Russland: Barbie aus der Blindenwerkstatt - DER SPIEGEL
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Russland Barbie aus der Blindenwerkstatt

Seit fast 40 Jahren gehört die realistische Erzählerin Viktorija Tokarjewa zu Russlands populärsten Autorinnen. Ihre neue Romanheldin Irina flieht vor antirussischem Hass aus Aserbaidschan nach Moskau.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Knapp 40 Kilometer südlich von Moskau verstecken sich in einem weitläufigen Waldgelände Grundstücke und Sommerhäuser unterschiedlicher Größe. Der Schlagbaum am Zufahrtsweg trägt noch die Aufschrift "Sowjetischer Schriftstellerverband". Doch die Domizile der einstigen literarischen Elite nehmen sich bescheiden aus neben einigen protzigen Neubauten: Schwerreiche Russen wie der größte Krawattenfabrikant des Landes haben begonnen, das abgeschiedene Idyll der Literaten aufzukaufen. Der Mann im Wächterhäuschen weist freundlich den Weg zur Datscha von Viktorija Tokarjewa, einem komfortablen, winterfesten Haus.

Die Hausherrin, Jahrgang 1937, ist seit Jahrzehnten eine der populärsten Erzählerinnen ihres Landes. Nach russischer Art lädt sie ohne Umschweife zu einer deftigen Mahlzeit ein; die Lust am guten Essen ist ihr anzusehen. Die Haushälterin serviert im großen Garten Fisch an einem Holztisch unter Birken. Die Stille ringsum wird nur von leisem Vogelgezwitscher umrahmt. Der Platz dient sonst als Schreibtisch. Kein Wunder, dass die Datscha inzwischen der Dauerwohnsitz der Schriftstellerin ist.

"Das alles", sagt sie und umschreibt ihr Reich mit ausgestrecktem Arm, "verdanke ich dem Verlag, in dem meine Werke auf Deutsch erscheinen." Daniel Keel, der Chef des Zürcher Diogenes Verlags und eine der feinsten Spürnasen im deutschsprachigen Literaturbetrieb, kaufte vor rund zehn Jahren die deutschen Rechte an Tokarjewas Gesamtwerk. Die Summe reichte aus, um das kleine Paradies zu schaffen, durch das sie mit Besitzerstolz führt.

Ihr literarischer Stern ging 1964 auf, sie war gerade 27. "Ein Tag ohne Lügen" hieß die Erzählung, mit der sie gewissermaßen über Nacht berühmt wurde. Der Held ist ein Lehrer, der beschließt, mit der sowjetischen Gewohnheit ideologischer Lügen zu brechen und einen ganzen Tag lang nur die Wahrheit zu sagen.

Tokarjewas eigentliches Thema aber sind seither die Beziehungen zwischen den Geschlechtern; eine vordergründig politische Autorin ist sie nicht. Psychologischen Scharfblick vereint sie mit einem handfesten Realismus voll umgangssprachlicher und sprichwörtlicher Wendungen, und als gelernte Drehbuchautorin hat sie ein feines Ohr für Dialoge. Mit Humor und Lakonie schreibt Tokarjewa über das alltägliche Liebesunglück, ihr großes Vorbild ist Anton Tschechow. Zu Sowjetzeiten galt sie den Mächtigen deshalb als politisch eher unverdächtig.

Die Umwälzungen der beiden letzten Jahrzehnte haben freilich den Alltag und die zwischenmenschlichen Beziehungen in ihrer Heimat in den Grundfesten erschüttert. Auch in ihrem neuen Buch "Eine Liebe fürs ganze Leben" erzählt Tokarjewa zwar die Geschichte einer Leidenschaft. Aber ebenso sehr geht es darin um das Unglück des heutigen Russland.

Die Heldin Irina entstammt einer einfachen russischen Familie im aserbaidschanischen Baku. Sie wächst vor dem Zerfall der Sowjetunion in einem relativ intakten Vielvölkerstaat auf, in dem Aserbaidschaner, Russen, Armenier, Tataren und andere Nationalitäten noch friedlich zusammenleben.

Irina wird Grundschullehrerin, denn dieser Beruf verheißt nicht nur ein ordentliches Auskommen - er kommt auch ihrem dominanten Wesen entgegen. Die Ehe mit einem Studienkollegen scheitert früh, die junge Mutter bleibt mit Sohn und Tochter allein zurück. Sie konzentriert alle Zärtlichkeit auf die Kinder, als sie den um etliche Jahre jüngeren Aserbaidschaner Kjamal kennen lernt. Der Omar-Sharif-Typ wird die Liebe ihres Lebens, doch an Heirat ist nicht zu denken: Kjamals muslimischer Familienclan verordnet dem ebenso schönen wie weichen Mann eine junge Landsmännin. Auf seine Russin aber will er nicht verzichten. Mit einem findigen Doppelleben gelingt es Kjamal einige Jahre lang, die Ehefrau und das gemeinsame, herzkranke Kind vor Irina zu verbergen.

Dann fliegt alles auf, "Betrug stach wie Ahle aus einem Sack". Gleichzeitig breitet sich im Gefolge der Perestroika und des beginnenden Zerfalls der Sowjetunion ein mörderischer Nationalismus aus, Aserbaidschaner gehen erst auf Armenier, dann auf Russen los. Alle "Ungläubigen" sollen die Heimat verlassen. Auch Irina wird überfallen und zusammengeschlagen. "Der Verrat der Stadt und der Verrat Kjamals" - beides zusammen ist zu viel für die Heldin. Sie folgt ihren inzwischen verheirateten Kindern nach Moskau.

Der Kommunismus ist derweil von einem mafiosen Kapitalismus abgelöst worden, Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Die ärmliche Zweizimmerwohnung des Sohnes Oleg, in die sich die Mutter umstandslos einquartiert, ist viel zu eng. Die Schwiegertochter hängt an der Wodka-Flasche. Ein Teil des Verkaufserlöses für Irinas Wohnung in Baku fällt dem berüchtigten Gauner Mawrodi zum Opfer, der mit seiner Bank zahllose Russen um alle Ersparnisse bringt. Der Rest verbrennt in Form eines Marktstandes, den Irina ihrem Oleg finanziert hat und der alsbald von Konkurrenten abgefackelt wird.

Irina lebt nur noch für die Enkelin, um die sich deren Mutter nicht kümmert. Sie verdingt sich erst als Haushälterin bei einer Bankiersgattin, die aussieht "wie eine Barbie-Puppe, die in einer Blindenwerkstätte hergestellt worden war". Wegen ein paar für die Enkelin abgezweigten Lebensmitteln wird sie gefeuert und hat das Glück, von einer wohlhabenden, liberalen Ärztin als Haushälterin angestellt zu werden. Doch schnell kommt es zu Spannungen, weil die dominante Irina tut, was sie will und gleich mit Enkelin einzieht. Als der immer noch geliebte Verräter Kjamal wieder auftaucht und Geld für eine lebensrettende Herzoperation bei seinem kranken Kind braucht, greift Irina in die Kasse ihrer Chefin. Das Ende der Geschichte bleibt offen.

In seinem literarischen Nährwert ist der Roman einem kräftigen russischen Schwarzbrot vergleichbar, dem, wie Sonnenblumenkerne, Witz und Ironie beigemischt sind. Statt sprachlicher und stilistischer Feinkost bietet Tokarjewa ein realistisches Bild der russischen Gegenwart. "Wir haben ständig das Gefühl", klagt sie dem Besucher, "dass die Erde unter unseren Füßen schwankt." Sie zitiert ihren großen Landsmann Ossip Mandelstam, Russlands Jahrhundertpoeten, der die gleiche Empfindung moralischer Bodenlosigkeit einst in einem Epigramm auf den Tyrannen Stalin zum Ausdruck brachte, das ihn das Leben kostete. "Man fühlt sich furchtbar in einem Land, in dem jeder, der das Geld dafür hat, sich Auftragsmörder kaufen kann." Ihre Heldin, berichtet die Autorin, folgt einem konkreten Vorbild: Irina war als Vorgängerin der jetzigen Haushälterin auf ihrer Datscha angestellt.

"In Aserbaidschan hatte sie eine Schule geleitet, sie war es gewohnt, zu bestimmen. Ich habe sie millimetergenau beschrieben. Sie hat sich aufgeführt, als wäre sie die Chefin und bekam doch ein sehr hohes Gehalt von mir. Sie hat meinen Enkel, der bei mir lebt, sehr geliebt. Aber ich liebe ihn auch. Ich habe sie praktisch gehasst, aber ich wäre unfähig gewesen, sie rauszuschmeißen, denn sie ist alt und krank, und ich fürchtete, sie würde dann keine andere Stelle mehr finden. Als mein Enkel eingeschult wurde, ging sie von sich aus, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Denn ich bin unfähig, einem schwächeren Menschen einen Schlag zu versetzen."

Aber die Romanheldin ist doch, bei aller Herrschsucht, vor allem eine liebende Frau, die für die Ihren alles opfert?

"Als Schriftstellerin darf ich nicht nur meine persönlichen Erfahrungen verarbeiten. Darum habe ich eine positive Heldin geschaffen. Meine Mutter war zur Selbstaufopferung fähig wie Irina, ich bin es auch." Mit Nachdruck fügt sie hinzu: "Es ist unmöglich, ohne Liebe zu leben."

Wegen solch elementarer und mit Mutterwitz angereicherter Wahrheiten wird Viktorija Tokarjewa nicht nur in ihrer Heimat von einem großen, überwiegend weiblichen Publikum geschätzt. Das neue, alte Russland, von dem sie erzählt, ist trotz allem nicht völlig trostlos: Es bietet immer noch Platz für Hoffnung und Humor - und sei es Galgenhumor.

RAINER TRAUB


Viktorija Tokarjewa: "Eine Liebe fürs ganze Leben" Aus dem Russischen von Angelika Schneider. Diogenes Verlag, Zürich; 160 Seiten; 15,90 Euro