Belletristik: Die Spinne am Faden - DER SPIEGEL
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Belletristik Die Spinne am Faden

Der gebürtige Bosnier Aleksandar Hemon erweist sich auch in seinem zweiten auf Englisch geschriebenen Buch als virtuoser Erzähler.
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Geniestreiche haben den Schönheitsfehler - für den, dem sie gelungen sind -, dass sie unwiederholbar bleiben. Danach kommen die Mühen der Kleinarbeit. Der Überflieger, der sich vor drei Jahren in Beifall sonnen durfte, hieß Aleksandar Hemon, Jahrgang 1964: ein dilettierender Popmusiker, Journalist und Literat aus Sarajevo, der Anfang 1992 eine Einladung zu einer Informationsreise durch die USA ergattert hatte, ein paar Wochen im Land herumgereicht wurde und sich dann abrupt sich selbst überlassen fand, weil zu Hause Krieg ausgebrochen war - als unerwünschter Asylant zurückgeworfen auf sein holpriges Schulenglisch, Almosen und illegale Gelegenheitsjobs.

Acht Jahre später hatte dieser Nobody im Nowhere Land sich zu einem Schriftsteller gemausert, dessen Erzählungsband "Die Sache mit Bruno" in auffallend virtuosem Englisch dem Krieg in der Heimat und dem eigenen Exilmalheur schmerzend scharfe, grimmige und auch unverschämt witzige Episoden abgewann, wobei das Kernstück mit dem Titel "Der blinde Jozef Pronek & die Toten Seelen" offenbar autobiografisch die Bauchlandung des (natürlich keineswegs blinden) Gernegroß aus Bosnien im unwirtlichen Chicago satirisch auskostete. Die literarischen Vorbilder Danilo Kis, Bruno Schulz und vor allem Vladimir Nabokov waren unverkennbar, doch auch die Eigenart und das vitale Erzähltemperament des Debütanten auf der amerikanischen Szene.

Nun also, drei Jahre nach dem Überraschungserfolg, der schwierige zweite Streich, der Roman "Nowhere Man". Das Überraschende und überraschend Gelungene ist: Mit aller Ehrlichkeit und aller Chuzpe beginnt Hemon noch mal von vorn, noch mal bei dem Polizistensohn Jozef Pronek in Sarajevo, der mit seiner Band auf Gymnasiastenfeten mehr schlecht als recht die geliebten Beatles-Nummern nachplärrt, besonders gern "Nowhere Man", bei Titos Tod pflichtschuldig trauert, bei John Lennons Tod aber aus tiefster Seele, auch eigene Songs zu schreiben beginnt, eines Tages aber die Gitarre sinken lässt: "Seine Talentlosigkeit dehnte sich vor ihm aus wie die Sahara vor einem müden Reisenden auf stinkendem Kamel."

So beschwört Hemon noch einmal leichtherzig und leichthändig das glückliche Sarajevo von damals herauf. "Ich erinnere mich an Linden, die blühten, als wäre es das letzte Mal, und die einen Duft verströmten, den ich heute noch riechen kann. Die jungen Männer waren attraktiv, die Mädchen hübsch, die Sportmannschaften erfolgreich, die Bands gut, die Straßen fühlten sich weich wie Perserteppiche an, und die Winterolympiade sorgte dafür, dass wir alle glaubten, im Mittelpunkt der Welt zu leben." So viel Idylle, auch reichlich mit pubertärem Herzschmerz beseelt, erweist sich natürlich als Präludium zur Katastrophe.

Der Chronist, der Jozef Proneks Lebensspuren nachgeht (von Kapitel zu Kapitel aber auch anderen Erzählern das Wort erteilt), ist mit einer Lust am anschaulichen Detail und der bildhaften Verdeutlichung bei der Sache, als müsste er sich der Realität Satz um Satz vergewissern. So bringt er die "Mikroereignisse" zum Leuchten, in denen sich, wie er meint, "die wahre Substanz des Lebens" verbirgt, also die "Unmomente, die zu belanglos sind, um festgehalten zu werden" - und er illustriert diese Idee am geradezu geschichtsphilosophischen Beispiel einer "Spinne, die an unsichtbarem Faden herabgleitet und gerade noch rechtzeitig auf dem Boden landet, um zertreten zu werden".

Der Horror des Krieges, der in ein paar Episoden in "Die Sache mit Bruno" so beklemmend gegenwärtig war wie ein unterirdisches Beben, ist auch nun, ein paar Jahre später, in "Nowhere Man" nicht verebbt; manchmal springt - aus ein paar knappen Zeilen zum Beispiel, die den Marktplatz von Sarajevo unmittelbar nach dem Granatenangriff von 1995 beschreiben - das Entsetzen so jäh hervor, als wäre man ihm noch nie begegnet. Und doch brilliert das neue Buch auch mit Episoden von so purzelbaumschlagender Heiterkeit, dass man sich vorstellen möchte, Hemon und sein Alter Ego Pronek seien schreibend den Dämonen ihrer Geschichte für immer entkommen.

Proneks letztes Abenteuer in der Alten Welt ist, Anfang August 1991 in Kiew, die Begegnung mit dem US-Präsidenten George Bush sen., der an der Babi-Jar-Gedenkstätte Freiheitsmärchen erzählt, während im fernen Moskau gerade ein Staatsstreich misslingt. Proneks erste Abenteuer in der Neuen Welt zeigen ihn als Sprachschüler, Hilfsdetektiv und Spendensammler für Greenpeace, und dabei träumt er (oder ist das Aleksandar Hemon?) schon von einer neuen Flucht, einer neuen Ferne, von einer Reise immer weiter und weiter westwärts bis nach Shanghai.

Es stimmt wohl: Mit diesem Buch ist das Chaos aufgebraucht, der alte Stoff und die alte Identität. Hemon, der bosnische Schriftsteller, wird nun tatsächlich ein amerikanischer werden müssen. Dass ihm das bewusst ist, zeigt das burleske Finale des Buches: Es lässt die Jahrhundertfigur des "Nowhere Man", des ewigen Emigranten/Exilanten/Asylanten als operettenhaften Abenteurer, Weiberhelden, Multi-Geheimagenten und Entertainer namens Jewgenjew Pick noch einmal paradieren und verabschiedet sie dann in den Olymp der Kolportage. Zu den Künstlernamen dieses Pick, der mit Vorliebe in einer Bühnenfassung der "Toten Seelen" auftritt, gehört auch "Joseph Pronek", und einer der Berufskiller, die er bei Bedarf beschäftigt, heißt "Alex Hemmon". Der Schauplatz dieses karnevalesken Kehraus - wie könnte es anders sein? - ist Shanghai.

URS JENNY


Aleksandar Hemon: Nowhere Man
Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben. Albrecht Knaus Verlag, München; 256 Seiten; 19,90 Euro