Lesezeichen: "Buchkörper müssen Verlangen wecken" - DER SPIEGEL
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Lesezeichen "Buchkörper müssen Verlangen wecken"

Verlagsberater Rainer Groothuis über die sinkende Herstellungsqualität von Büchern, den Mangel an gestalterischer Phantasie und die Lust am schönen Buch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Warum reden wir oft über Bücher, als wären es körperlose, ätherische Wesen?

Groothuis: Die Attraktivität des Mediums Buch hängt für den Leser in erster Linie davon ab, ob die Lektüre ihn, in welcher Form auch immer, bereichert - also unterhält, belehrt, anregt, verändert. Insofern gibt es allemal einen Vorrang des Inhalts vor der Form.

SPIEGEL: Jedenfalls spielt die körperliche Seite und Existenzform von Büchern selten eine Rolle im Gespräch über Bücher.

Groothuis: Darin sehe ich eine große Nachlässigkeit nicht zuletzt des Buchhandels, die sich andere Branchen nicht erlauben. Wenn Sie sich ein Kleidungsstück kaufen, erwarten Sie selbstverständlich, dass Sie vom Verkäufer über die jeweiligen Produktqualitäten und ihre Auswirkung auf den Preis informiert werden. Jeder akzeptiert beispielsweise bei Seide einen höheren Preis, weil die Hochwertigkeit des Angebots klar ist.

SPIEGEL: Erkennen Sie Defizite eher beim Handel als beim Buchkäufer?

Groothuis: Hätte die Branche in den letzten Jahren verdeutlicht, wie viel Arbeit und wie viel Liebe zum Detail in einem Buch steckten, hätten wir die ständig wiederkehrende Klage über die angeblich "zu teuren" Bücher nicht. Sie finden ja kaum einen Buchhändler, der dem maulenden Kunden erklärt, dass vom Preis des gewünschten Buchs beispielsweise nicht nur der Autor, sondern auch der Übersetzer, der Drucker, der Papierlieferant und so weiter bezahlt werden müssen.

SPIEGEL: Üben Sie Branchenschelte?

Groothuis: Ist man denn ein eifernder Besserwisser, wenn man einfache Wahrheiten ausspricht? Wenn ich mit einem komplexen Produkt zu tun habe, muss ich auch über dieses Produkt sprechen können.

SPIEGEL: Fehlt es an der Ausbildung des Personals?

Groothuis: Sicher auch. Die Produktqualität und die daraus resultierenden Verkaufsargumente sind kaum noch Bestandteil buchhändlerischer Ausbildung. Aber das Problem fängt früher an. Das soziale Ansehen des Buchhändlers hat deutlich abgenommen. Früher gehörte der Buchhändler neben dem Pfarrer, dem Apotheker, dem Lehrer zu den besonders geschätzten Berufen - tempi passati.

SPIEGEL: Gleichzeitig sagen aber einschlägige Erhebungen des Bösenvereins des deutschen Buchhandels sehr klar, dass nach wie vor das Buch die Funktion des kulturellen Leitmediums innehat und dass keineswegs weniger gelesen wird als früher.

Groothuis: Das ist auch gut so. Man muss deshalb den Prestigeverlust des Buchhändlerberufs und die negativen Erfahrungen, die Buchkäufer im Handel machen, vom Ansehen des Mediums Buch trennen. Das hat sich aus mehreren Gründen auseinander entwickelt. Früher haben sich auch Buchhändler anders verstanden. Noch zur Zeit meiner Ausbildung, Anfang der achtziger Jahre, wurden Samstagmorgens in der Buchhandlung kulturpolitische Gespräche geführt. In einer Großflächenbuchhandlung findet so etwas nicht mehr statt.

SPIEGEL: Wird die mangelnde Rücksicht auf die Körperlichkeit von Büchern verstärkt durch die wachsende Bedeutung des Internet im Buchvertrieb?

Groothuis: Das glaube ich nicht. Wenn Sie mit der Qualität und den Gebrauchseigenschaften eines Buchs schlechte Erfahrungen machen, werden Sie es sich zweimal überlegen, ob Sie noch mal beim selben Verlag etwas kaufen - unabhängig davon, auf welchem Vertriebsweg Sie das Buch erworben haben.

SPIEGEL: In Ihrem Buch vergleichen Sie die Herstellung erlesener Bücher gern mit der festlichen Anrichtung edler Speisen.

Groothuis: Sie können natürlich auch Feinkost mit Plastikbesteck essen und kostbaren Wein aus Pappbechern trinken. Aber wollen Sie das? Lesen schmeckt besser, wenn die Gestaltung dem Inhalt adäquat ist - es bereitet Genuss. In dem Moment, in dem Sie ein Buch in die Hand nehmen, passiert etwas: Sie haben einen Körper in der Hand. Er fängt an zu sprechen, denn er hat ein Gewicht. Tief im Bauch spüren Sie, ob Ihnen, was Sie berühren, schmeckt oder nicht - Sinnlichkeit verkauft sich.

SPIEGEL: Was Sie beschreiben, läuft ab, ohne das Bewusstsein zu erreichen.

Groothuis: Alles, was eine Körperlichkeit hat, weckt in uns positive oder negative Gefühle. Das ist eine menschliche Eigenschaft. Deshalb setzt sich das E-Book nicht durch, wir werden noch in 20 Jahren lachen über diese Idee. Leser wollen Papier. Es gibt auch im Internet keine erfolgreiche Marke, die nicht zugleich, zumindest in Form von Produktwerbung, auf Papier existiert - die Suchmaschinen einmal ausgenommen.

SPIEGEL: Aufwendige Materialien wie Dünndruckpapier und Leinen- oder gar Ledereinbände machen Bücher kostspielig. Können sich auch kleine Verlage leisten, solche Bücher anzubieten?

Groothuis: Wenn es berechtigte Erwartungen gibt, dass sich die Auflage auch mit entsprechend höherem Preis verkauft, kann sich das im Prinzip jeder leisten - vielleicht sogar mit einer höheren Rendite. Der Taschen Verlag bot beispielsweise 9000 Exemplare von seinem Buch über Muhammad Ali für 3000 Euro sowie 1000 Exemplare einer Sonderausgabe für 10 000 Euro an. Nur noch wenige davon sollen übrig sein.

SPIEGEL: Ein ausgefallenes und sicher nicht repräsentatives Beispiel.

Groothuis: Es zeigt nur besonders augenfällig, was im Prinzip überall in der Warenwelt gilt: Wenn ein Anbieter mit einer Idee, mit einem handwerklich tadellosen und ästhetisch anziehenden Produkt Begehren weckt, dann ist er erfolgreich. Wenn es dem Verlag gelingt, den Käufer davon zu überzeugen, dass er etwas Besonderes bietet, kann er ganz anders auf der Preisklaviatur spielen als seine Konkurrenten.

SPIEGEL: Welche Buchreihen aus dem aktuellen Verlagsangebot rechtfertigen beispielsweise ihren Preis durch besondere Attraktivität?

Groothuis: Wenige. Ein skurriler Fall ist Diogenes. Der Erfolg des Verlags ermöglicht ihm inzwischen ungewöhnliche Preise. Das schmale Buch eines deutschsprachigen Autors kostet dann, wie der letzte Roman von Urs Widmer, 19,90 Euro, und die Leser zahlen diesen Preis. Anziehend und unverwechselbar gestaltet ist die "Salto"-Reihe von Wagenbach. Die Dünndruckausgaben von "Winklers Weltliteratur" würde ich nennen, auch Manesse. Man könnte, mit Einschränkungen, noch die Insel-Bücherei und die Bibliothek Suhrkamp anführen.

SPIEGEL: Ist die Durchschnittsqualität der äußeren Buchgestalt, des Buchkörpers, in den vergangenen Jahren gesunken?

Groothuis: Leider ja, wobei ich zum Buchkörper auch solche Gestaltungselemente wie die gewählte Schrift rechne. Die Auswahl aus mehr als 2000 möglichen Schriften verursacht keine Extrakosten, stellt aber Anforderungen an Handwerk und Geschmack. Wir haben ein ähnliches Phänomen wie im Buchhandel: Die durchschnittliche Kompetenz sinkt - auch wenn es zum Glück immer noch grandiose und zahlreiche Ausnahmen von dieser Tendenz wie etwa Rowohlt gibt. Auch andere Verlage wie Suhrkamp, DuMont, S. Fischer haben ihr gestalterisches Niveau gehalten.

SPIEGEL: Warum sinkt das Durchschnittsniveau trotzdem?

Groothuis: Zum Teil stehen die Kollegen stärker als früher unter dem Druck, schneller und billiger zu sein. Und es hat natürlich mit dem Bestreben zu tun zu ökonomisieren, indem beispielsweise Buchformate so weit standardisiert werden, dass am Ende tendenziell Uniformität und Langeweile herauskommen.

SPIEGEL: Malen Sie da nicht etwas schwarz?

Groothuis: Das will ich schon mal gar nicht. Aber fragen müssen wir uns natürlich schon: Was bedeuten aktuelle Tendenzen für die Zukunft? Kürzlich wurde ich zum Beispiel am Samstagvormittag, einer klassischen Zeit für Bücherkauf, in einer Hamburger Thalia-Filiale ...

SPIEGEL: ... beim Marktführer der Branche also ...

Groothuis: ... Zeuge der folgenden Szene: Eine Dame Anfang fünfzig, dem Äußeren nach zu urteilen durchaus wohlsituiert, streift suchend zwischen den Bergen von Taschenbüchern und Hardcovern herum und fragt schließlich eine Verkaufskraft: "Wo sind die schönen Bücher?" Die zeigt auf großformatige Bildbände, doch die Kundin schüttelt den Kopf: "Nein, ich möchte schon etwas zum Lesen." Die Verkaufskraft begriff nicht, was die Kundin wollte. Am Ende ging sie, entnervt: "Na schön, dann kaufe ich mir jetzt einen Blumenstrauß." Genau darum geht es: um den Zusammenhang von Ästhetik, Genuss und erfolgreichem Verkauf, um erlebbare Attraktivität und Eigenartigkeit - schöne Eigenschaften, die verkaufen.

INTERVIEW: RAINER TRAUB