Arabische Welt: Der Tanz auf den Särgen - DER SPIEGEL
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Arabische Welt Der Tanz auf den Särgen

Beirut hat einen brutalen Bürgerkrieg erlitten, der 15 Jahre dauerte und über 150 000 Menschenleben kostete. Doch jetzt ist die Metropole der Levante zurück ­ mit Lebenslust, Discotkeken auf Massengräbern und Autoren, die das Grauen eindrucksvoll verarbeiten.
Von Erich Follath
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war die Zeit, als Menschen täglich zu Dutzenden abgeschlachtet wurden. Oft gezielt, weil sie sich zum Christentum oder zum Islam bekannten, zur Gemeinschaft der Maroniten, Drusen oder Palästinenser; manchmal aber auch beiläufig, nur so, weil sie sich auf der Suche nach etwas Essbarem aus ihren Wohnruinen herausgewagt hatten oder, gegen alle Vernunft, nach Freunden sahen. Es war die Zeit, als der Bürgerkrieg in Beirut wütete und alles niederbrannte, was sich ihm noch an Menschlichkeit oder Naturbarriere in den Weg zu stellen versuchte. Auf Balkonen wehten Fetzen weißer Friedensfahnen, von Granaten zerrissen; aus Hauslöchern quollen Lavaströme von Metall, durch Raketeneinschläge zerschmolzen; auf den einstigen Prachtalleen erstarrten verkohlte Bäume zu Leichenstümpfen.

Es war die Zeit, als im Libanon selbst die Zedern Trauer trugen.

In jenen apokalyptischen Tagen fielen auch westliche Journalisten über die Stadt her. 1976 war ein schlagzeilenträchtiges Beirut-Jahr, die Syrer griffen in den Bürgerkrieg ein. 1982 ebenfalls, da walzten israelische Panzer Teile der Stadt nieder, zwangen durch ihre brutale Besetzung wenige Monate später die gesamte PLO-Führung in die Flucht. Und 1986 bis 1989, da bliesen nach dem israelischen Abzug schiitische Milizen zum großen Rachefeldzug, jedes Massaker der einen Seite wurde mit einem noch blutigeren Massaker von der anderen beantwortet.

Die Weltpresse traf sich im Hotel Commodore im alten Stadtteil Hamra. Nicht, weil es besonders luxuriös gewesen wäre, sondern weil es wundersamerweise wenigstens noch einigermaßen funktionierte, Leitungen nach draußen offen halten konnte, wenn sonst schon überall alles zusammengebrochen war. Außerdem gab es eine gut bestückte Bar mit jeder Menge hübscher Mädchen. "Eine Insel des Verrückten in einem Meer des Wahnsinns" hat der Autor Thomas L. Friedman einmal das Commodore genannt.

Jeder Neuankömmling hatte an der Hotelbar seine Feuertaufe zu überstehen. War einer gerade vom ersten Frontbesuch zurück und bestellte sich noch kreidebleich einen Whisky, gab Barkeeper Yunis ein Zeichen - und das Pfeifen und Zischen einer herannahenden Granate erfüllte den Raum. Unwillkürlich duckten sich die Neuen. Alle anderen lachten, denn sie wussten, es war kein echter Angriff: Die Töne stammten von Ali, dem Papagei über der Theke, der das Kriegsgeräusch täuschend imitieren konnte.

Das Friedensabkommen von Taif 1989 hat dann das Ende des Bürgerkriegs eingeleitet, mit einem einmaligen Experiment - es schuf unter den Ausgebluteten einen religiösen Proporz: Im frei gewählten Parlament haben Christen und Muslime gleich viele Sitze, der Präsident muss stets ein Maronit, der Regierungschef immer ein Sunnit, der Abgeordnetensprecher Schiit sein. Ein brüchiger, von syrischen Truppen überwachter Frieden, auferlegt einer gebrochenen Stadt. Mehr als 150 000 Menschen hatten ihr Leben gelassen, über 200 000 wurden verletzt, jeder Dritte blieb heimatlos - diese Wunden schienen unheilbar. Die Stadt wirkte in den frühen neunziger Jahren wie gelähmt, und kaum einer aus dem Westen schaute mehr hin: Die Karawane der Reporter war längst zu den nächsten Katastrophen weitergezogen: Sarajevo, Kabul, Grosny.

Dann begann ein Neuaufbau mit Brachialgewalt. Manche beschuldigten die Baulöwen, allen voran den Milliardär und jetzigen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri, nicht an die Restaurierung der alten Plätze als "Seele der Stadt" gedacht zu haben, sondern nur an den Profit durch immer neue Shoppingmalls und Apartmenthäuser. "Dieser Ort wurde zweimal zerstört, einmal im Krieg und dann nochmals beim Wiederaufbau", wüteten sie. Doch das Beirut des Jahres 2004 hat offensichtlich den Blues abgelegt, Beirut boomt - und ist trendy. "Vogue" und "Time" handeln die Stadt als Geheimtipp für Touristen, die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" meint, das "gute Leben" sei hier wieder eingezogen: "Zeit, den Libanon und seine Hauptstadt neu zu entdecken."

Auch als geistiges Zentrum? Der Literaturwissenschaftler und Arabist Stefan Weidner sieht Beirut in seine Führungsrolle als Literaturmetropole des Nahen Ostens zurückgekehrt: "Nirgendwo im arabischen Raum finden Schriftsteller günstigere Publikationsbedingungen und größere Freiheiten. Sie können weitgehend schreiben, was sie wollen. Ihre bevorzugten Themen: Sex, Gewalt - und Vergangenheitsbewältigung."

Das Commodore ist nicht wiederzuerkennen, ein geschichts- und gesichtsloser Neubau hat das alte Gebäude mit den Einschussnarben ersetzt. Das Allerweltshotel gehört jetzt zur Meridien-Kette, hat vier Sterne und nur noch dem Namen nach eine "News-Bar". Statt Kriegsgeräusche gedämpfte Fahrstuhlmusik, Easy Listening. Vom alten Personal ist keiner mehr da, auch der Papagei mit dem Granatenrepertoire nicht. Die Rezeptionistinnen, die den Bürgerkrieg als Babys erlebt haben, wissen nichts von seiner Karriere.

Ist Ali rechtzeitig ausgeflogen, fraß er sein Gnadenbrot bei einem der nebenbei als PLO-Spitzel dienenden Kellner - oder hat ihn noch in den letzten Kampftagen eine Kugel erwischt?

Die ganze Stadt wirkt wie ausgewechselt - als müsste sie alltäglich, allnächtlich in einer wilden Fete das Leben zur süßen Neige auskosten; als dürfte sie es immer noch nicht glauben, dass wieder alles geht im früheren "Paris des Nahen Ostens"; als gäbe es kein höllenloses Morgen, sondern nur dieses ewige, fiebrige Fegefeuer. Glaspaläste wie das Mövenpick und das Phoenicia laden an der Corniche zum Drink, "War Milk" heißt einer, köstliche Kriegsmilch aus Kakaolikör. Das berühmte Casino im nahen Dschunija ist wiedereröffnet; ein Four-Seasons-Hotel entsteht in Tag- und Nachtschichten, soll all die anderen übertrumpfen.

Jeden Abend ist Showtime und Schönheitsparade in den sternförmig zum Uhrturm hinführenden Straßen. Wie auf einem Laufsteg paradieren die Beirut-Beautys, und die Welten prallen nicht feindlich, sondern spielerisch aufeinander.

In knallengen Jeans, hochhackigen Schuhen und superknappen Tops flirten junge Christinnen mit gebräunten Beachboys. Züchtiger, im lässig geschlungenen bunten Kopftuch, aber in sehr eng anliegenden Hosenanzügen mit Bustier, promenieren junge Sunniten- und Drusen-Fräuleins, kokett vor der Männerwelt die Augen niederschlagend. Und dazwischen "Ninjas" oder "Black Moving Objects", wie die total verhüllten Schiitinnen ironisch genannt werden. Die Beiruter Männer mustern diese Damen ganz in Schwarz mit dem gleichen unverhohlenen Interesse wie die freizügigen Angelina-Jolie-Verschnitte - sexy kann auch sein, was sich unerreichbar gibt.

Zwischen Straßencafés bieten Schönheitschirurgen ihre Dienste an: "Sie betreten unser Institut und verlassen es zehn Jahre jünger!" Eine offenherzige Möchtegern-Miss-Libanon namens Ghada blättert im Straßencafé in der neuesten "Marie Claire". Sie arbeitet als Discjockey in mehreren angesagten Untergrundclubs und sieht ihre Zukunft in den USA. Ihr gegenüber nimmt Nadschwa Platz, die stolz ihren Schleier trägt. Sie arbeitet als freie Mitarbeiterin für die Beiruter Hisbollah-Fernsehstation al-Manar (der Leuchtturm) - und hasst die USA.

Was wissen die jungen Damen Ghada und Nadschwa vom Bürgerkrieg in Beirut, haben sie ihre Eltern mit deren damaligem Leben, deren Rolle konfrontiert? Die Recherche macht die beiden so Unterschiedlichen gemeinsam verlegen. Sie haben das Thema aus ihrem Leben verbannt, auch die Eltern klammern es angeblich aus. Schließlich sagt Nadschwa: "Vergangenheitsbewältigung - das ist in Beirut ausschließlich Sache der Schriftsteller. Und wir haben einige überragende Autoren."

Nada Awar Jarrar, 46, ist nicht nur eine Schriftstellerin von beginnendem Weltruhm, sie ist auch eine Weltbürgerin. Die Beiruterin hat in London, Washington, Paris und Sydney gelebt und wechselt nach Belieben vom Arabischen ins Englische oder Französische. Ihre Eltern - die Mutter Australierin, der Vater ein libanesischer Druse - erzogen sie zur Toleranz gegenüber allen Religionen, allen Ethnien. Sie ist eine warmherzige, fröhliche Frau, der man sofort seine Katze zur Pflege überlassen würde oder seinen Papagei.

Nur wenn Nada Jarrar sich unbeobachtet fühlt, ist dieser melancholische Zug um ihren Mund zu erkennen; und wenn sie, in die Enge getrieben, energisch das Kinn nach vorn reckt, dann verliert ihr Gesicht das Weiche, die Augenfältchen lassen auf mehr schließen als nur auf Vergnügliches: auf ein hartes Leben.

Sie ist 17, als die Eltern mit ihr vor dem Bürgerkrieg nach Europa fliehen. Sie lässt ihre Freunde zurück, ein Haus in den Bergen, eine Stadt, die sie liebt: die Heimat. Sie studiert und wird Lehrerin. Ein erfülltes Leben, oder was man so nennt. Und doch ist die neue, westliche Identität nur übergestülpt. "Vertrauensvoll ging sie durch die Straßen, schob zahllose Kulturen in ihre Taschen und lernte in mehreren Sprachen lächeln", lässt die Autorin in ihrem preisgekrönten Erstlingswerk "Zu Hause, irgendwo" eine ihrer Heldinnen sagen. Die Romanfiguren Maysa, Aida und Salwa, die ihr Leben diesseits und jenseits von Beirut und einem thymianumwucherten Steinhaus in den Bergen über der Stadt schildern, sind ein Stück von ihr. Sie müssen mit der gleichen Zäsur in ihrem Leben fertig werden.

Der Bürgerkrieg findet in Jarrars leisem, lyrischem Roman aus dem Jahr 2003 keine Aufarbeitung im klassischen Sinn, er bleibt losgelöst von Schuldzuweisungen und politischen Hintergründen. Der Krieg steht nie im Vordergrund, ist aber immer da: ein nicht wegzuzauberndes Mega-Gewitter, dessen Blitze jeden Lebenslauf zerreißen und Beirut zu einer quälenden Heimsuchung machen. "Hier sind alle meine Wurzeln, und doch fühle ich mich manchmal noch wie entwurzelt", sagt Jarrar. Sie läuft auf der Suche nach ihrer Identität nächtelang durch die Straßen, schließt die Augen, um in der Hamra die Düfte in sich aufzusaugen, sie zu vergleichen mit den alten, imaginären. Um fremd-vertrauten Tönen zu lauschen.

Hat sie irgendetwas von dem Papagei aus dem Commodore gehört? Nein, sagt die Schriftstellerin, sie wisse nichts von Ali und seinem Granatensound. Sie habe es in den Kriegstagen nie bis zum Journalistenhotel geschafft

Sie gibt an der American University Kurse für kreatives Schreiben. Die Stunden sind stets überfüllt, obwohl draußen vor der Aula weite Rasenflächen und Bänke mit Meeresblick zum Faulenzen verlocken. Die Studenten wollen sich ihren Frust vom Leib schreiben, und selten geht es dabei um Politik oder Krieg. Die meisten ihrer Geschichten handeln von Fun und Sex, Geld und Karriere. "Es schmerzt, wie materialistisch und vergnügungssüchtig die meisten jungen Leute eingestellt sind", sagt Jarrar.

Auf dem Campus ist es ein offenes Geheimnis, dass sich einige der Studentinnen auf der Suche nach dem schnellen Dollar als Gelegenheitsprostituierte verdingen, hauptsächlich an der Bar des Hotels Phoenicia. Dort suchen schwerreiche Saudis und Kuweitis allabendlich Anschluss. Zwei Drittel aller Beirut-Besucher kommen vom Golf, Libanons Tourismusministerium erwartet dieses Jahr über 1,3 Millionen Gäste, Nachkriegsrekord.

Aber auch die "anständigen" Mädchen machen regelmäßig die Nacht zum Tag. Sie nehmen ihre Drinks am Märtyrer-Platz, schauen um Mitternacht in Clubs wie das "Taboo" oder das "Hyksos" - und zwischen zwei und halb drei Uhr morgens geht's ab zum "BO 18" in Beiruts berüchtigtem Stadtteil Karantina: Das ist eine Discothek, wie es sonst keine gibt auf der Welt. Ein unterirdischer Bunker auf einem großen, leeren Platz unweit der Matratzenfabrik Sleep Comfort, gleich einem riesigen Ufo in den Boden gerammt - an der Stelle eines der schlimmsten Massaker im Bürgerkrieg.

Stufen führen hinunter in einen abgedunkelten Raum. Auf jedem der nachgemachten Tabernakeltische aus Marmor steht das Porträt eines "Märtyrers", der hier in Karantina durch Scharfschützern oder Folterer ums Leben gekommen ist; daneben türmen sich Bier- und Whiskyflaschen. Sitzflächen sind stilisierte Holzsärge. Man kann sie an einem Mittelgriff öffnen und zu plüschigen Sitzbänken umfunktionieren. An den Emporen hängen schwere, purpurrote Samtvorhänge. Über der gruftartigen Tanzfläche wölbt sich ein rostiges Stahldach, das in den frühen Morgenstunden knarrend geöffnet wird und den Blick auf einen sternenklaren Himmel freigibt.

Discjockey Nagib legt zum Warmtanzen Morbides von Black Sabbath auf, später dann nur noch dröhnenden Techno. Ekstase und Ecstacy. Von drei Uhr morgens bis gegen fünf zucken Leiber im Gleichklang. Märtyrerbilder fallen. Särge werden zugeklappt und als erhobener Tanzboden genutzt. Junge Männer reißen sich die Hemden vom Leib, stampfen mit bloßem Oberkörper zu abgehackten Rhythmen. Halb nackte Mädchen wirbeln wie in Trance. In eine Pause hinein peitscht ein Knall - nein, nein, kein Grund zur Besorgnis: Die alten Zeiten kommen nicht wieder. Es ist nur ein mitgebrachter Luftballon, dessen Leben lautstark an einer brennenden Zigarette geendet hat. So war Beirut schon immer: ein Ort des Flüchtigen, des Übergangs, nach Vergnügungen süchtig, für Katastrophen anfällig. Eine Stadt, die Unvereinbares vereint: ein blaublütiger Bastard.

Beirut wurde in seiner Geschichte von Erdbeben zerstört, von Armeen geschändet, von Feuersbrünsten vernichtet. Seine Eroberer lesen sich wie ein Who's who der Weltgeschichte: Ägypter erwähnten die Stadt bereits im 14. Jahrhundert vor Christus auf ihren Keilschrifttafeln; Phönizier brachten sie zur ersten Blüte; Römer gründeten hier eine der berühmtesten Rechtsschulen; muslimische Araber wurden im Mittelalter von brandschatzenden christlichen Kreuzfahrern abgelöst, bevor Türken, Franzosen und zuletzt Amerikaner in der Neuzeit der Küstenmetropole ihren Stempel aufdrückten.

Käme dieses Beirut als Pflanze neu zur Welt, sie wäre wohl eine stachelige, blütenprächtige Kaktee; als Tier wiedergeboren, würde sie zu einem schillernden, plappernden Papagei mit neun Leben; wäre sie ein Mensch, dann eine Reinkarnation des Lazarus von Bethanien aus der Bibel: tot, beweint und schon verscharrt, dann, gegen alle Wahrscheinlichkeit aus dem Grab taumelnd, auferstanden.

Prüfungen gab es viele. 1944 die Hauptstadt des unabhängigen Libanon geworden, sah sich Beirut nach der Gründung Israels 1948 und nach dem Sechstagekrieg 1967 mit einem Strom palästinensischer Flüchtlinge konfrontiert, die das Gefüge des Landes auseinander rissen und die Stadt zu einem Zentrum des gewalttätigen PLO-PFLP-Kampfs gegen den Judenstaat machten. 1983 wurde Beirut als erste Metropole weltweit zum Exerzierplatz von Selbstmordattentätern: Sie töteten 230 Amerikaner und 58 Franzosen mit ihren Autobomben - und hatten Erfolg mit ihrem brutalen Kalkül. Die Weltmacht zog sich aus dem Zedernstaat zurück.

Trotz allem machten noch unmittelbar vor dem Bürgerkrieg in Beirut internationale Banken glänzende Geschäfte. In den Casinos traf sich der Jetset aus Paris und Panama, Kairo und Caracas. Die sprühende Metropole, Kind westlicher Väter und arabischer Mütter, war auch eine geistige Hochburg, die intellektuelle Hauptstadt des Nahen Ostens. In Kairo, Damaskus und Bagdad herrschte ab Mitte der fünfziger Jahre Kasernenton und Zensur. In Beirut schienen liberale Gesetze bis Mitte der Siebziger Koexistenz, religiöse Toleranz und sozialen Frieden zu garantieren. Von der "Schweiz des Nahen Ostens" schwärmten gar manche Besucher.

"Diesen Eindruck mögen Touristen gewonnen haben, auch manche meiner Landsleute flüchten sich bis heute in dieses nostalgische Beirut-Bild - doch so war es nicht", sagt Elias Khoury, 56, Libanons wohl bedeutendster lebender Schriftsteller. "Unterschwellig waren die Spannungen da. Die gewaltigen Ungerechtigkeiten mussten zur Explosion führen, und sie forderten auch von uns Denkern Einmischung - sonst hätte ich nicht selbst zur Waffe gegriffen."

Khoury betreut derzeit die wöchentliche Kulturbeilage der Zeitung "al-Nahar" und produziert "nebenbei" noch Roman um Roman. Er blickt etwas verloren aus dem brandneuen Glaspalast nahe des Märtyrer-Platzes, wohin er sein Ché-Guevara-Poster aus dem alten Büro noch verfrachten muss. Im Blickfeld eine riesige Moschee, die wie so vieles hier von saudischem Geld errichtet wird; dahinter ein zerbombtes Kino, das wie ein Mahnmal wirkt.

"Alles postmodern in unserem Büroturm, ein Traum der Verleger", sagt der Autor, als müsste er sich für den Luxus entschuldigen. Und spricht dann mit leiser Ironie weiter von seinem Lieblingsthema, den "syrischen Brüdern, israelischen Neffen und amerikanischen Onkeln", die der neuzeitliche Fluch Beiruts seien. Khoury: ein arabischer Revolutionär, ein libanesischer Ché, der in die Jahre gekommen ist und ein wenig Angst davor zu haben scheint, dass die Zeit über ihn hinweggeht.

Geboren in eine Christenfamilie von Beirut, studierte er an der dortigen Libanesischen Universität und in Paris Soziologie. Das Elend der in Flüchtlingslager gedrängten Palästinenser, die keinen Anspruch auf Staatsbürgerschaft hatten (und bis heute nicht haben), berührte ihn zutiefst. Er schrieb für linke Zeitungen, arbeitete in palästinensischen Zentren.

Er kämpfte mit dem Gewehr in der Hand für die "Unterdrückten". Er wurde verwundet. Heute spricht er nicht mehr gern über die Zeit, mag nicht diskutieren, ob sein bewaffneter Kampf ihm oder der Sache etwas gebracht hat. "Das versuchte ich alles in meinen Büchern zu verarbeiten", sagt er, der so wenig wie seine Zeitungskollegen etwas weiß über das Schicksal des Commodore-Papageis.

Khourys jüngster Roman, inzwischen auch verfilmt, erscheint jetzt zur Buchmesse auf Deutsch. "Das Tor zur Sonne" ist die Geschichte eines Arztes und Widerstandskämpfers, der einem Komapatienten am Krankenbett seine Lebensgeschichte erzählt - wie alle Khoury-Romane eine Variante seiner eigenen Biografie. "Wer sich seiner Vergangenheit nicht stellt, kann sich niemals von ihr befreien", sagt der Schriftsteller. Fast resignierend fügt er hinzu, dass er die Korruption um Jassir Arafat und die heutige PLO-Spitze verurteile. Größere Schuld an dem Un-Frieden in Nahost trügen freilich die Israelis mit ihrer Siedlungspolitik und deren amerikanische "Handlanger".

Khoury ist stolz darauf, dass er gegen alle austeilen kann. Anders als die Literaturbeilage "Nawafis" seines Autorenkonkurrenten Hassan Dawud - dessen Blatt vom milliardenschweren Premier Hariri finanziert wird - schreibt er Kritisches auch über die Syrer. Die Armee des mächtige Nachbarn ist zwar in Beiruts Stadtbild kaum zu sehen, steht aber immer noch mit fast 20 000 Mann im Libanon und beeinflusst jede wichtige politische Entscheidung der Beiruter Regierung.

Viele der jungen Leute, die Khoury mit seinen Büchern und Artikeln beeinflussen möchte, kaufen "an-Nahar". Allerdings überwiegend, um sich über Sport, neue Cluberöffnungen oder Kinoanfangszeiten zu informieren. "Geben Sie mir die Zeitung", sagt fast jeder Dritte am Kiosk an einem Durchschnittsfreitag. "Die Literaturbeilage können Sie behalten."

Beirut ächzt in diesen Tagen unter einem Berg von Problemen. Die Staatsverschuldung ist mit 35 Milliarden Dollar proportional eine der höchsten der Welt. Die Mittelklasse kann sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten, weil reiche Golf-Araber die Preise in Schwindel erregende Höhen treiben. Mit mehr als 2,1 Millionen Menschen lebt nun schon fast die Hälfte der libanesischen Bevölkerung in der überfüllten Hauptstadt. Der religiöse Proporz stimmt längst nicht mehr, der Anteil der muslimischen Bevölkerung ist rapide gestiegen, die Situation der 350 000 Palästinenser verschlechtert sich dramatisch.

Wenn George W. Bush wieder gewählt werden sollte, dürfte er die Hisbollah mit ihren Verbindungen zum Terror von Ramallah bis Bagdad ins Visier nehmen - die Folgen: unübersehbar. Im Südlibanon, das Israel nach Jahrzehnten der Okkupation im Mai 2000 räumte, könnte das zu neuen Eskalationen führen.

Von all dem vergangenen, von all dem neu heraufziehenden Horror aber spürt man in Beirut wenig: Die Stadt der Unverzagten, Lebenslustigen, Anti-Kleinmütigen gibt unverdrossen die Dauerparty. Vor allem die Jungen wollen nicht ewige Kriegs-Gefangene sein - und kommen doch nie ganz los von dem Beiruter Urknall, nicht in ihren Clubs wie dem schaurig schönen BO 18, nicht bei der Auswahl anderer morbider Refugien.

Fadi Tufaili, 31, ist Sohn schiitischer Eltern und einer der begabtesten unter den jungen libanesischen Autoren. Er schreibt als Reporter investigative Storys, aber mindestens ebenso gern Gedichte. Dabei lässt sich der Schüchterne mit der stets leisen, sanften Stimme häufig von seinem Lieblingsplatz inspirieren: dem "Garten der zwei Märtyrer". Dieser riesige Friedhof liegt im Süden der Stadt, in einem Armenviertel unweit der ehemaligen palästinensischen Flüchtlingslager Sabra und Schatila, in denen christliche Milizen unter den Augen der Israelis 1982 ein schreckliches Massaker anrichteten.

Hähne krächzen, Grillen zirpen, riesige Bäume schlucken fast den ganzen Lärm der Straße: Der Gottesacker ist ein friedlicher Platz in hektischer Umgebung, abgetrennt nur durch eine Mauer von einem Gräberfeld der anderen Art - einem Autofriedhof, auf dem sich gerade die Schneidbrenner der Ausschlächter durch Motorenteile fressen.

Fast 5000 Menschen sind im "Garten der zwei Märtyrer" zwischen Pinien begraben. Für die Reichen unter den Verblichenen wurden ganze Häuschen eingerichtet, Samtvorhänge zieren die Seitenwände, hinter Gitterstäben sind liebevolle Altäre aufgebaut. Sie zeigen die Bilder junger Männer, in Glasrahmen gefasst; neben Plastikblumen liegt der Koran, manchmal sind ein paar Bonbons oder Kekse bereitgelegt. Die einfacheren Gräber bestehen nur aus Marmorplatten, schlicht in den Boden eingelassen. Sie sagen, wer da liegt, wann und wie es zu seinem Tod gekommen ist.

Tufaili setzt sich oft zu den beiden unfreiwilligen "Gründern" des Friedhofs und versucht mit den Toten in Zwiesprache zu treten. Die schiitischen Brüder Mustafa und Mahdi Hamschi waren in den ersten Stunden des Bürgerkriegs in die Schusslinie der Scharfschützen geraten. Weil die Verwandten angesichts der Feuergefechte keinen Friedhof erreichen konnten, verscharrten sie die beiden Körper einfach auf der anderen Seite der Straße zwischen Bäumen in einem öffentlichen Park. Der Tod wurde schnell zum Dauergast an dieser Schnittstelle des Kriegs. Immer neue Gräber fraßen sich in den Wald hinein, immer weiter. In jeder Kampfpause trugen Verwandte die Opfer hastig zur letzten Ruhe. Aus dem Pinienhain für Spaziergänger und Liebespaare wurde ein Ort der Trauer, ein Ort aber auch des Zusammenhalts - Menschen unterschiedlichster Herkunft waren wenigstens in ihrem Schmerz vereint. Schon gegen Ende des Bürgerkriegs wurden dann auch Normalverstorbene im Hain beigesetzt. Der Tod erwies sich als nivellierende, Differenzen einebnende Kraft - als Beiruts später, hoffentlich endgültiger Versöhner.

Und ausgerechnet auf diesem Friedhof gibt es neue Informationen über Ali, den Papagei. Nicht von Tufaili, dem Architekturstudenten und Poeten - er war zu Commodore-Glanzzeiten noch viel zu jung und hat von dem Vogel nie gehört. Aber ein hinkender alter Mann, der Fremde manchmal über die Nekropolis führt, behauptet, von Ali zu wissen: "Ich habe einen Papagei erst gestern hier auf einer Pinie gesehen. Er flog Richtung Berge, und ja, er machte diese Granatentöne, von denen Sie erzählen."

Ach, der Alte. Auf den darf man nicht hören, sagen andere Friedhofsbesucher. Der hat alle seine drei Söhne im Bürgerkrieg verloren und leider auch seinen Verstand. Der hat keinen Papagei gesehen, sondern selbst einen Vogel im Oberstübchen. Gaga ist der, Sie verstehen?

Es spricht alles dafür, dass die Warner Recht haben. Der Greis hat tatsächlich einen wirren Blick, und er hält die Hand auf, weil er für seine Erzählungen mit einem Trinkgeld belohnt werden will. Der Commodore-Papagei, an die Menschen in der Bar und an Popcorn-Nachschub gewöhnt, hätte sich nie im Leben ein Dutzend Jahre in der Freiheit durchbeißen können. Wer sollte ihn ausgerechnet am "Garten der zwei Märtyrer", am anderen Ende der Stadt, ausgesetzt haben? Warum hätte wundersamerweise ein Verrückter Alis Weg verfolgt?

Andererseits: Papageien sind erstaunliche Tiere, besonders widerstandsfähige Exemplare können bis zu 120 Jahre alt werden. Und wenn es eine Lehre aus der Geschichte Beiruts gibt, dann doch wohl die: In dieser Stadt ist wahnsinnig, wer nicht an Wunder glaubt.