Arabische Welt Irrfahrt nach Jerusalem
Die 1941 in Nablus geborene Sahar Khalifa gilt als bedeutendste Schriftstellerin Palästinas. Sie schreibt seit rund dreißig Jahren über das Land, aus dem sie stammt und in dem sie noch heute lebt. Fünf Romane liegen bisher auf Deutsch vor, jetzt ist der sechste erschienen: die unglückliche Geschichte von der Christin Mariam und dem Muslim Ibrahim, von ihm selbst erzählt.
Als junger Mann flüchtet Ibrahim vor einer arrangierten Heirat aus Jerusalem aufs Land und verliebt sich in einem christlich-arabischen Dorf in die schöne Mariam. Die beiden beginnen ein verbotenes Verhältnis, Mariam wird schwanger, ihre Brüder wollen das Paar töten, die Lage spitzt sich zu, da bricht Krieg aus, der Sechstagekrieg von 1967. Ibrahim lässt Mariam sitzen und geht ins Exil.
Dreißig Jahre und drei gescheiterte Ehen später kehrt er als reicher Mann aus dem Ausland zurück und findet sich überhaupt nicht mehr zurecht. In sentimentaler Verklärung der Vergangenheit will er einfach an die alte Liebe anknüpfen und macht sich auf die Suche nach Mariam. Was er sich erhofft? Nichts weniger als "einen Lebenssinn. Ich bin einer, der alles verloren hat - seine Träume, seine große Liebe und die Zukunft".
Was aber findet er auf seiner Odyssee durch das Palästina von heute? Einen Sohn, der als wahrsagender Mönch muslimische Dorffrauen zu ehelichem Gehorsam anhält und den eigenen Vater verleugnet; die ehemalige Geliebte als Nonne, die nicht mehr Mariam, sondern Maria heißt und von Ibrahim nichts wissen will; eine insgesamt aus den Fugen geratene, heillos zerrissene Gesellschaft.
Ibrahims Irrfahrt endet schließlich absurd tragikomisch in Jerusalem. Dort übernachtet er in einem Franziskanerhospiz, wo die Mönche Wein und Pasta servieren und Touristen und Pilger verschiedenster Religionen und Nationalitäten sich bei einem wilden Festgelage gemeinsam betrinken. Wenig später gerät Ibrahim mit Freunden in eine Straßenschlacht. In der Stadt wimmelt es von Gläubigen, die zum Freitagsgebet gekommen sind.
Die ersten Steine fliegen vor der Aksa-Moschee. Panik bricht aus, es wird geschossen, Menschen sterben, Ibrahims Reise- und Trinkgenosse, der russische Jude Ilja, wird zu Tode getrampelt. Doch selbst dieses blutige Gemetzel wird nicht als Auseinandersetzung zwischen Feinden beschrieben, die für ihre Überzeugungen kämpfen, sondern eher wie schlechtes Wetter, das man ergeben hinnimmt. "Schuhe und Sandalen flogen, Unglücksraben gleich, durch die Luft. Danach prasselten die Kugeln wie Regentropfen oder Reiskörner."
Politik im vordergründigen Sinn kommt in Sahar Khalifas Roman nicht vor, und das ist bezeichnend. Einmal erklärt ein palästinensischer Gastwirt dem Helden, wie er mit den Besatzern lebt: "Ich stelle mich blind und taub, damit ich sie nicht sehen muss. In meinem Kopf sind sie einfach nicht da." Khalifas eigene Botschaft ist bitterer: Der Krieg ist nurmehr eine zusätzliche Fatalität des Alltags, die achselzuckend als höhere Gewalt hingenommen wird wie das Wetter.