Belletristik Virtuoses Spiel mit Geschichten
Der Roman heißt "Prag", aber er spielt in Budapest - und das so ausschließlich und topografisch genau markiert, dass man fast alle Schritte der Handlung auf einem Stadtplan verfolgen könnte. Ganz am Ende des Romans, nach über 500 Seiten, macht sich allerdings eine der Hauptfiguren auf, um nach Prag zu fahren, denn "da geht im Moment das wahre Leben ab, nicht hier". Der Titel-Trick zeigt, dass der Roman eigentlich weder in Prag noch in Budapest, sondern an jenen Illusionsorten spielt, die offen für die Fülle der Möglichkeiten und noch nicht von der Wirklichkeit planiert sind.
"Prag" ist der erste Roman des amerikanischen Autors Arthur Phillips und wurde in den USA schnell zum Bestseller. Er handelt von einer Hand voll junger Amerikaner, die kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Budapest kommen, um dort - ja, was zu suchen? Die Motive sind vielfältig. Charles will das große Geld machen; Mark hat eine Doktorarbeit über Nostalgie geschrieben und träumt vom Glück der Vergangenheit; Scott ist vor seiner Familie geflohen; und sein Bruder John sucht einfach nur die Intensität des Lebens. Sie alle haben dafür Budapest gewählt als einen Ort, der - wie andere osteuropäische Hauptstädte auch - in jenen Jahren zwischen den Zeiten zu liegen scheint, in denen das Alte gerade abgeschüttelt wurde und das Neue sich noch nicht etabliert hat.
Sie folgen dabei einem alten amerikanischen Traum von Europa: dass im Gegensatz zu der alltäglichen Ereignislosigkeit in der Neuen Welt das Leben der Menschen auf dem Alten Kontinent gesättigt ist vom Schicksal in historischem Format, von Revolutionen und Katastrophen. Um sie beneidet der Journalist John seine ungarischen Freunde, weil man in ihnen erfahren hätte, "wer man war, was in einem steckte". Er ist deshalb fasziniert von den Geschichten, die die alte Jazzpianistin Nádja aus ihrem Leben zu erzählen weiß. Geschichten, die umso unwahrscheinlicher werden, je mehr sich ihr Zuhörer für sie begeistert, weil er das echte Leben aus ihnen zu vernehmen meint. Und auch der Inhaber eines großen ungarischen Verlags ("Das Gedächtnis des Volkes") versucht, amerikanische Investoren mit Geschichten von Prinzipientreue und Traditionsstolz zu beeindrucken.
Das ist ein Spiel der wechselseitig sich verstärkenden Illusionen: Die Amerikaner des Romans möchten von ihren selbstverliebten Nostalgieträumen nicht lassen, die europäischen Geschichtenerfinder wiederum möbeln kunstvoll ihr angestaubtes Selbstbewusstsein wieder auf, weil sie plötzlich Interessenten dafür finden.
Arthur Phillip ist mit seinem Roman nicht nur ein detailreiches Porträt der amerikanischen Boheme gelungen, die (wie der Autor selber) vor einem Jahrzehnt in die osteuropäischen Hauptstädte strömte und dort die Lost Generation der zwanziger Jahre in Paris zu kopieren versuchte. Er hat vor allem das Panorama eines kollektiven Bewusstseins gezeichnet, dessen Möglichkeitssinn in der kurzen undefinierten Periode des unmittelbaren Nachkommunismus explodierte, um dann schnell in Illusionen zu zerfallen.
Phillips erzählt das alles mit der gelassenen Ironie eines Melancholikers, der das Phantastische jener Zeit durchschaut und ihr zugleich nachtrauert. Dabei erweist er sich als Meister des Fabulierens. Die Figuren, die Häuser, die Lokale: Sie alle haben ihre eigenen Geschichten, die sich in ihrer Begrenztheit oder ihrem Subjektivismus unentwegt gegenseitig relativieren; der Autor fügt sie, mit den Zeiten wie den Stilen jonglierend, nur zusammen. Es gibt gar keine Geschichte, scheint er sagen zu wollen, es gibt nur ungeheuer viele Geschichten, die sich allenfalls an manchen Stellen überschneiden.
Am Anfang des Romans wird von einem Spiel erzählt, das die Hauptfiguren miteinander spielen; der gewinnt, der am besten lügen kann. Dabei erfährt man nie, "ob ein Spieler zum Schluss wirklich die Wahrheit sagt, ja nicht einmal, dass er sie kennt". Das ist nicht nur ein Hinweis auf die Schwierigkeiten des Spiels, sondern zugleich Arthur Phillips' Credo als Erzähler: Er sammelt Figuren, die sich ihre eigene Lebensgeschichte erfinden wollen, mit all dem Durcheinander von Wahrheit und Lüge, das nicht einmal sie selbst durchschauen - und erst recht nicht der Autor.
EBERHARD HÜBNER
Arthur Philipps: "Prag"
Aus dem amerikanischen Englisch von Sigrid Ruschmeier. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main; 532 Seiten; 26 Euro