Arabische Welt Suche nach dem Land der Träume
Gebildete Muslime haben zu allen Zeiten die Pilgerfahrt nach Mekka genutzt, um auf ihrer langen Reise fremde Länder kennen zu lernen. Dabei ging es ihnen weniger um die Aufnahme von Handelsbeziehungen; sie wollten vor allem herausfinden, wie die Menschen anderswo leben - wie sie ihren Alltag gestalten, wie sie es mit der Religion halten, wie ihre Regierungssysteme funktionieren. Ob ausgesprochen oder nicht: Solche Schilderungen implizierten immer Vergleiche mit den Zuständen zu Hause. Was ist bei uns besser? Was können wir von anderen lernen?
Der bedeutendste "Reiseschriftsteller" der islamischen Welt war Ibn Battuta (1304 bis 1377). Als 21-Jähriger pilgerte der aus Tanger stammende Mann zum ersten Mal nach Mekka und lernte dabei Nordafrika,
Ägypten und Syrien kennen. Von der heiligen Stadt aus unternahm er mehrere Exkursionen, die ihn durch den gesamten Nahen Osten und über die Krim bis nach Indien und China führten. Später besuchte er noch das muslimische Spanien und das westafrikanische Reich Mali am Niger.
In ihrer Ausdehnung und Dauer übertrafen Ibn Battutas Reisen sogar die des Marco Polo (1254 bis 1324). Historische Ereignisse, Anekdoten über Persönlichkeiten und seine eigenen Erlebnisse schilderte Battuta in seinem Buch mit dem vollständigen arabischen Titel "Das Geschenk des Beobachtenden, behandelnd die Merkwürdigkeiten der großen Städte und die Wunder der Reisen".
Zweifellos hatte der ägyptische Schriftsteller Nagib Machfus auch den Klassiker aus dem 14. Jahrhundert im Sinn, als er 1983 den nun in deutscher Sprache erschienenen Roman "Die Reise des Ibn Fattuma" veröffentlichte: Ein gebildeter junger Mann, Ibn Fattuma, zieht mit einer Karawane in die Ferne. Machfus' Held leidet an Liebeskummer, weil ihm ein Kammerherr des Sultans kurz vor seiner Hochzeit die geliebte Braut Halima weggenommen hat; und er ist unglücklich über die vielen Ungerechtigkeiten in seiner Heimat.
Nun träumt Ibn Fattuma davon, das "Wunder unter all den Ländern", das Gaballand, zu erreichen, von dem ihm sein weiser Lehrer erzählt hat: "In meinem ganzen Leben bin ich niemandem begegnet, der je dorthin gereist ist. Und ich habe auch kein Buch und keinen Bericht über dieses Land in die Hände bekommen."
Auf der Suche nach dem Traumstaat gelangt Ibn Fattuma zuerst zu einem heidnischen Volk, das keine Kleider trägt und den Mond anbetet. Dann findet er eine Frau und wird Vater. Schließlich schmachtet er 20 Jahre im Kerker eines Königs, der als Gott verehrt wird - bis es zu einem Machtwechsel kommt und der Gefängnisdirektor verkündet: "Es ist der Wille des neuen Gottes, den Opfern des abgesetzten, falschen Königs die Freiheit zu schenken."
Der freigelassene Fattuma zieht ins Halbaland, das mit seinem gewählten Präsidenten und der Religionsfreiheit an westliche Demokratien erinnert. Dann kommt er ins Amanland, wo er nur eine Aufenthaltsgenehmigung für zehn Tage erhält und einen Aufpasser, der ihm erklärt: "Wir sind das einzige Land, in dem es keine Reichen und keine Armen gibt." Alle Bürger tragen die gleiche schlichte Kleidung, alle haben Arbeit. Doch das Bild der "verkörperten Gleichheit, Ordnung und Ernsthaftigkeit" erfüllt Ibn Fattuma mit Angst.
Der Suchende zieht weiter und erblickt nach der Durchquerung eines fünften Staatsgebiets schließlich in der Ferne das Gaballand. Ob Ibn Fattuma freilich sein Ziel erreicht, lässt Machfus offen.
Auf der Suche nach dem vollkommenen Gemeinwesen hat er seinen Helden durch die Geschichte geschickt: Durch die archaische Urgesellschaft, die Sklavenhalterordnung, das Feudalsystem, durch den Kapitalismus mit demokratischem Überbau und den kommunistischen Polizeistaat - etliche Entwicklungsstufen der Gesellschaft sind in den Stationen der Reise erkennbar.
Doch wer die berühmten Machfus-Werke "Die Midaq-Gasse" und "Die Kairo-Trilogie" gelesen hat und den Autor als "Vater des arabischen Romans" liebt, mag enttäuscht sein. Denn während der Nobelpreisträger in diesen Werken mit Liebe und Detailgenauigkeit pralles Leben darstellt, wirkt Ibn Fattumas allegorische Reise holzschnittartig und ist karg in der Sprache.
Der liberale Muslim Machfus, der in den fünfziger Jahren eine christliche Frau heiratete, hat für seine Haltung bezahlt. 1994 versuchten fundamentalistische Fanatiker den damals 82-Jährigen mit einem Messer umzubringen. Machfus ist seit der Attacke schwer behindert. Er hat seine Wohnung in Kairo durch eine Eisentür gesichert und lässt sich von Leibwächtern schützen - aber er sagt und schreibt immer noch das, was er für richtig hält.