Schüler-Probleme: Die Allwissende - DER SPIEGEL
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Schüler-Probleme Die Allwissende

Als Bilge Buz vor acht Jahren nach Deutschland kam, sprach sie kein Wort Deutsch. Jetzt hat die 17-Jährige in Berlin ihr Abitur gemacht ­ mit der Traumnote 1,2.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einmal wurde sie richtig nervös. Das war 1999, während einer Erdkundearbeit in der siebten Klasse. Vor ihr auf dem Pult lag ein Zettel mit Fragen nach Flüssen und Städten, die Bilge nicht gelernt hatte.

Fast jede andere Zwölfjährige hätte diese ebenso unangenehme wie normale Erfahrung spätestens in der nächsten großen Pause wieder vergessen. Nicht so Bilge Buz: "Das willst du nie wieder erleben", beschloss sie.

Ihren Vorsatz machte sie wahr. Obwohl sie erst dreieinhalb Jahre zuvor gemeinsam mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen war, musste sie nie wieder eine Prüfungsfrage auslassen. Zwei Jahre nach der verpatzten Erdkundeklausur übersprang Bilge die neunte Klasse der Eckener-Oberschule im bürgerlichen West-Berliner Stadtteil Mariendorf; ein weiteres Jahr später auch noch die elfte.

In diesem Juni, kurz vor ihrem 17. Geburtstag, meisterte die Überfliegerin im ersten Anlauf ihr Abitur - mit einer Traumnote von 1,2.

"Sie arbeitete sich immer beeindruckend schnell in den Schulstoff der höheren Klasse ein, und auf Fragen antwortete sie stets souverän, schnell und präzise", lobt Schulleiter Anselm Salinger, als ob er ein Empfehlungsschreiben diktierte: "Dabei war sie weder verbissen noch eine Streberin."

Für ein Land, dessen Migranten häufig nicht über die zehnte Klasse hinauskommen, ist das eine kleine Sensation. Wie hat die Ausländerin, die erst mit acht Jahren Deutsch lernte, das nur geschafft? "Ich habe die Gabe, mir Dinge schneller merken zu können als andere", sagt Bilge. Ihr Intelligenzquotient, hat ein türkischer Kinderarzt geschätzt, liege bei rund 170 Punkten.

Anders als viele ihrer Landsleute, die als einfache Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, hat Bilge zudem das Glück, aus einer intakten und gebildeten Familie zu stammen, für die Bücher mehr sind als Fliegenklatschen und Töchter einen höheren Stellenwert haben als Putzfrauen, deren Schönheit unter einem Kopftuch versteckt werden muss. Ihr Vater Faik Buz, 49, hat in Stuttgart studiert und arbeitet heute als Ingenieur bei einer türkischen Baufirma. Ihre Mutter Aysen, 40, ist gelernte Maschinenbauerin. Wie wichtig den Eltern die Ausbildung ihrer Tochter ist, zeigt sich bereits in dem Namen, den sie ihr gegeben haben: Bilge heißt übersetzt "die Allwissende".

Der Teenager wurde 1987 in der Millionenstadt Bursa geboren. Bilge war gerade erst zwei Monate alt, als sie "baba" (Papa") sagte. Mit acht Monaten versuchte sie sich an den ersten Kinderliedern und an ihrem ersten Geburtstag lief sie schon durch die Wohnung. Als die Kleine eingeschult werden sollte, konnte sie bereits so gut lesen, dass sie zum ersten Mal eine Klasse übersprang. Damals träumte sie davon, später einmal Miss World zu werden. Nachts schlief sie zum Erschrecken ihrer Mutter in den ersten Jahren immer nur ein paar Stunden. "Intelligente Kinder", habe der Kinderarzt ihr dann aber erklärt, "brauchen keinen Schlaf."

Dreieinhalb Jahre später, im Frühjahr 1996, zogen ihre Eltern nach Deutschland. Obwohl seine Tochter kein Wort Deutsch sprach, setzte Buz durch, dass sie nur eine Klasse zurückgestuft wurde. Bilge ging jetzt wieder in die dritte Klasse. Damit sie mithalten konnte, ließ sich der ehrgeizige Vater ein Rundum-Sprachlernprogramm einfallen.

Zu Hause sprach die Familie im ersten Jahr so viel Deutsch wie möglich; türkische Sendungen und Bücher waren tabu. "Und dann habe ich zu ihr gesagt, du kannst so viel fernsehen, wie du willst", erzählt Vater Buz mit verschmitztem Blick, "aber nur deutsche Filme." Dazu besorgte er noch Videos wie "Die Schlümpfe", "Arielle" und "Aschenputtel".

Schon nach einem halben Jahr zeigte der Crashkurs Wirkung. In Bilges erstes Zeugnis schrieb die Lehrerin: "Durch großen Fleiß ist es ihr gelungen, ihre Deutschkenntnisse sehr zu bessern." Am Ende der 4c stand schon kein Wort mehr über Sprachdefizite drin: "Sie erfreute mit sehr guten mündlichen Beiträgen."

Ihr "Erfolgsrezept" fasst Bilge heute in neun Wörter: "Für mich kam die Schule immer an erster Stelle." Sogar, wenn sie im Unterricht ein Fenster öffnen sollte, habe sie Angst gehabt, etwas zu verpassen.

Den üblichen Liebeskummer, der andere Teenager aus der Bahn wirft, erlebte die Musterschülerin nicht: Mit 13 hatte sie ihre erste feste Beziehung, und "Türenschlagen und solche Dinge gab es bei uns zu Hause auch nie".

Im Oktober will die 17-Jährige an der Berliner Humboldt-Universität ein Jura-Studium aufnehmen - und es natürlich so schnell wie möglich absolvieren. Denn sie will Diplomatin werden und vielleicht ja sogar Uno-Generalsekretärin. Schließlich brauche der Mensch Ziele.

Wenn Freunde sie wegen dieses hoch gesteckten Berufwunsches auslachen, denkt Bilge an ihr Vorbild Kemal Atatürk, dessen Porträt über ihrem Schreibtisch hängt: "Der hat auch geschafft, was ihm keiner zutraute. Man muss nur an sich glauben."