Russland Die Kunst des Lebens
Shenja ist eine "Meisterin im Aufstellen von Erledigungslisten". Dafür benutzt sie "eine Art Geschäftsbuch - schwarz und von ziemlich großem Format, fast A4". Wenn sie ihre Listen abgearbeitet hat, ist sie erschöpft, aber glücklich: Verlagsarbeit und Haushalt, ein weltfremder Mann, heranwachsende Söhne und die endlosen Gefälligkeiten, die in Moskau immer noch der soziale Schmierstoff sind. Doch der Dauerstress bekommt ihr offenbar gut: Shenja sieht "höchstens wie 45" aus, obwohl sie deutlich älter ist.
Eine solche Frau wäre für westliche Autorinnen ein "Superweib" oder ein Fall für die Wellness-Farm. Die Russin Ljudmila Ulitzkaja, 60, schickt ihre Heldin auf einen anderen Weg. Als Shenja verunglückt und im Rollstuhl sitzen muss, träumt sie nur noch davon, ihren Körper, "dieses schlaffe Stück Aas", über die Balkonbrüstung zu hieven. Ausgerechnet ihre verschrobensten, anstrengendsten Freundinnen bringen sie davon ab: die Jüdin Lilja, seit ihrem Eintritt in die orthodoxe Kirche in Sachen Erlösung unterwegs, und Galja, eine Schönheit "aus der hügeligen, flussreichen Gegend der Mittelrussischen Höhen", die Ehemänner und Bekenntnisse wie Hemden wechselt und jetzt die Thora zitiert: "Jeder Tag ist neu." Shenja kehrt ins Leben zurück. Aber keineswegs mit dem Vorsatz, einmal etwas für sich zu tun, sondern mit einer stattlichen Liste von Dingen, die sie dringend erledigen muss.
"Die Kunst zu leben" ist die letzte und gewichtigste der sechs Erzählungen, mit denen Ljudmila Ulitzkaja ihre Heldin Shenja von den achtziger Jahren bis heute begleitet. Und die einzige, in der nicht gelogen wird. In den anderen Erzählungen des Bandes gibt es ein wahres Kaleidoskop weiblicher Schwindeleien, deren Adressatin und Opfer die gutgläubige Shenja ist. Eine Urlaubsbekanntschaft schildert ihr den tragischen Tod von vier Kindern, die sie nie besessen hat ("Diana"); die kesse kleine Nadja erzählt ihr vom großen Bruder, den es gar nicht gibt ("Bruder Jurotschka"). Das Irritierende an diesen beiden Geschichten - ausgerechnet das, was selbst Shenja für geflunkert hält, erweist sich als wahr: die phantastische Familienhistorie der Urlaubsbekanntschaft, inklusive irisch-britischem Spion und Leben in Paris; die Filmauftritte der zehnjährigen Nadja in Spanien und ihre Milizmedaille für die Identifizierung eines gesuchten Mörders.
Ansonsten: satte Lügen, theatralische Selbstinszenierungen - aus Renommiersucht, aus Not. Die 13-jährige Lilja erfindet eine erotische Liebesgeschichte mit ihrem 40-jährigen Onkel ("Ende der Geschichte"), eine greise Literaturprofessorin gibt berühmte Gedichte gegenüber einer jungen, naiven Verehrerin als ihre eigenen aus ("Eine Naturerscheinung"). Die russischen Prostituierten in der Schweiz erzählen Shenja, die für einen Dokumentarfilm recherchiert, alle die gleiche melodramatische "wahre" Geschichte: vom vergewaltigenden Stiefvater, vom Freund, der sie ins Ausland brachte und vom Schweizer Banker, den sie bald heiraten werden. Bis Shenja von einer die wirkliche Geschichte erfährt ("Der Glücksfall").
Wie immer spielen Männer im weiblichen Kosmos der Ulitzkaja nur Statistenrollen: Sie kommen durchaus vor, aber es geht nicht um sie. Schon als junge, frisch von ihrem ersten Mann getrennte Frau hat Shenja den Verdacht, dass "dieses ganze Theater um Liebe-Triebe" so spannend gar nicht ist. Für die uralte Literaturprofessorin Anna Weniaminowna sind Männer "etwas Wunderbares, aber wozu sich so etwas zu Hause halten?"
Auch in diesen neuen Geschichten, die zusammen genommen ja fast einen Roman ergeben, erweist sich die Erzählerin als leidenschaftliche Chronistin des privaten Lebens. Die große Historie läuft eher wie ein Stummfilm im Hintergrund mit und wirft nur manchmal einen Schatten: Weil sie eine Putzfrau sucht, wendet sich Shenja an eine Freundin, die kaukasische Flüchtlingsfrauen betreut. Am nächsten Tag steht eine Tschetschenin mit zwei kleinen Kindern vor der Tür.
Von den bitteren Wahrheiten und den Lügen der Frauen erzählt Ljudmila Ulitzkaja mit ihrer unverwechselbaren Mischung aus Ironie und Herzenswärme. Ihr Blick ist unbestechlich - nicht umsonst ist sie in ihrem ersten Beruf Biologin gewesen: Die Narben von den Stichen ins Herz und den Stacheln im Fleisch entgehen ihr nicht. Doch weil sie weiß, dass auch die tragischen Dinge im Leben ihre komischen Seiten haben, weht trotz allem eine heitere Leichtigkeit durch ihre Geschichten.
BRIGITTE VAN KANN
Ljudmila Ulitzkaja: "Die Lügen der Frauen"
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Hanser Verlag, München; 168 Seiten; 16,90 Euro