Sachbücher: Handgranaten im Gepäck - DER SPIEGEL
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Sachbücher Handgranaten im Gepäck

Joseph Croitoru beschreibt detailreich und spannend die Geschichte der Selbstmordattentate und deren ideologische Hintergründe.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war eine schwülwarme Frühlingsnacht, als die Boeing 707 aus Paris auf dem israelischen Flughafen Lod (heute: Ben Gurion) landete. Die Menschen drängelten vor der Passkontrolle, redeten, lachten und winkten wartenden Angehörigen zu. Man schrieb den 30. Mai 1972, und zunächst deutete nichts darauf hin, dass dieser Tag den Nahen Osten verändern sollte.

Die drei Männer, die dann plötzlich wild um sich schossen und Handgranaten in die Menge warfen, hatten ihre Waffen im Gepäck eingeschmuggelt. Sie töteten 24 Reisende, darunter 11 katholische Pilger aus Puerto Rico, und verletzten 80. Schließlich wurde einer der Terroristen erschossen, ein anderer sprengte sich selbst in die Luft. Lediglich der Dritte ließ sich festnehmen.

Zum ersten Mal in der Geschichte Israels hatten Terroristen ihr eigenes Leben geopfert, um möglichst viele Zivilisten zu ermorden - eine Methode, die bis heute die blutige Szenerie des Nahen Ostens bestimmt.

Joseph Croitoru, 1960 in Haifa geboren und Autor der "FAZ", beginnt sein Buch über die Historie des Selbstmordattentats mit den japanischen Kamikaze-Soldaten. Deren Aktionen fanden, wie Croitoru belegt, Anhänger nicht nur in Nazi-Deutschland, Korea und Sri Lanka. Sie dienten vor allem auch arabischen Gruppierungen im Nahen Osten als Vorbild - lange vor dem 11. September 2001.

So bekannte sich im Mai 1972 neben der palästinensischen Guerillaorganisation Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) auch die Japanische Rote Armee zu dem Anschlag in Israel. Die drei Terroristen, die das Blutbad anrichteten, waren Japaner - ein Umstand, der damals vor allem von Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi höhnisch kommentiert wurde. Die Palästinenser, schmähte der Libyer, seien wohl für eine derartig "tollkühne Operation" zu feige.

Croitoru beschreibt, wie daraufhin unter den palästinensischen Widerstandsorganisationen ein makabrer Wettlauf um die grausamste und medienwirksamste Selbstopferung im Kampf gegen Israel einsetzte. Mal verschanzten sich arabische Terroristen in einem Haus in der nordisraelischen Stadt Kirjat Schmona und erschossen jeden Bewohner, den sie finden konnten, bevor sie selbst starben. Dann wieder überfielen palästinensische Aktivisten einen Kibbuz, töteten mehrere Frauen und sprengten sich schließlich selbst in die Luft.

Auf Pressekonferenzen verteilten Vertreter der beteiligten Organisationen anschließend Fotos der Täter und spielten den Journalisten deren auf Tonband aufgezeichnete Vermächtnisse vor - eine propagandistische Aufbereitung, wie sie ganz ähnlich im Zweiten Weltkrieg auch in Japan für Kamikaze-Flieger üblich war und wie sie bis heute von islamistischen Gruppierungen wie Hamas oder Islamischer Dschihad praktiziert wird.

Auch sonst zeigt die Rückschau, dass sich Organisationen wie die PFLP oder Jassir Arafats Fatah zwar als säkulare Gruppierungen verstanden, dass sie aber dennoch schon in den siebziger Jahren religiös aufgeladene Begriffe wie Schahid (Märtyrer) und Istischhad (Märtyrertod) verwendeten.

Höchste religiöse Weihen erhielten die Selbstmordattentate jedoch erst nach der Machtübernahme der Mullahs in Teheran - vor allem im Iran-Irak-Krieg, in den Ajatollah Chomeini auch Kinder schickte. Ein 13-jähriger Junge etwa, der als Selbstmordattentäter einen irakischen Panzer unschädlich gemacht haben soll, wurde von Chomeini zum Vorbild für die iranische Jugend erklärt.

Vor allem aber wandten sich die Selbstmordattentate - unterstützt von Iran - in den achtziger Jahren gegen die israelische Besetzung des Südlibanon. In den Vermächtnissen der Täter wurden nun auch Koran-Verse zitiert. "Halte diejenigen, die auf dem Weg Gottes getötet wurden, nicht für tot. Sie sind vielmehr lebendig bei ihrem Herrn, und sie werden versorgt", hieß es etwa 1984 in der Erklärung eines 17-Jährigen, der sich im Libanon neben einem israelischen Militärkonvoi in die Luft gesprengt hatte. Dasselbe Zitat tauchte 17 Jahre später auch im Bekenntnis eines der Attentäter vom 11. September auf.

Inzwischen ist das Selbstmordattentat vor allem in Israel zum brutalen Alltag geworden. Dabei veranlassen nicht nur religiöse Verheißungen eine ständig wachsende Zahl von jugendlichen Palästinensern, sich in Bussen, Restaurants oder Supermärkten in die Luft zu sprengen. Croitoru beschreibt, wie massiv in arabischen Medien, im Internet und in Schulbüchern für den Märtyrerkult geworben wird und wie schon die Kleinsten im Kinderspiel begeistert Selbstsprengungen simulieren.

Hinzu, so Croitoru, komme für die unter israelischer Besatzung lebenden Menschen noch ein Alltag, der viele traumatisiere und der auch dazu beitrage, dass den Terrorgruppen die Bewerber nicht ausgingen. Nicht selten, schreibt der Autor, handele es sich bei den Tätern um junge Palästinenser, die zuvor Familienangehörige durch israelische Gewalt verloren hätten.

KAREN ANDRESEN


Joseph Croitoru: "Der Märtyrer als Waffe -Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats"
Carl Hanser Verlag, München; 304 Seiten; 19,90 Euro