Arabische Welt: Essay - DER SPIEGEL
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Arabische Welt Essay

Die Nöte der arabischen Kultur
Von Najem Wali
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich erinnere mich noch genau an eine Szene in einer Kneipe im westfälischen Hamm. Ich musste 1981 wegen meines Antrags auf politisches Asyl, den ich damals in Hamburg gestellt hatte, nach Hamm. Und obwohl nichts in jener Kneipe darauf hinwies, dass Ausländern der Zutritt verboten war, gestattete man mir nicht, sie zu betreten. Ich provozierte daraufhin die anderen Gäste, indem ich sie aufforderte, mit mir über Goethe, Schiller oder Brecht zu diskutieren - wenn sie in der Lage dazu seien.

Tumb und verdattert starrten sie mich an. Sie begriffen nicht, was ich von ihnen wollte, während mich ein Schäferhund ununterbrochen ankläffte. Trotzdem identifizierte ich Deutschland fortan nicht mit diesen Kneipenbesuchern oder später mit den Skinheads. Es blieb für mich das Land jener Dichter und Denker, die ich schon im Irak gelesen hatte. Ich werde nie vergessen, dass ich dort 1971 mit 16 Jahren zum ersten Mal verhaftet wurde, weil ich Friedrich Engels' Schrift "Der deutsche Bauernkrieg" besaß. Ich war damit ganz offen in den Straßen unserer kleinen Stadt umherstolziert, obwohl das Buch verboten war.

Was fällt uns zuerst ein, wenn wir an bestimmte Länder denken? Assoziieren wir mit Russland nicht eher Puschkin und Gogol, Tolstoi und Dostojewski, Tschechow und Turgenjew als Mordgesellen vom Schlage eines Lenin oder Stalin? Ruft uns Frankreich nicht Hugo und Balzac, Rimbaud und Proust, Sartre und Camus in Erinnerung? Lassen uns die USA nicht an Poe und Twain, Faulkner und Melville, Hemingway und Steinbeck denken?

Doch was fällt uns ein, wenn wir das Wort "Arabien" hören? Noch bei keiner Frankfurter Buchmesse war der Ehrengast derart unbekannt und verkannt wie in diesem Jahr die "Arabische Welt". Assoziierte man bis vor kurzem mit ihr die Märchen aus "Tausendundeiner Nacht" - ein Buch, das man nicht einmal unbedingt gelesen hatte -, so fallen den meisten heute nur der Koran und Osama Bin Laden ein. In beiden Fällen wird die arabische Kultur einseitig dargestellt, sei es nun fröhlich und ausgelassen oder tiefreligiös und fanatisch. Doch weder haben die Araber in der Vergangenheit nur "Tausendundeine Nacht" geschaffen, noch ist heute Osama Bin Laden ihr typischer Vertreter.

Wie also ist diese Kluft - um nicht von einem Bruch zu sprechen - zwischen den Kulturen entstanden? Unkenntnis ist der Verbündete extremistischer Strömungen. Und diese wiederum münden in einen islamistischen Terrorismus, der die Welt mit seinem Brand überzieht und uns in die Klauen jenes anderen Fundamentalismus der religiösen Rechten getrieben hat, die das Weltimperium USA beherrscht.

Über den Bruch zu sprechen heißt auch, die gemeinsame Verantwortung beider Seiten zum Thema zu machen. Immerhin gab es in der Vergangenheit große Zeiten eines fruchtbaren Dialogs und einer wechselseitig belebenden Koexistenz. Über Jahrhunderte hinweg wurde Wissen auf verschiedensten Wegen weitergegeben: von Athen nach Alexandria, von Bagdad nach Toledo. Dies sollte man sich unbedingt in Erinnerung rufen.

Zwischen dem achten und zehnten Jahrhundert wurde das Streben nach Erkenntnis zu einem wesentlichen Beweggrund für die Geschichte der beiden Kulturkreise. Zu jener Zeit war Bagdad ein bedeutendes kulturelles Zentrum und das arabisch-islamische Reich der Abassidendynastie auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung. Die Herrscher sorgten zur Festigung ihres Einflusses in den neu eroberten Gebieten dafür, dass das Wissen immer auf dem neuesten Stand gehalten wurde.

Deshalb ließ Kalif Harun al-Raschid eine Palastbibliothek, das so genannte Haus der Weisheit, einrichten. Sein Sohn, der Kalif Mamun, ordnete an, diese Bibliothek um neue Wissenschaftszweige zu erweitern, wenn auch Astronomie und Astrologie weiterhin die Schwerpunkte der Sammlungen blieben. Vor allem die Oberschicht der Bagdader Gesellschaft - sie umfasste diejenigen, die als Schreiber in der Verwaltung, als Wissenschaftler oder Händler arbeiteten - war eifrig darauf bedacht, Schriften aus den modernsten Wissensgebieten der damaligen Zeit zu erwerben: Medizin, Astronomie, Astrologie, Mathematik und Chemie. Sie waren bereit, dafür viel Geld auszugeben.

Damals trat ein Phänomen auf, das sich seither nicht wiederholt hat. Das aus dem antiken Griechenland transferierte Wissen ergriff, unter der Ägide der herrschenden Elite und von ihr finanziert, die gesamte Bagdader Gesellschaft. Deren Strukturen, die damals gerade entstanden, konnten sich dadurch in einer dynamischen Wechselwirkung entwickeln. Diese Transferbewegung setzte sich noch einige Jahrhunderte lang fort und bestimmte das geistige Leben der arabisch-islamischen Welt. Sie wurde zum zentralen gesellschaftlichen Motor, der wesentlich zum Verständnis des Anderen, nämlich der Europäer, und zum Umgang mit ihnen beitrug.

Bei der Annäherung spielten Übersetzungen eine äußerst wichtige Rolle, schon bevor die beiden Welten unmittelbar aufeinander stießen. Im 12. und 13. Jahrhundert fand eine ähnliche kulturelle Bewegung in entgegengesetzter Richtung statt: Mit der Rückeroberung Toledos durch die Christen im Jahre 1085, welche die Reconquista einleitete - die Zurückdrängung der Araber bis zum endgültigen Ende ihrer Herrschaft in Andalusien -, begann ein gewaltiger Kulturtransfer. Damals kamen junge Männer aus den verschiedensten Ländern Europas zusammen, um sich der Übersetzung arabischer philosophischer und wissenschaftlicher Werke in die romanischen Sprachen zu widmen. Unterstützt wurden sie dabei von jüdisch-arabischen und christlich-arabischen Gelehrten.

Einer der Beweggründe für diese Übersetzungstätigkeit war sicher der Wunsch, den arabisch-muslimischen "Feind" jenseits der Grenzen kennen zu lernen, um ihn erfolgreich bekämpfen zu können. Ungeachtet dessen waren die Übertragungen jener Männer und ihr Kontakt zu muslimischen Gelehrten für Europa ein kultureller Schatz. Die weitere Entwicklung des Kontinents ist nur zu verstehen, wenn dieser Beitrag gewürdigt wird. Denn die europäische Kultur des Mittelalters schöpfte ebenso wie die Renaissance sowohl aus griechischen und römischen Quellen als auch aus arabischen.

Im 18. und 19. Jahrhundert kam eine neue Komponente hinzu. Damals erlebte Europa gewaltige Umwälzungen seiner sozialen Strukturen, ausgelöst durch die industrielle Revolution. Diese Entwicklung brachte neben relativem Wohlstand, der es einigen gestattete, ganz nach Wunsch in andere Weltgegenden zu reisen, auch soziale und psychische Erschütterungen mit sich. Viele Schriftsteller und Künstler konnten nun, auf der Suche nach dem verlorenen irdischen Paradies, andere Erdteile erkunden, die ihnen zuvor unerreichbar waren. Sie entdeckten ihr Paradies im Orient: in der einfachen Natürlichkeit seiner Bewohner, in seiner Gastfreundschaft und in der Schönheit seiner Frauen.

Der verklärte Blick dieser Romantiker ließ ein Klischee vom alten Orient in den Köpfen entstehen. Es war dies ein Ort, der Phantasievorstellungen Raum bot und so dazu beitrug, bestimmte Sehnsüchte zu befriedigen. Die Schriften der Romantiker wimmeln nur so von träumerischen, phantastischen Stereotypen, von denen sich die Autoren auch dann nicht mehr abbringen ließen, wenn die Realität sich vor ihren Augen änderte: In ihrer Wahrnehmung verharrte die Gesellschaft bewegungslos - mit Ausnahme dessen, was sich in ihren von Haschisch, Wein und schönen Frauen benebelten Köpfen abspielte. Aber dieses fixe Bild trügt, ebenso wie die Bilder trügen, die islamistische Propagandisten heute vom "unzüchtigen" Westen zeichnen.

Die Phantasievorstellungen der Romantiker nährten sich aus den Erzählungen aus "Tausendundeiner Nacht". Die Europäer - verunsichert vom rasanten industriellen Fortschritt und den ihn begleitenden komplexen sozialen Prozessen - konnten nun bei der Lektüre dieses Buchs im häuslichen Salon in ihre Phantasiewelt entfliehen. Das war nicht der wirkliche Orient mit seinen authentischen Sitten, seiner Weisheit und seiner reichen Literatur. Es war ein Orient, der keinerlei Pflichten kannte, in dem man in den Palästen einem freizügigen Leben frönte und ausschweifende Sexorgien mit lesbischer Liebe und Lustknaben feierte. So wurden die Märchen aus "Tausendundeiner Nacht" selbst zur eigentlichen Lampe, die Aladin bei sich trägt: Bei einer Berührung mit ihr nehmen die eigenen Phantasien Gestalt an.

Bis heute üben diese Märchen ihren Zauber auf die europäische Vorstellungskraft aus und versperren ihr so den Zugang zur modernen arabischen Literatur. Das Kuriose dabei ist, dass die arabische Ausgabe der Erzählungen erst 1814 und in Kalkutta erschien - also nach der Übersetzung des französischen Orientalisten Galland, die für Jahrhunderte die europäische Vorstellung vom Orient prägen sollte (siehe Seite 26). Und erst im Jahre 1835 folgte dann eine zuverlässigere ägyptische Ausgabe, die übrigens noch heute in vielen arabischen Ländern verboten ist - mit der Begründung, das Buch enthalte Schilderungen ausschweifender Sexszenen.

Während der Westen sich in jener Zeit ausschließlich der Übersetzung der Märchen widmete, richteten die Araber, die gerade durch die Kanonenböller Napoleons aufgeschreckt worden waren, ihr Augenmerk auf die Übersetzung von Werken aus europäischen Sprachen. Vor allem aus dem Englischen und Französischen wurde auf den verschiedensten Gebieten übersetzt. Diese Tendenz besteht bis heute, auch wenn sie sich seit dem Ende der sechziger Jahre deutlich abgeschwächt hat.

Der Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs und die Zerstörung Beiruts - der einzigen liberalen arabischen Hauptstadt, die sich einer regen Übersetzungstätigkeit geöffnet hatte - führten zum Niedergang dieses Übersetzungswesens. Als dann auch noch der palästinensische Terrorismus eskalierte, begannen sich die heutigen Probleme der arabischen Kultur abzuzeichnen: die Schwierigkeit, sich selbst zu präsentieren und in eine Beziehung zum Anderen, zum Westen, zu treten. Im Allgemeinen nährt sich die geistige Kultur einer Gesellschaft auf organische Weise aus der Übersetzung. Wenn nun die Übersetzungstätigkeit versiegt, führt dies dazu, dass eine Nation sich isoliert und in eine Rückständigkeit gerät, die entweder von außen aufgezwungen oder selbst auferlegt sein kann. Forschergeist und Neugier, die bei anderen Nationen den Fortschritt beflügeln, werden so erstickt.

Der Kontakt mit dem Anderen und der Transfer von dessen Kultur sind zwei Möglichkeiten, die Ursachen von dessen Fortschritten zu erkennen und es ihm gleichzutun. Diese beiden Triebkräfte verringern die Kluft zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern und eröffnen neue Möglichkeiten zu Kommunikation und Kontakt. Sie spornen zu immer neuen Leistungen an.

So war es zur Blütezeit der arabisch-islamischen Kultur. Diese hätte niemals ihren Zenit erreicht, hätte sie nicht die griechischen Werke übersetzt und sich für das kulturelle Erbe der Nachbarvölker geöffnet - ungeachtet dessen, dass diese einer anderen Religion anhingen. So wurde alles angeregt, was den arabischen Gesellschaften Dynamik verlieh - die Einführung der Philosophie, die Kunst des Diskurses, die Entwicklung der Künste und des Handwerks. Eben diese Dynamik fehlt ihnen heute heute wegen der repressiven Isolation der Kultur und wegen des Terrors. So war es auch bei der europäischen Zivilisation, als sie die arabischen Werke herausragender Geister wie Averroes und Avicenna sowie andere wissenschaftliche Schriften übersetzte. Sie knüpfte da an, wo die Araber in Andalusien stehen geblieben waren: dort, wo rationales, diskursives Denken und selbständiges Ringen um die Lösung geistiger Probleme von religiösem Fanatismus abgelöst wurden.

Heute scheint dieser Austausch der beiden Kulturen zum Stillstand gekommen zu sein. Die Kluft vertieft sich ständig. Zahlen, die den Austausch der Kulturen und literarische Übersetzungen zu messen suchen, zeigen, dass die Übersetzungstätigkeit auf beiden Seiten fast zum Erliegen gekommen ist. Anders als früher wird weder die arabische Kultur im Westen geachtet noch die westliche in der arabischen Welt. Die arabische Kultur stellt heute für den Westen keine Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis mehr dar, weil die Araber selbst sich in den Wissenschaften auf den Westen beziehen.

Der Westen seinerseits hat neue "romantische" Alternativen gefunden, die ihm den Orient ersetzen: Heute beherrschen Tourismusunternehmen meisterhaft die Kunst, phantastische Programme zu entwerfen. Sie lassen die Okzidentalen ihre Sorgen und seelischen Erschütterungen vergessen.

All dies hat zur Entfremdung voneinander beigetragen. Darüber hinaus sind beide Seiten vom Virus der extremistischen religiösen Ideologien befallen. Einerseits hat sich das westliche Araber-Bild seit der Romantik nicht verändert: eine geradezu märchenhafte Illusion. Andererseits versinkt das Bild des Arabers, das heute durch die täglichen Nachrichten von Gewalttaten in die Wohnzimmer übertragen wird, unter Blut und Öl.

Der fundamentalistische islamische Terrorismus mit seinen Selbstmordanschlägen zementiert dieses Bild. Schlimmer noch: zahlreiche Kräfte im Westen - von so genannten Islam-Experten, die durch die Talkshows geistern, über Teile der Medien bis hin zu denen, die den Waffenhandel verantworten - tragen zur Verankerung der Vorstellung bei, der Fundamentalismus sei die einzige authentische Form des Islam. Sie tun das aus einem einfachen Grund: Sie profitieren davon. Unter dem Vorwand der Meinungs- und Glaubensfreiheit wird versichert, dass dieses Bild unantastbar sei: "Das ist ihr Glaube, und wir müssen es so hinnehmen." Derartige Behauptungen werden in einigen Fällen sogar dann vorgebracht, wenn sie die Unterdrückung von Frauen rechtfertigen - bis hin zu Forderungen nach deren Beschneidung.

Heute, da in ganz Europa Arbeitslosigkeit droht, ist - unter anderem im Zusammenhang mit Waffengeschäften - eine regelrechte "Terrorwirtschaft" entstanden, und seit Jahren steht mancher westliche Spezialist im Sold von Tyrannen der arabischen Welt. So wurde kürzlich bekannt, dass ein Deutscher Gaddafis Libyen bei der Atomtechnik hilft. Hinter zahlreichen Vereinen und Websites, die angeblich der Verständigung dienen, stehen in Wahrheit Männer der Wirtschaft.

Nur so lässt sich die Abwesenheit von Vertretern und Vertreterinnen eines aufgeklärten Islam bei Diskussionen, Fernsehtalkshows und in Internet-Foren erklären, die behaupten, den Dialog zwischen den Kulturen anregen zu wollen. Es findet ein systematischer Ausschluss von arabischen Oppositionellen statt, die fern ihrer Heimat in den Metropolen Europas im Exil leben. Eine nicht geringe Zahl von ihnen sind Universitätsprofessoren, die zu Hause mit Hetzkampagnen verfolgt und als Ketzer gebrandmarkt wurden.

In Ägypten begnügte man sich im Fall des liberalen Universitätsprofessors Nasr Hamid Abu Seid nicht damit, ihn zum Ketzer zu erklären. Man zwang ihn sogar, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Doch dieser Angriff paternalistischer Männlichkeit ist nicht neu, er setzte in seiner extremen Form bereits Ende der sechziger Jahre ein.

Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass der 5. Juni 1967, das Datum der Niederlage der Militärs im Krieg gegen Israel, den Übergang von einer modernen zu einer antiliberalen Kultur im Großteil der arabischen Welt markiert.

Damals begann auf der einen Seite gerade eine moderne arabische Kultur soziale Wurzeln zu schlagen und sich von den paternalistisch-islamischen Formen einer rückständigen arabischen Vergangenheit zu befreien. Ihre Wortführer riefen zur Trennung von Religion und Staat, zur Befreiung der Frauen, zur Pressefreiheit, zur Festigung der Demokratie, zum Aufbau einer Zivilgesellschaft und sogar zur Anerkennung Israels auf.

Die Gegenseite antwortete mit einer Attacke gegen alles, was liberal war. Dieser Angriff ging zunächst von den Militärs aus, die die Niederlage ihrer "Männlichkeit" rächen wollten. Zu Ende geführt wurde er dann von den Islamisten. Die bemächtigten sich der politischen Bühne und prägten sie vollständig mit ihren paternalistisch-männlichen Vorstellungen. Sie taten das unter dem Vorwand, so ergreife man selbst wieder die Initiative im Kampf gegen Israel und bei der "Befreiung Palästinas".

War vor dem Krieg von 1967 das Straßenbild arabischer Städte von unverschleierten Frauen geprägt, so vermittelt heute der Anblick verschleierter Frauen ein schwarzes, trostloses und abstoßendes Bild eben dieser Städte. Aber die herrschende Kultur und ihr Männlichkeitskult begnügten sich nicht damit, die Frauen ins Haus zurückzuscheuchen (als wären sie schuld an der Niederlage).

Sie mauerten auch das nationale Selbstgefühl in der Einsamkeit und Enge von uraltem Kulturgut ein. Da singt es wie jemand, der im Badezimmer vor sich hin trällert, überkommene Lobeshymnen auf sich selbst und vernimmt nichts als seine eigene Stimme. Es ist gefangen im geistigen Verlies fundamentalistischer Ideologien, die selbständiges Denken durch gedankenlose Übernahme ersetzen, Toleranz durch Fanatismus, Meinungsvielfalt durch Einheitsbrei und kritische Fragen durch blinde Zustimmung.

Dieses Bild wird noch düsterer, wenn man sich anschaut, wie sich die Medien in den arabischen Ländern verhalten. Im Propagandakampf gegen die westliche Moderne sind sie die mächtigste Waffe. An erster Stelle sind die arabischen Satellitenprogramme und die Zeitungen zu nennen. Wie schamlos da Lügen verbreitet werden, zeigt folgendes Beispiel: Am 23. Juli dieses Jahres erschien in der saudi-arabischen Zeitung "al-Hayat" mit Blick auf den Arabien-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse ein Artikel über die arabisch-islamische Wissenschaft und Philosophie als wesentlichem Bestandteil der Weltkultur. Darin heißt es: "Auf Grund der Blockade, der sich die Araber, ihre Kultur und ihre Präsenz in der Welt ausgesetzt sehen, sind aufgeklärte, offene Informationsangebote von äußerster Bedeutung." Eine tolldreiste Umkehrung der Wahrheit: Gerade die steinreichen Golfländer waren nicht bereit, ihren finanziellen Beitrag zur Frankfurter Buchmesse zu leisten, die doch ihrerseits die Araber mit offenen Armen empfängt. Es ist also offenkundig, wer hier den Kulturaustausch blockiert.

Die arabischen Satellitenprogramme, insbesondere der Sender al-Dschasira, verbreiten reaktionäre geistige und politische Inhalte, die die Öde und Rückständigkeit, unter denen wir leiden, noch verschlimmern. Denn sie überschminken die Leere mit verlockenden Farben und preisen sie an. Sie stellen die Araber als unterdrückte Opfer dar und legen mit allen medialen und emotionalen Mitteln den Grund für Verschwörungstheorien. Die Zuschauer werden ununterbrochen mit Hasstiraden und serienweisen Angriffen auf die westliche Moderne berieselt. Dieser Sender rüstet zum regelrechten Kampf gegen den Westen; er ist zum Sprachrohr der Fundamentalisten und ihrer unverblümten Aufrufe zur Zerstörung des Westens geworden.

Noch nie in ihrer Geschichte war die arabische Kultur aus ihrer eigenen Mitte heraus derart bösartigen Angriffen ausgesetzt wie heute. Die Quellen, aus denen sie entspringt, sind schöpferische Tätigkeit und offener, unerschrockener Gedankenaustausch. Freiheit ist ihr Wesenselement und ihre Lebensbedingung. Doch diese arabische Kultur wurde von einer fundamentalistischen männlichen Kultur verdrängt, die die Terroristen mit Blut tränken.

So sieht sich die arabische Kultur der Freiheit und Offenheit zwischen Hammer und Amboss eingekeilt: Unter den Hammerschlägen der muslimischen Fundamentalisten, seien sie nun arabischer oder anderer Nationalität, leidet sie auf dem Amboss der westlichen Vorstellung, die alle arabische Kultur nur unter dem Aspekt der Religion betrachtet. Der westliche Diskurs ruft zwar zum Dialog der Kulturen auf, praktiziert ihn aber allenfalls als Dialog der Religionen.

Die Fundamentalisten bestimmen heute weitgehend das Geschehen. Sie haben die wichtigsten audiovisuellen Medien infiltriert, und zwar nicht nur in der arabischen Welt. Zwei aktuelle Beispiele belegen, wie weit die mediale Unterwanderung in Westeuropa vorangekommen ist: Die arabischen Abteilungen der BBC und der Deutschen Welle praktizieren einen journalistischen Arbeitsstil, der nichts mit Sorgfaltspflicht und sauberer, gewissenhafter Recherche zu tun hat. Die im Westen geltenden Grundwerte missachtet diese Art von Journalismus durchgehend. Im Fall der Deutschen Welle steht zu befürchten, dass auf Kosten deutscher Steuerzahler Programminhalte mit islamistischer Tendenz verbreitet werden.

Diese traurige Situation darf aber kein Anlass zur Verzweiflung sein. Vielmehr sollte sie zum Antrieb für ernsthafte und aufrichtige Anstrengungen werden, um die kritische Kultur und das liberale Denken in den arabischen Ländern zu unterstützen.

Als die USA und einige europäische Länder ihre Absicht erklärten, die Errungenschaften der Demokratie auch in der arabischen Welt durchzusetzen und offen autoritäre Regimes dort kritisierten, gaben sie lediglich Forderungen Ausdruck, die von vielen Intellektuellen der arabischen Welt seit Jahren erhoben werden. Sie landeten wegen ihrer Forderungen im Gefängnis, wurden umgebracht oder ins Exil getrieben.

Es ist gut, dass sich der Westen der Forderungen der arabischen Liberalen annimmt und sich deren Überlegungen zur Moderne, zu den notwendigen Bedingungen für Veränderungen in ihren Gesellschaften zu Eigen macht. Gleichzeitig aber ist es ein Schlag ins Gesicht der kritischen arabischen Kultur, dass der Westen noch immer mit Regimes und Persönlichkeiten verbündet ist, die verantwortlich sind für Rückständigkeit, Verbreitung von Willkürherrschaft, Bestechung, Korruption und für die Finanzierung und Unterstützung des weltweiten Terrorismus. Namentlich zu nennen sind die Familien Al Saud in Saudi-Arabien, Muammar al-Gaddafi in Libyen, Umar al-Baschir im Sudan und Al Sabbah in Kuweit.

Neue Katastrophen wird man so bestimmt nicht verhindern: Weder durch Bündnisse mit den Feinden der Demokratie, die alle Menschenrechte missachten, noch durch die Praxis, den Fundamentalisten in Europa, unter blauäugiger Beschwörung westlicher Liberalität, in Schulen und Sendern Tür und Tor zu öffnen.

Nur wer die konsequente Isolierung dieser Kräfte betreibt und den Dialog mit den liberalen Stimmen in den arabisch-islamischen Ländern sucht, kann unsere Lage verbessern - ähnlich wie Europa und die USA einst die Dissidenten des Kommunismus moralisch und politisch unterstützten. Wir wissen heute, was dieser Dialog mit bewirkt hat: Der Kommunismus existiert nicht mehr.

Wer also heute wirklich das Ende des islamischen Fundamentalismus will, sollte schnellstmöglich einen ehrlichen, ernst gemeinten Dialog beginnen, damit die arabische Kultur und die arabische Gesellschaft uneingeschränkt von der westlichen Kultur profitieren können. Vielleicht werden beide Kulturen dann in die Lage versetzt, ihre Missverständnisse auszuräumen und zueinander zu finden.

AUS DEM ARABISCHEN VON NICOLA BEN SAID