Biografien Der Offenbarungs-Neid
Georg Reuchlein spielt mit einem Wackel-Dieter. Der Wackel-Dieter sieht so ähnlich aus wie der Wackel-Elvis, nur in den Lenden ist er noch nicht so beweglich. Die Bertelsmann-Buchsparte Random House lässt 200 000 solcher Bohlen-Püppchen in China produzieren - zum Start des zweiten Teils der Geständnisse ihres neuen Spitzenautors ("Hinter den Kulissen").
Eigentlich ist Georg Reuchlein Verleger und kein Spielzeughersteller. Früher kämpften Verleger darum, unbekannte Autoren bekannt zu machen - und setzten manchmal ihr Leben daran wie Siegfried Unseld. Doch die Verlagsbranche wandelt sich. Heute stellen sich Spitzenmanager die Frage: Warum Unbekannte aufbauen, wenn Bekannte nicht mehr an sich halten können, schnelles Geld versprechen und wir gleich noch ein paar Wackel-Dieter mit verkaufen können?
Seit die Ex-Klatschkolumnistin Katja Keßler die Ergüsse Dieter Bohlens zu einem Buch machte und ihr Mann, der "Bild"-Chef Kai Diekmann, die Titelseiten für die nötige Reklame freiräumte, stehen die Beichtwilligen Schlange: Effenberg, Küblböck, Abd El Farrag - der Geständnis-Wahn scheint kein Ende zu nehmen. Die Verlage, die unter Umsatzrückgängen leiden, reißen sich um die Billigpoeten. Denn offenbar können die erbarmungswürdigsten Belanglosigkeiten zu Bestsellern hochgejazzt werden, wenn man nur mit dem richtigen Verstärker arbeitet und ein Medienereignis inszeniert, das alle inhaltliche Leere kaschiert.
Dabei soll sich Chef-Verleger Klaus Eck zuerst noch vehement gegen den neuen Bio-Müll gesträubt haben: Man wolle ein Verlag bleiben, war beim Schachern um Bohlens Erstlingsrechte zu vernehmen - obwohl Random House schon damals mitgeboten hatte.
Doch nun hat Eck verstanden, wie die Verwertungskette funktioniert: Superstars, RTL, BMG, Random House - es bleibt schließlich alles in der Bertelsmann-Familie. "Wir sind doch nur die Fortsetzung der Fernsehwelt mit anderen Mitteln", sagt Goldmann-Chef Georg Reuchlein. Er dachte nicht immer so schlicht: Nach dem Studium kam für Reuchlein eigentlich nur der Suhrkamp Verlag in Frage. Alle anderen waren ihm "zu seicht". Und Bertelsmann war völlig ausgeschlossen: "Das war Konsalik." Nun ist er da, wo er nicht hinwollte, und wenn Konsalik das Souterrain des literarischen Niveaus war, zeigt Bertelsmann in diesem Herbst, wie viel tiefer es noch gehen kann.
Nachdem Bohlens Erstling sich über 500 000-mal verkaufte und dem Heyne Verlag im vergangenen Jahr den Jahresgewinn rettete, konnte Eck dem Trash nicht mehr widerstehen: Bohlens zweiter Teil war ihm geschätzte 500 000 bis 600 000 Euro Voraushonorar wert - und hielt wochenlang das halbe Haus auf Trab. Im Fall von Daniel Küblböck, 18 - neben Bohlen der andere neue Spitzenautor des Münchner Verlags ("Ich lebe meine Träume") -, war es nicht viel anders: Auf der Suche nach Synergien habe man "sogar ernsthaft eine Zusammenarbeit mit Müller-Milch erwogen", so ein Mitarbeiter der Pressestelle.
Damit sich die ganze Investition lohnt, muss ein Medienwirbel erzeugt werden, der schon Monate vorher kalkuliert wird. "Die wichtigsten Komponenten der Vermarktung sind der Springer-Konzern und ein Auftritt bei 'Wetten, dass ...?'", sagt Robert Lübenoff, ehemaliger Sportjournalist und Ghostwriter von Boris Becker. Dessen Biografie soll im November erscheinen und eine tiefsinnige Anspielung im Titel führen: "Augenblick, verweile doch".
Becker selbst wählte den Titel. Schon vor 15 Jahren kokettierte er damit, Literatur über Goethe zu lesen, "nur das glaubt mir natürlich keiner", so Becker damals. Nun scheint der Tennisheld beweisen zu wollen, dass der Begriff Becker-Faust mehr bedeutet als plumpe Tennis-Emotion - eine literarische Verwandtschaft womöglich?
Mit dem Geständnis-Boom sind die Ghostwriter wieder ins Geschäft gekommen. Doch anders als früher müssen sie heute im Akkord arbeiten, denn oft sehen Sternchen wie Küblböck schon alt aus, bevor ihre Zukunft richtig begonnen hat.
Während sich etwa "Bild"-Autor Franz Josef Wagner für seine frühe Becker-Biografie "Boris" noch "Monate zum Zuhören" nahm, um sich schließlich "in das Ich des Stars zu verwandeln", waren Stefan Effenberg und sein Schreibschatten, der RTL-Reporter Jan Mendelin, deutlich schneller durch - inklusive eines ausgeklügelten Mediaplans: Claudia Strunz und Stefan Effenberg ließen Erotikfotos von sich machen, mit denen "Bild" bundesweit an Bushaltestellen werben durfte. Bei jedem Shooting war ein freies TV-Team dabei, das mit den Aufnahmen später erfolgreich bei den Fernsehsendern hausieren ging.
Die Vorabdrucke von Effenbergs Maul- und Frauenseuche sicherte sich "Bild" - und ließ den Schamexperten Wagner gleichzeitig darüber richten: Zeigte sich der 20-Zeilen-Poet nach dem ersten Vorabdruck noch "gespannt, wie es weitergeht", so wurde Wagner bei Teil zwei der Lektüre schlecht: Fußballer müssten "moralische Verbindlichkeit" symbolisieren, stellte er sich ganz kindlich. Was Effenberg geliefert habe, sei dagegen "desaströs", so Wagner. "Das ist Proll hoch vier."
Gleichzeitig schäumte "Bild" den biederen Alltag des Kickers dagegen zu "Enthüllungen" auf, die aber nur mühsam das Einerlei zwischen Stadion, Familie, Tattoo-Studio und Discothek verhüllen.
Die neuen Werke geben vor, Biografien zu sein, doch es sind Denunziationen auf Kosten Dritter - Nadja Abd El Farrags etwa ("platt wie eine Flunder") oder eines Betrunkenen, der morgens vor der Garage Effenbergs in seinem Urin lag. Der Erzähler beschreibt ausführlich, wie "widerwärtig" der Mann war. Er muss so ähnlich gewirkt haben wie Effenberg selbst, als er seine Frau Martina im Suff kennen lernte und in der ersten Nacht "kotzen" musste.
Von Auswurf dieser Art kann der Boulevard im Moment nicht genug bekommen. Wenn schon die Auflage nicht mehr von selbst steigt, kann sich "Bild" zumindest mit Cross-Marketing über die Runden retten: mit Rabattmarken für den Dom oder Werbung für irgendwelche "Exklusiventhüllungen". Dabei hat das Blatt seine Geschöpfe so im Griff, dass sie niemals zugleich, sondern schön der Reihe nach vorabdruckfertig werden: Abd El Farrag im Sommerloch, danach Küblböck - dem eine einstige "Bild"-Reporterin die Hand führte -, Bohlen und Becker.
Effenberg habe dem Boulevardblatt "etwa zehn Prozent mehr Auflage gebracht", glaubt Bernd Lunkewitz, Chef des Berliner Aufbau-Verlags. Seinem Haus werden die knapp 200 000 verkauften Memoiren dieses Jahr den Gewinn sichern. Der Verleger hatte zugegriffen, nachdem Bertelsmann und Rowohlt das Risiko zu groß gewesen war. Lunkewitz stellte das Werk bei der Traditionstochter Rütten & Loening in eine Reihe mit Werken von Marx, Engels und Heinrich Hoffmanns "Struwwelpeter".
Lunkewitz sitzt vor einer Lenin-Büste in seinem Büro am Hackeschen Markt. Um ihn herum in den deckenhohen Regalen steht das Inventar deutscher Literatur, Aufbau-Autoren wie Brecht, Seghers, Strittmatter - und Effenberg. Effenberg sei auch eine Art Struwwelpeter, "ein ungezogener Junge", sagt der schwarz gekleidete Verleger und versucht, das Buch zu einer sozialen Parabel zu überhöhen: "Der war ein Proletarierkind, bekam keine Chance und hat es gegen alle Widerstände geschafft." In dem Buch ginge es doch um die Frage: "Wie durchlässig ist unsere Gesellschaft?"
Seine eigene Biografie hat Lunkewitz ähnlich verklärt wie die Effenbergs. In den siebziger Jahren inszenierte er sich als Kommunist und Hausbesetzer, bevor er die erste Gelegenheit zum Überlaufen ergriff und im Immobilienhandel Millionen verdiente. Die Feinde von früher sind längst seine Partner geworden: der Kapitalismus etwa oder die "Bild"-Zeitung, die "politisch erstaunlich offen geworden ist". In der Branche hieß es sogar, Lunkewitz habe den früheren Intimfeind für den Vorabdruck bezahlen müssen.
"Nein, wir haben eine niedrige fünfstellige Summe bekommen", sagt Lunkewitz. Aber anders könne er ein solches Buch heute eben kaum "zum Event" machen.
Im Gegensatz zu Lunkewitz ist der Münchner Verleger Michael Fleissner schon frühzeitig auf die "Bild"-Chefredaktion zugegangen. Die von Fleissners Vater gegründete Verlagsgruppe Langen Müller Herbig, bekannt als Heimat von Rechtsausleger Ernst Nolte und Franz Schönhuber, wollte Nadja Abd El Farrag die Beichte abnehmen und sich entsprechende Unterstützung sichern. Was die Zeitung für den Vorabdruck im September bekommen habe? "Normalerweise ist die Frage wohl andersrum", sagt Fleissner. Allerdings habe sich die Verhandlungsposition neu definiert, gibt er zu, er müsse "packages" vereinbaren, wo verschiedene Leistungen "verrechnet" würden. Fleissners Paket sah so aus, dass er "Bild" als PR-Erhitzer nutzen durfte und sonst gar nichts bekam. Erst recht keine aufwendige Werbekampagne wie Effenberg. Bei einer Autorin, die ihre Prominenz allein daraus bezieht, früher im Windschatten Dieter Bohlens gelebt zu haben, und der Fleissner nicht einmal einen Ghostwriter zur Seite stellte, war das Risiko offenbar nicht kalkulierbar. Fleissner preist Abd El Farrags Werk als "Frauen-Buch" an.
"Zwölf Jahre hinter den Türen von Tötensen", lacht er. Es hört sich an, als sei da jemand eingesperrt worden - und so liest es sich auch: "Irgendwann war ich so müde und kraftlos, dass ich mich fügte", schreibt die 38-Jährige über den ersten Sex mit dem Schlagersänger - um kurz darauf begeistert anzufügen: "Meine erste Nacht mit Dieter war wunderschön."
Bei der Begeisterung über die neue Literaturgattung werde ihm "immer ganz anders", sagt Buchmessen-Chef Volker Neumann, dem noch das Gekreische von Bohlen-Fans bei der letzten Messe im Ohr schrillt. Selbst wenn der Buchhandel im vergangenen Jahr ein Umsatzminus von zwei Prozent einstecken musste und Lesen bei den liebsten Freizeitbeschäftigungen nur auf Rang acht rangiert - knapp geschlagen vom Grillen -, findet es Neumann "abstrus, von solchen Büchern das Heil zu erwarten".
Während Neumann dem Trend zum Trash keine Chance gibt, versuchen andere, noch schnell aufzuspringen: Gerade vermakelte eine Literaturagentin eine Biografie von Thomas Gottschalk an DVA. Autor: der Schriftsteller Gert Heidenreich, ehedem immerhin Präsident des westdeutschen PEN-Zentrums.
Doch selbst Neumann, einst langjähriger Marketingchef von Bertelsmann, meint, der Trash habe zumindest ein "neues Interesse am Buch" bewirkt.
Auch Klaus Ring, Geschäftsführer der "Stiftung Lesen", will das neue Affektlesen nicht verurteilen. Die Promi-Literatur werde zwar konsumiert wie "Zappen auf Papier", letztendlich spiegele dies aber nur besonders drastisch die allgemeine Entwicklung: "Die Fähigkeit zum konzentrierten Lesen nimmt immer mehr ab."
Georg Reuchlein sitzt im klimatisierten Besprechungsraum des Branchenriesen Random House. Er fährt sich durch die schwarzen Locken. "Man muss sich durch diese Bücher nicht verbiegen lassen", sagt er. Reuchlein hält immer noch den Wackel-Dieter in der Hand. "Das Gute an Bohlen ist doch, dass man ihn mit Ironie durchspielen kann."
Bei diesen Worten bricht der Wackel-Dieter durch. In Lendenhöhe. Genau da, wo bei Dieter Bohlen mitunter tatsächlich etwas zu Bruch geht. Nachzulesen bei Nadja Abd El Farrag in der Passage: "Er wollte zum Endstoß kommen."
NILS KLAWITTER