am 14. Juli 1790, dem ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille, zelebrierte Bischof Talleyrand an einem eigens errichteten "Altar des Vaterlands" vor 300.000 Menschen auf dem Pariser Marsfeld eine feierliche Messe. Vorsichtshalber hatte er, weil er in sakralen Dingen nicht sattelfest war, die Liturgie tags zuvor am heimischen Kamin geübt. Nach dem Hochamt begab sich der sinnenfrohe Bischof in einen Spielsalon, wo er so viel Geld gewann, dass er es in seinen Hut stopfen musste, um es wegzutragen.
Nach der päpstlichen Verurteilung war es mit der friedlichen Koexistenz von Revolutionären und Kirche vorbei. Sichtbar wurde das Zerwürfnis etwa darin, dass die Nationalversammlung den im April 1791 fertiggestellten, aber noch nicht geweihten Kuppelbau der Kirche Sainte-Geneviève als "Panthéon" zur nationalen Ruhmeshalle und Nekropole bedeutender Franzosen umwidmete. Noch im selben Jahr wurde der 1778 gestorbene Kirchengegner Voltaire ("Zerschlagt das Scheusal!") ins Panthéon umgebettet, der Aufklärungspadädoge Jean-Jacques Rousseau folgte 1794.
Das Aus der friedlichen Koexistenz von Revolutionären und Kirche
Obwohl Talleyrand seit Anfang 1791, ohne formellen Rücktritt, sein Bischofsamt nicht mehr wahrgenommen hatte, legte er noch einmal Messgewänder an - weil er als Einziger, der den Eid auf die Verfassung geleistet hatte, neue staatstreue Bischöfe weihen konnte. "Nichts Wünschenswerteres kann sich ereignen, als dass sich einer von der Kirche lossagt, der aus so vielen Gründen verdient, hinausgeworfen zu werden", bebte der Papst und exkommunizierte den Abtrünnigen im Mai 1792.
Von August 1792 an verschärften sich die Repressalien gegen eidverweigernde Priester. Sie wurden aus ihren Pfarreien vertrieben und aufgefordert, zu verlassen. Bis zum Frühjahr 1793 gingen mehr als 30 000 Geistliche ins Exil. Etwa 2000 papsttreue Priester, die trotzdem im Land blieben, wurden nach Guyana deportiert.
Die Konfrontation von Staat und Kirche nahm weiter zu, als das revolutionäre Frankreich im September 1792 von einer Koalition angegriffen wurde, die Pius VI. mit geschmiedet hatte. Als österreichisch-preußische Truppen ins Land eindrangen, kehrte sich der Volkszorn gegen die vermeintlichen Vaterlandsverräter. Rund 300 Priester wurden in den Pariser Gefängnissen niedergemetzelt.
Erstmals nahmen keine Kleriker an den Festen teil
Nun setzte eine radikale Entchristianisierung ein. Am Fest der Einheit und Unteilbarkeit der Republik am 10. August 1793 nahmen erstmals keine Kleriker teil. Gleichwohl wurde versucht, durch einen parodistischen Gebrauch der katholischen Liturgie der Feier einen quasireligiösen Rahmen zu geben: Die Menge zog, wie bei christlichen Prozessionen, von Station zu Station, die erste war an der Ruine der Bastille; wie eine Monstranz trugen Abgeordnete die Menschenrechtserklärung und die Verfassungsurkunde voraus.
Als Antreiber der Entchristlichung im Namen der Vernunft erwiesen sich die Konventskommissare in den Provinzen. Im September 1793 weihte Joseph Fouché in der Kathedrale von Nevers eine Brutus-Büste und verkündete von der Kanzel, dass die Gottesdienste durch Feste der Republik und der "natürlichen Moral" ersetzt würden. Sein Kollege André Dumont ordnete im Département Somme "staatsbürgerliche Tänze" anstelle der Gottesdienste an, in Rochefort verwandelte Joseph Lequinio die Kirchen in "Tempel der Wahrheit".
In der Pariser Kathedrale Notre-Dame ließ der Eiferer Jacques-René Hébert die Heiligen aus den Nischen entfernen und die Altäre umstürzen. In Reims wurde die heilige Ampulle zerbrochen, mit deren Öl die französischen Könige gesalbt worden waren.
"Fest der Vernunft"
Am 6. November 1793 forderten die Jakobiner, die Priesterbesoldung abzuschaffen. Noch am selben Abend begab sich eine Delegation zum Bischof von Paris, Jean-Baptiste Gobel, und überzeugte ihn, seine Kirchenfunktionen aufzugeben. Am nächsten Tag erschien er vor dem Konvent, entsagte dem "Aberglauben" und "Fanatismus" und legte feierlich sein Amt nieder.
Am 10. November 1793 fand das erste "Fest der Vernunft" statt. Ursprünglich war es im Palais Royal geplant gewesen, wurde aber in die Kathedrale Notre-Dame verlegt, um es zu einem öffentlichen Affront gegen die katholische Kirche zu machen. Dort war eine Art Berg aufgeschüttet worden, auf dem ein der Philosophie geweihter, mit Büsten der antiken Weisen geschmückter Tempel stand und eine Schauspielerin, die die Freiheit verkörperte. Vor der Flamme der Vernunft, die an einem Altar loderte, bildeten junge Mädchen in weißen Kleidern und mit Girlanden aus Eichenlaub eine Prozession.
"Heute", proklamierte der Konvent, "hat sich alles Volk von Paris unter die gotischen Wölbungen begeben, die so lange durch die Stimme des Irrtums geschändet waren." Die "ehemalige Hauptkirche von Paris" werde nun "der Vernunft und der Freiheit geweiht Der Fanatismus hat sie aufgegeben, vernünftige Wesen haben sich ihrer bemächtigt."
Obwohl kein Anhänger des Katholizismus war, sprach er sich am 21. November 1793 im Jakobinerclub ausdrücklich für die Freiheit der Religionsausübung aus: "Wer eine Messe verhindern möchte, ist ein ebensolcher Fanatiker wie jener, der sie liest." Auch Georges Danton wandte sich gegen die "antireligiösen Maskeraden".
Anstelle des Vernunftkultes, der sich nicht durchsetzen konnte, versuchte Robespierre einen nationalreligiösen Kult des Höchsten Wesens zu etablieren, der die christlichen Gefühle nicht so offen verletzte. Am 7. Mai 1794 legte der Konvent in einem Dekret fest: "Das französische Volk erkennt die Existenz eines Höchsten Wesens und die Unsterblichkeit der Seele an."
Dem Fanatismus einen tödlichen Schlag versetzen
Auf Drängen Robespierres fasste die Nationalversammlung den Beschluss: "Wenn man die Menschen zur reinen Verehrung des Höchsten Wesens aufruft, versetzt man damit dem Fanatismus einen tödlichen Schlag." Die Priester aller Religionen hätten das Höchste Wesen "verunstaltet und geleugnet", nur um sich Reichtum und Macht zu verschaffen; "der wirkliche Priester des Höchsten Wesens ist die Natur, sein Tempel ist die Welt, sein Kult ist die Tugend".
Am 8. Juni 1794 weihte ein bizarres "Fest des Höchsten Wesens" in Paris den neuen Kult feierlich ein. Robespierre als turnusmäßiger Präsident der Nationalversammlung führte die Prozession an, die von den Tuilerien zum Marsfeld zog.
Doch auch diese Ersatzreligion kam über die pompöse Gründungsfeier kaum hinaus. Robespierres Sturz im Juli 1794 brachte nicht nur das Ende des politischen Terrors, auch der Kulturkampf gegen die Kirche mäßigte sich. Die neuen Machthaber waren zwar auch antiklerikal, aber zunächst vor allem an der Befriedung des Landes interessiert. Sie nahmen die Verfolgungsmaßnahmen zurück, verfügten aber eine Trennung von Staat und Kirche. So wurde beispielsweise ein weltliches Schulsystem aufgebaut, in dem es keinen christlichen Religionsunterricht mehr gab. Die Gehaltszahlungen auch an die verfassungskonformen Geistlichen wurden eingestellt, die Priester mussten nun von den Spenden der Gläubigen leben.
Talleyrand hatte sich da längst aus dem Staub gemacht. Bevor die Schreckensherrschaft der Jakobiner ausgebrochen war, verließ der wendige Ex-Kleriker im September 1792 Frankreich in Richtung England - offiziell in diplomatischer Mission, um zwischen der britischen Krone und den Revolutionären in Paris zu vermitteln. Deshalb wurde er später von der schwarzen Liste der Emigranten gestrichen und durfte 1796, nach längerem USA-Aufenthalt, nach Frankreich zurückkehren.
Nun konnte der lebenslange Opportunist neue Karrieren starten - als Außenminister des Direktoriums, später Napoleons und schließlich im Dienste der restaurierten Bourbonen-Dynastie.