Arabische Welt: Islam als Software - DER SPIEGEL
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Arabische Welt Islam als Software

Stefan Weidner mischt in seinem Buch "Mohammedanische Versuchungen" Reiseerzählung und Essay.
Von Rainer Traub
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Jahr 2002 findet in der Nationalbibliothek von Algier ein interkulturelles Gespräch unter einigen Intellektuellen statt. Ein Journalist berichtet dem jungen deutschen Islamwissenschaftler Stefan Weidner, wie sich in Algerien die schlimmste Form des Terrorismus entwickelte - ein wahrer Blutrausch, der in vielen Dörfern alles Leben auslöschte. Er hinterließ nicht nur Männer und Frauen, alte Leute und Kinder, sondern auch Katzen und Ziegen mit durchschnittener Kehle. Für diese unbegreiflich scheinenden Taten hat Algeriens Chefbibliothekar eine einleuchtende Erklärung:

Nach der Erkämpfung der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich wurde Arabisch in Algeriens Schulen zur Unterrichtssprache erklärt, um die arabisch-islamische Identität der Jugend zu stärken. Aber die vorhandenen Lehrer waren nur französisch ausgebildet oder beherrschten den algerisch-arabischen Dialekt nicht richtig, weil sie eine der Berbersprachen als Muttersprache hatten. Also wurden arabische Lehrer importiert.

Besonders viele schickte Ägypten. Dessen damaliger Präsident Gamal Abd al-Nasser nutzte die Gelegenheit, um die Pädagogen loszuwerden, die mit den fundamentalistischen "Muslimbrüdern" seines Landes in Verbindung standen. Tausende islamistischer Einpeitscher wurden so zu Lehrern an den Schulen des jungen Algerien. Und die von ihnen ausgebildeten Schüler zogen Anfang der achtziger Jahre in Scharen in den "Heiligen Krieg" gegen die sowjetischen Besatzer nach Afghanistan. In den neunziger Jahren kehrten sie, ideologisch vollends fanatisiert, nach Algerien zurück und machten weiter mit dem Töten - dem Einzigen, das sie gelernt hatten.

Im Krieg zwischen den Terroristen und der Staatsmacht, der von beiden Seiten grausam geführt wird, spielte Deutschlands Asylpraxis eine fatale Rolle. Weil die Islamisten offenkundig vom algerischen Staat verfolgt wurden, beantragten und erhielten Tausende von ihnen politisches Asyl in Deutschland, wo sie sich ausruhten, Geld sammelten und neue Terrorakte planten. Algerische Journalisten aber, die über die Mordtaten berichteten und deshalb selbst um ihr Leben fürchten mussten, hatten keine Chance auf Asyl: Weil sie nicht von der Staatsgewalt verfolgt und mit Tod bedroht wurden, sondern von den Islamisten, waren sie nach der formalen Logik der Bürokratie nicht asylberechtigt.

Der Amtstrott von Ahnungslosigkeit und fehlgeleiteter Liberalität sei erst vom Terrorfanal des 11. September beendet worden, das "ein Glück für Algerien" gewesen sei - so zitiert der Autor einen Algerier.

Der Arabist und Übersetzer Stefan Weidner, 37, versucht in den fünf Kapiteln seines Buchs einen Bogen zu schlagen von seinen ersten Erfahrungen mit der islamischen Welt und dem Koran als 17-jähriger Gymnasiast bis in die Gegenwart. Bei seinen Reisen als Journalist und Vortragsredner erfährt er in Tunis und Aleppo, in Beirut und Kairo viel Verblüffendes.

Die dialogische Vielfalt der Perspektiven gehört zu den Stärken des Buchs. Zwanglos schweift des Autors Blick durch Raum und Zeit. Die staunenswerte Asketensekte der "Styliten", die vor 1500 Jahren in Syrien auf Säulen lebten - 18 Meter hoch über der Erde, um dem Himmel nahe zu sein - rückt ebenso in den Blick wie die Diskussion um Samuel Huntingtons These vom "Clash of civilizations".

Ein zentrales Kapitel diskutiert eine unter Muslimen wie unter Fachleuten umstrittene Frage: Ist der Islam in seinem Wesen unveränderlich, "Islam als Hardware" nennt Weidner das, oder ist er offen für Reformen - "Islam als Software"?

Das Sprachbild aus der Computersphäre ist hier freilich das einzig Originelle. Wenn essayistischer Ehrgeiz oder uferloses Assoziieren mit dem Erzähler durchgehen, verschlägt es ihn auf Gemeinplätze: "Weder ist 'der Islam' gänzlich mit der modernen Demokratie zu vereinbaren (wäre es ,das Christentum'?), noch schließt er eine gewisse Kompatibilität aus."

"Mohammedanische Versuchungen" verheißt der vieldeutig schillernde Titel des Buchs. Er meint nicht zuletzt den - für alle muslimische Orthodoxie gotteslästerlichen - Vorschlag, den Weidner von gläubigen, aber radikal-reformerisch gesinnten Muslimen der berühmten Universität al-Azhar in Kairo vernommen hat: Man müsse das Leben Mohammeds in einem großen Historienfilm auf die Leinwand bringen. Er dürfe abgebildet werden, denn er sei kein Gott gewesen, sondern ein Mensch. Die gesamten Rechts- und Gesellschaftsvorstellungen des Islam, die aus praktischen Lehren und ethischen Geboten Mohammeds abgeleitet sind (also nicht unmittelbar aus dem Koran) seien nicht Gotteswerk, sondern Menschenwerk - und als solches für alle demokratischen Reformen offen. "Dann ist alles befreit", so zitiert Weidner die jungen ägyptischen Muslime, "und es beginnt die Zeit eines neuen Islam, der modernsten, anpassungsfähigsten Religion der Welt."

Eine wahrhaft kühne Perspektive.