Russische Literatur: Brücke zwischen den Kulturen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Russische Literatur Brücke zwischen den Kulturen

Russland präsentiert, als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, seine Gegenwartsliteratur: Besonders erfolgreich sind derzeit Krimi-Autorinnen. Doch neben dem neuen Massenmarkt entwickelt sich eine intellektuell vielseitige und anspruchsvolle Literatur.
Von Rainer Traub
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine der größten Buchhandlungen Moskaus ist "Biblio-Globus" im Zentrum der Hauptstadt, nahe dem abweisenden Bau der Lubjanka mit seiner düsteren Aura des einstigen Foltergefängnisses. Bullige Wächter, mit denen offenkundig nicht zu spaßen ist, bewachen die mehrstöckige Bücherwelt und lassen die zahlreiche Kundschaft nicht aus den Augen. Diebe, die hier Erfolg haben wollen, müssen ihr Handwerk schon meisterlich beherrschen.

Wer sich noch an die Buchhandlungen der vor fast zwölf Jahren beerdigten Sowjetunion erinnert, kann den geistigen Wandel ermessen, den das Sortiment spiegelt. Wo einst die interessantesten Autoren stets vergriffen waren oder nur im Untergrund in illegalen Abschriften von Hand zu Hand gingen, da gibt es heute nichts, was es nicht gibt. Ladenhüter wie die Schriften kommunistischer Theoretiker, die einst in endlosen Reihen verstaubten, sind verschwunden. Stattdessen locken die internationalen und nationalen Bestseller - und zu den Letzteren zählen vor allem die Bücher jener Autoren, die als politisch anstößig gelten. Radikaler kann ein Umbruch kaum sein. Doch es gibt eine Irritation.

Wenn der Blick von den Buchrücken weg über den ganzen Raum schweift, bleibt er an einer vertrauten Erscheinung hängen, die deplatziert wirkt: Ehrerbietige Abbildungen des Präsidenten Wladimir Putin füllen eine ganze Wand im "Biblio-Globus". So viel Bilderdienst an einem Kreml-Herrscher war seit Stalin nicht mehr.

RUSSLANDS BUCHMARKT IN ZAHLEN

VERLAGE: 6128
BUCHHANDLUNGEN: ca. 7000
TITELPRODUKTION: 69 749
ÜBERSETZUNGEN: ca. 7000, aus 75 Sprachen
DURCHSCHNITTL. BUCHPREIS: 3,30 Dollar
GESAMTUMSATZ: über eine Milliarde Dollar
Quelle: Börsenblatt des Deutschen Buchhandels

Die Koexistenz von neuer geistiger Freiheit und neuem Personenkult ist einer der auffälligsten Widersprüche der gegenwärtigen russischen Kultur. Bis tief hinein in die russische Intelligenzija heften sich märchenhafte Erwartungen an die Person des russischen Präsidenten. Das zeigt ein Essay des Schriftstellers Wladimir Woinowitsch, dessen nüchterne politisch-kulturelle Bilanz postsowjetischer Entwicklungen am Ende die satirische Zuspitzung fast zwingend macht.

Der von Woinowitsch beschriebene Übergang von der kommunistischen Diktatur zu einem mafiosen Kapitalismus mit gelenkter Demokratie glich einer rasenden Achterbahnfahrt. Sie hat auch auf dem Buchmarkt viel Schwindel erzeugt - im doppelten Sinn des Wortes.

"Wenn Tolstoi und Dostojewski heute versuchen würden, ihre Bücher kommerziellen Verlegern anzubieten", vermutet die Moskauer Verlegerin Natascha Perowa, "würde es ihnen sehr schwer fallen, sie veröffentlicht zu bekommen." Literarischer Anspruch und literarische Qualität galten im Jahrzehnt nach dem Ende der Sowjetunion weithin als geschäftsschädigend. Von der Marktwirtschaft profitierte zunächst nur die kommerzielle Konfektionsliteratur.

Besonders erfolgreich in diesem neuen Massenmarkt sind Frauen als "die praktischeren Kreaturen", wie Perowa sagt. Reißenden Absatz fanden und finden seit den neunziger Jahren zum Beispiel die simplen Kriminalromane der Moskauer Autorinnen Alexandra Marinina und Polina Daschkowa. Sie geizen nicht mit Klischees und verkaufen sich auch international gut.

Diese Bestseller spielen oft im zwielichtigen Glamour-Milieu der "neuen Russen" und knüpfen zugleich an die leidigen Erfahrungen der Leser mit der Kriminalität im russischen Alltag an.

Ein unter dem Namen Boris Akunin schreibender Autor dagegen lässt seine historischen Krimis in der vermeintlich guten alten Zeit der Zaren spielen. Der Verfasser ist ein Moskauer Intellektueller mit psychologischem Gespür, der die Zeichen der Zeit erkannt hat; Natascha Perowa nennt ihn wegen seines marktwirtschaftlich kalkulierten Erfolgs eine "sehr symptomatische Figur" im gegenwärtigen Russland. Er bedient die verbreitete Sehnsucht nach einer Flucht aus der rauen Gegenwart so perfekt, dass seine Bücher Millionenauflagen erzielen. Das Erfolgs-Image hat ihnen den Weg in einen deutschen Verlag gebahnt.

Die zweite Möglichkeit, Aufsehen und Auflagen im In- und Ausland zu erzielen, ist der politische Skandal. Damit haben sich besonders zwei - verschiedenartige - Autoren profiliert.

Wladimir Sorokin, 48, wirbelte als jüngster und radikalster Avantgardist der Moskauer Szene schon im literarischen Untergrund der späten Breschnew-Ära. In Russland berühmt wurde er freilich erst über den Umweg nach Westeuropa, wo man etliche seiner Bücher zuerst veröffentlichte. Sein Talent und seine virtuose parodistische Beweglichkeit sind ebenso unbestreitbar wie seine Lust an pornografischer Provokation. Auch wenn ihn nicht viele Russen lesen, kennen ihn alle als Skandalnudel oder "russischen Marquis de Sade".

Die politisch-kulturelle Reaktion und der Provokateur profitieren dabei wechselseitig voneinander, wie ein theatralischer Akt vor dem Bolschoi-Theater und sein Resultat zeigten: Die notorischen jungen Saubermänner des Präsidenten-Jubelverbands "Zusammen gehen" schleuderten Sorokins Werke demonstrativ in eine Kloschüssel. Und Sorokins gewiefter Verleger nutzte das Spektakel und sein Medienecho zu noch größerer Publizität.

Der andere Skandalautor, Eduard Limonow, 60, saß gerade zwei Jahre im Gefängnis. Zu Sowjetzeiten gehörte er zu den Dissidenten, emigrierte nach Frankreich und lebte jahrelang in Paris. Nach dem Ende der Sowjetunion kehrte er zurück - und organisierte eine halbfaschistische Partei. Seine Zeitung "Limonka" "gibt sich linksradikal, betreibt aber faschistische Propaganda. Er war nicht als Schriftsteller inhaftiert, sondern weil man ihm Waffenhandel vorwirft", das betont die Verlegerin Irina Prochorowa, die in Moskau den führenden Literaturverlag "Nowoje literaturnoje obosrenije" ("Neue Literarische Rundschau") leitet und eine gleichnamige, vorzügliche Zeitschrift herausgibt.

In der russischen Öffentlichkeit werde oft kein Unterschied zwischen Politik und Literatur gemacht: "Man verzeiht Limonow seine Politik, weil er Schriftsteller ist. Das wird politisch wie ästhetisch üble Folgen haben." Die Verlegerin sieht darin einen gefährlichen Rückfall. Schließlich sei gerade die Vermischung von Ästhetik und Politik das größte Problem der Kunst des 20. Jahrhunderts gewesen. "Die Deutschen haben das unter dem Faschismus genauso erfahren müssen wie die Russen unter dem Kommunismus."

Prochorowa bedauert, dass die Verleger im Westen Skandalautoren zu viel und der "sehr dynamischen Entwicklung einer neuen Literatur" in Russland zu wenig Aufmerksamkeit schenkten. Doch sie ist optimistischer als ihre Kollegin Perowa: Vor etwa fünf Jahren habe - nachdem das Publikum den ersten Kulturschock des Übergangs in den Kapitalismus verdaut hatte - in Russland eine neue Nachfrage nach Qualitätsliteratur eingesetzt. Und am Angebot fehlt es nicht.

Zu den verheißungsvollen Entwicklungen der jüngsten Zeit rechnet sie beispielsweise den literarischen Auftritt einer Reihe renommierter Universitätslehrer, die nach dem Vorbild eines Umberto Eco mit ihrer Belletristik Aufsehen erregen. Einer von ihnen, Alexander Tschudakow, wurde für den russischen Booker-Preis nominiert und zum intellektuellen Bestseller. Zehntausend verkaufte Exemplare sind in der Tat erstaunlich für nichtkommerzielle Literatur - umso mehr angesichts einer verarmten "Intelligenzija", für die Bücher oft unerschwinglich geworden sind.

Wenn der westliche Buchmarkt erst mit Übersetzungen auf solche Entwicklungen reagiere, hofft Prochorowa, könne sich die Situation bald deutlich verbessern.

Freilich müssten die Verleger im Westen auch verstehen lernen, dass sich nach dem Ende der Perestroika die literarischen Grenzen in Russland verschoben hätten und dass die Literatur insgesamt mobiler geworden sei. "Es werden bei uns zum Beispiel jetzt viele Memoiren in erstklassiger Prosa geschrieben. Es handelt sich eindeutig um Literatur. Aber westliche Verleger, denen ich solche Bücher anbiete, argumentieren ganz konservativ und sagen: ,Schön und gut, aber das sind Sachbücher, keine Literatur.'" Während der Buchmesse in Frankfurt will die Verlegerin deshalb bei einem großen Forum über Kriterien der Literatur an einer russischdeutschen Verständnisbrücke bauen.

Eine bemerkenswerte Entwicklung der letzten Jahre ist das Aufblühen russischer Literatur in der Diaspora. In gewissem Sinn gehört zur Diaspora auch der riesige russische Raum jenseits der Zentren Moskau und Petersburg. Zum unverzichtbaren Verständigungsmittel mit ihm ist die elektronische Kommunikation geworden. Der Computer ermöglicht es sogar mittellosen Literaten im äußersten Sibirien, an der literarischen Diskussion und Entwicklung in den Metropolen teilzunehmen. "Das frühere Verteilungssystem von Büchern in die Regionen Russlands war mit der Zensur verbunden und ist mit der Sowjetunion zusammengebrochen", erklärt Prochorowa. "Jetzt verhindern oft schon die hohen Portokosten, dass neue Bücher in die Provinz gelangen. Wir stellen darum Auszüge von neuer Literatur ins Netz. Das Internet ist unsere Rettung."

Vor allem meint Diaspora-Literatur jene Autoren, die in Russland keine Zukunft für sich sehen und im Ausland eine neue Existenz suchen - aber weiter russisch schreiben. "Das Beispiel Nabokovs erweist sich als ansteckend", sagt Prochorowa. Mit einer durch die Erfahrung verschiedener Kulturen geschärften Wahrnehmung bereichern und beleben diese - international erst noch zu entdeckenden - Autoren die russische Literatur. Sie haben sich in Israel, in den USA oder auch in Deutschland niedergelassen. Manche von ihnen gehen in eine andere Sprache über wie der kuriose Wladimir Kaminer, dessen in Deutschland kultiges Debüt "Russendisko" Prochorowa in russischer Übersetzung publiziert hat.

Besonders frappierend ist das Schicksal eines Buches, dessen Autor Leonid Zypkin als Arzt praktizierte wie einst Anton Tschechow und Michail Bulgakow. Ein Jude wie er hatte es in der Sowjetunion schwer. Aber nachts zog er sich in seine eigene Welt zurück. Er schrieb leidenschaftlich und hinterließ bei seinem Tod 1982 den essayistischen Roman "Leto w Badene" ("Ein Sommer in Baden-Baden"). Er kreist um die Erinnerung an Dostojewski (wie auf andere Weise eine Reportage aus Petersburg, die ein Blitzlicht auf das traurige Schicksal der Dichter-Nachfahren wirft, Seite 26). Zypkins Sohn emigrierte aus Russland und veröffentlichte das Manuskript seines Vaters auf eigene Kosten in den USA in einer englischen Übersetzung. Zufällig fiel diese Übersetzung der berühmten Susan Sontag - diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels - in die Hände, die hingerissen war. Mit ihrem Vorwort kehrte das Werk in seine Muttersprache zurück. Und wurde als Entdeckung der russischen Literatur gefeiert.

Auf Deutsch liegt das Buch in diesem Herbst noch nicht vor. Wohl aber ein anderer Roman, der Jahrzehnte nach seiner Entstehung und Unterdrückung erstmals ungekürzt ans Licht kommt - und als Dokument der russischen literarischen Moderne Aufsehen erregt: Boris Schitkows gewaltiges Gesellschafts- und Geschichtspanorama "Wiktor Wawitsch".

Zu den russischen Qualitätsautorinnen, die sich gegen alle Schwierigkeiten auch in Deutschland ein Stammpublikum erobert haben, gehören Viktorija Tokarjewa und Ljudmila Ulitzkaja. Beide erzählen in meist realistischer Manier und aus weiblicher Perspektive vom Alltag, wobei die gelernte Drehbuchschreiberin Tokarjewa die kräftigeren und die studierte Biologin Ulitzkaja die subtileren Töne bevorzugt.

Während Tokarjewa das Kunststück fertig bringt, über den russischen Zeitenbruch hinweg seit Jahrzehnten ihre Leserschaft zu fesseln, hat sich Ulitzkaja erst in den neunziger Jahren einen Namen gemacht: Eine ihrer Erzählungen, die kein russischer Verlag haben wollte, gelangte durch Zufall nach Frankreich und wurde dort als literarische Sensation gefeiert. Es ist typisch für das damals in Russland herrschende Desinteresse an Literatur, dass Ulitzkaja erst danach auch in ihrer Heimat entdeckt und berühmt wurde.

Wer sich anhand der neuen russischen Literatur ein Bild von der sozialen und geistigen Gegenwart des Landes machen will, wird auch in Wladimir Makanins Roman "Underground oder Ein Held unserer Zeit" fündig. Bei diesem Autor fällt das Bewusstsein der literarischen Herkunft aus dem goldenen Zeitalter der russischen Literatur im 19. Jahrhundert besonders auf: In Anspielungen auf die unvergesslichen Helden von Puschkin, Gogol, Dostojewski und anderen sind die Klassiker immer präsent.

Die Verwurzelung in dieser großen Tradition gibt den heutigen russischen Schriftstellern bei allen äußeren Erschütterungen eine innere Heimat auch dann, wenn sie gar nicht mehr in Russland leben und schreiben. Wenn einer von ihnen, der neben dem Schreiben neuerdings auch malt, Wladimir Woinowitsch, sich selbst augenzwinkernd in trauter Trinkrunde mit Puschkin und Gogol darstellt, dann bringt er, stellvertretend für alle seine Kollegen, das Vertrauen in diese literarische Geborgenheit zum Ausdruck.

Die Zukunft der russischen Literatur, so scheint es, hat schon begonnen. Mit neuen Überraschungen ist zu rechnen.