Belletristik Abweisende Bilder vom Glück
Es ist eine suggestive Ästhetik des Hässlichen und der Trostlosigkeit, die den Leser in diesen Roman hineinzieht und so schnell nicht mehr loslässt. Eine Küste etwa wird beschrieben: "Die Strände sind aschig und voller Quallen. Schwärme winziger Stechfliegen hängen in der Luft, und die Einheimischen kommen aus ihren Häusern, hängen orangene Bettlaken auf Wäscheleinen und werfen Müll zwischen die Felsen." Die vorgelagerten Inseln werden von "stumpfem Sonnenlicht" beleuchtet, es weht ein "säuerlicher Wind", die Luft ist durchdrungen vom "stählernen Schrillen einer elektrischen Säge". Ein Mensch steht hinter einem Fenster, "das mit seinen halb heruntergelassenen Rollladen aussah wie das Auge eines Gelähmten".
Nicht einmal Musik kann die düsteren Verhältnisse mildern: "Eine dröhnende Melodie explodierte in den Raum hinein, stieß an die schaumstoffgepolsterten Wände und fiel uns auf die Köpfe."
Diese dicht gebauten erlösungsbedürftigen Szenerien, die vielfältigen und präzisen Bilder von Lebensfeindlichkeit und Destruktion - manchmal sind sie zu eindeutig, manchmal setzten sie zu sehr auf die fragwürdige Kraft der Adjektive - konstituieren den poetischen Raum in dem zweiten Roman der Freiburger Autorin Annette Pehnt (Jahrgang 1967). Für einen Auszug aus ihm erhielt sie im letzten Jahr beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb den Preis der Jury.
Die Inseln, auf denen der Roman hauptsächlich spielt, tragen keine Namen; sie sind nummeriert, und die entfernteste und zugänglichste von ihnen gibt dem Buch den Titel. Nach ihr sehnt sich die Ich-Erzählerin seit ihrer Kindheit. Das ist eine merkwürdige Sehnsucht. Es geht nämlich nicht darum, einer schlechten Wirklichkeit das Glück einer Trauminsel entgegenzustellen, sondern im Gegenteil: Die Erzählerin ist am Anfang in die obligaten Glücks- und Erfolgsvorstellungen der kleinen Stadt an der Küste, in der sie lebt, eingebunden, und sie sehnt sich gerade nach der Ödnis und Absonderung dieser Inseln. All die Ideale der normalen Lebenserfüllung nämlich empfindet sie als Zumutungen, die sie nur äußerlich, ohne innere Teilnahme über sich ergehen lässt. Ihre Eltern, um die Tochter besorgt, fordern von ihr eine Begeisterung: "Sie warten schon seit Jahren darauf, dass mein Herz für etwas schlug", aber "ich horchte in mich hinein und konnte mein Herz nicht hören".
Erst die Erzählungen von den düsteren Inseln können in ihr eine Leidenschaft wecken, aber es ist eine paradoxe Leidenschaft: ein Entflammen für Herzenskälte und Isolation. Die Reise zu den Inseln, zu der sie schließlich aufbricht, führt über vielfältige Beziehungen zu den misstrauischen Inselbewohnern in die äußersten Reduktionen menschlicher Nähe hinein. Endstation ist ein Einsiedler, der auf einer der Inseln haust, die als Mülldeponie benutzt wird. Je mehr die Faszination der Hauptfigur für die lebensfeindlichen Inseln zunimmt, desto unklarer wird das Ziel ihrer Reise: Es ist schließlich die Leere des Ziels selbst, die hier seine Anziehungskraft ausmacht. Ob die Insel 34 jemals erreicht wird, lässt der Roman offen.
Im Klappentext kann man lesen, dass es die Texte von Annette Pehnt auszeichne, "das Rätselhafte im Menschen" zu respektieren. Das wäre eigentlich ein für einen Roman trivialer Sachverhalt. Interessant wird diese Autorin aber erst deshalb, weil sie in diesem Buch zeigt, worin dieses Rätselhafte bestehen könnte: in der ganz unkalkulierbaren Neigung des Menschen dazu, sich in den geläufigen Vorstellungen des Glücks nicht wiederfinden zu wollen und ihnen die eigenen Bilder entgegenzusetzen, wie abweisend sie auch immer sein mögen.
EBERHARD HÜBNER
Annette Pehnt: Insel 34
Piper Verlag, München; 190 Seiten; 16,90 Euro