Lesezeichen: Geheimbotschaft des Lippenstifts - DER SPIEGEL
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Lesezeichen Geheimbotschaft des Lippenstifts

Warum Allan und Barbara Pease mit ihren Büchern so erfolgreich sind.
Von Henryk M. Broder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Muss es sein? Hab ich das nötig? Bücher zu lesen, die von einem Ehepaar geschrieben wurden, das in Australien lebt, mit Titeln, die so klingen wie Herrenwitze anfangen? "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" oder "Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen". Ich habe schon Freud und Reich gelesen, bevor sie in der Studentenbewegung populär wurden, und während meine Freunde Abseitsfallen bauten, diskutierte ich über "repressive Entsublimierung" (Herbert Marcuse). Was also können mir Allan & Barbara Pease sagen, das ich noch nicht wüsste? Sicher, dass die Pease-Bücher dahin gehören, wo schon die Bücher von Erich von Däniken und Michael Moore stehen, zu den Spinnern, Missionaren und Heilsverkündern, fing ich an zu blättern und stieß auf Sätze wie: "Frauen und Männer sind unterschiedlich. Nicht besser oder schlechter, sondern unterschiedlich. Wissenschaftler, Anthropologen und Soziobiologen wissen das seit Jahren ..." Binsenweisheiten, dachte ich, weder neu noch aufregend. Ich blätterte weiter und las: "Frauen und Männer haben sich unterschiedlich entwickelt, weil sie sonst nicht überlebt hätten ... Sie denken auf unterschiedliche Weise, haben unterschiedliche Überzeugungen und Wahrnehmungen, Prioritäten und Verhaltensweisen. Das Gegenteil davon zu behaupten ist das sicherste Rezept dafür, unglücklich, verwirrt und desillusioniert durchs Leben zu irren."

Das hatte ich auch schon vermutet, die Feststellung entsprach meiner Lebenserfahrung. Und mir fiel Freuds berühmter Satz ein, den er gesagt haben soll, nachdem er sich sein Leben lang mit dem Seelenleben der Menschen beschäftigt hatte: "Es bleibt die große Frage: Was will das Weib?" Bis heute sind uns Naturwissenschaftler, Philosophen und Seelsorger eine klare Antwort auf diese Frage schuldig geblieben. Doch dann kamen Allan und Barbara Pease und sagten: Was immer Frauen wollen, es ist etwas anderes als das, was Männer wollen. Denn Frauen sind von Natur aus anders programmiert. Würde man eine Gruppe von Jungen und Mädchen auf einer verlassenen Insel aufwachsen lassen, ohne Familie und gesellschaftliche Einrichtungen, würden sie "trotz allem dem bekannten Schema folgen", die Mädchen würden mit Puppen spielen und die Jungen Hierarchien bilden und raufen. Die Probleme zwischen Männern und Frauen resultieren nicht daraus, dass sie verschieden sind, sondern dass sie der Political Correctness zuliebe die Unterschiede leugnen. Wer von der Richtigkeit der feministischen Losung überzeugt ist, dass wir nicht als Frauen und Männer geboren, sondern dazu gemacht werden, wer gelernt hat, dass die Rollenteilung zwischen den Geschlechtern nur ein Ergebnis gesellschaftlichen Zwanges ist, der muss mit einer Demontage seiner Überzeugung rechnen.

Nicht nur, dass unser Denken und Handeln von Hormonen und Verknüpfungen in unserem Gehirn bestimmt wird, sagen Pease & Pease und berufen sich dabei auf wissenschaftliche Untersuchungen, nicht einmal Neugeborene sind "wie eine unbeschriebene Tafel", sondern kommen "mit vorprogrammierter Gehirn-Software auf die Welt".

Nun sind Allan und Barbara Pease keine Psychologen, keine Neurologen, keine Anthropologen, keine Soziologen. Sie sind überhaupt keine Wissenschaftler und keine Theoretiker. Allan hat mit 11 Jahren seine "Karriere als Verkäufer" angefangen, er ging von Tür zu Tür und bot Gummischwämme an. "Ich war gern Hausierer und leistete gute Arbeit." Barbara hat schon mit 12 als Model gearbeitet und mit Anfang 20 eine eigene Agentur gehabt.

Heute nennen sie sich "Kommunikationstrainer" und schreiben Bücher über Körpersprache und Beziehungen. Doch eigentlich sind sie Erzähler und Übersetzer. Sie übersetzen komplexe wissenschaftliche Studien in eine verständliche Sprache und erzählen Geschichten, die jeder schon mal gehört oder erlebt hat. Ihre Bücher verstehen sie als "Reiseführer für ein fremdes Land", wobei Start und Ziel der Reise immer mit demselben Satz markiert sind: Männer und Frauen sind von Natur aus verschieden.

Ihr jüngstes Buch "Die kalte Schulter und der warme Händedruck", eine Fortschreibung ihres ersten Buches "Der tote Fisch in der Hand", ist wie alle Arbeiten von Pease & Pease ausgesprochen leserfreundlich. Man kann es "einfach aufschlagen und fast jede Seite aufs Geratewohl lesen". Man kann es von vorn nach hinten, von hinten nach vorn konsumieren und wird immer etwas finden, das neu, überraschend, aufklärend und unterhaltsam ist. Es handelt von Körpersprache, nonverbaler Kommunikation, die laut Pease fast zwei Drittel aller Kommunikation ausmacht. Und natürlich davon, dass Männer und Frauen auch nonverbal vollkommen verschieden kommunizieren.

"Frauen haben eine angeborene Fähigkeit, nonverbale Signale aufzufangen und zu entschlüsseln ... das Gehirn der meisten Frauen ist so organisiert, das sie jedem Mann auf der Welt kommunikativ haushoch überlegen sind." Eine Frau kann zwei bis vier Themen gleichzeitig behandeln, ein Mann kann sich nur auf eine Sache konzentrieren. Im Alltag verwenden Männer und Frauen verschiedene Techniken, um sich etwas mitzuteilen und aufeinander aufmerksam zu werden.

Zum Beispiel den Lippenstift. Der wurde "schon vor viertausend Jahren in Ägypten erfunden" und dient dazu, "das gerötete Genital der sexuell erregten Frau zu imitieren". Das erklärt, "warum Männer, denen man Fotos von Frauen mit Lippenstift in verschiedenen Farben zeigt, durchweg leuchtende Rottöne am attraktivsten und sinnlichsten finden". Eine Frau, die über diesen Zusammenhang Bescheid weiß, wird vielleicht nie mehr ihre Lippen rot anmalen. Männer hingegen werden nie wieder in ein Fitness-Studio gehen, wenn sie erfahren, warum Frauen auf "kleine knackige Hintern" abfahren - weil nämlich "ein festes, muskulöses Hinterteil notwendig ist, um die starke, vorwärts stoßende Bewegung auszuführen, die ein erfolgreicher Spermatransfer erfordert".

Das Alles hat die Natur geschickt eingefädelt, um den Fortbestand der Art zu sichern. "Viele Menschen möchten sich nur ungern damit abfinden, dass Menschen biologisch betrachtet immer noch Tiere sind." Der Rest ist Evolution. Männer können besser räumlich sehen (und deswegen besser rückwärts einparken), weil sie als Jäger die Bewegung der Tiere, die sie fangen oder erlegen wollten, erfassen mussten; Frauen dagegen können besser hören, weil ihr Gehirn darauf programmiert ist, "in der Nacht das Weinen eines Babys wahrzunehmen". Männer treiben sich am liebsten mit anderen Männern herum, gehen zusammen jagen oder zum Fußball, während Frauen sich lieber um das Haus und die Familie kümmern, wie sie es schon immer getan haben. Der Geschlechtstrieb der Männer ist deswegen stärker als der Geschlechtstrieb der Frauen, weil er dazu dient, "sicherzustellen, dass die Spezies Mensch nicht ausstirbt". Der Drang nach Promiskuität, nach viel Sex mit möglichst vielen Frauen, "ist fest im Gehirn des Mannes verankert und bildet ein Erbe seiner Evolutionsgeschichte". Auch der weibliche Geschlechtstrieb "hat sich vermutlich seit Jahrtausenden nicht verändert", bei einer modernen Frau unterscheidet er sich "wahrscheinlich kaum von dem ihrer Mutter oder Großmutter".

Allan und Barbara Pease, die seit 15 Jahren miteinander verheiratet sind und einige ihrer Bestseller gemeinsam geschrieben haben, sprechen von einem "genetischen Gedächtnis", das unser "Instinktverhalten" bestimmt: "Es ist ganz klar, dass die Tausende von Jahren, welche die Menschen in einer Höhle zugebracht haben, von der aus sie die Umgebung überwacht, ihr Territorium verteidigt und die unzähligen Probleme gelöst haben, vor die sie das Leben stellte, nicht unbemerkt an ihnen vorübergegangen sein können." Während sich also die sozialen Umstände völlig geändert haben, ist das "Instinktverhalten" gleich geblieben. Statt in einer Höhle mit einem Feuerplatz leben wir in vollklimatisierten Apartments, benutzen Mikrowellenherde und kommunizieren drahtlos miteinander.

Kam früher ein Mann von der Jagd nach Hause, bekam er etwas zu essen, setzte sich vor das Feuer, starrte in die Flammen und wollte dabei nicht gestört werden. Kommt er heute von der Arbeit heim, will er etwas essen und anschließend ungestört durch die Fernsehprogramme zappen. Das Fernsehen hat das offene Feuer ersetzt, das ist der kleine Unterschied.

Ist es wirklich so einfach, wie es sich anhört? Wahrscheinlich ja. Dafür sprechen nicht nur die vielen Studien und Beispiele, mit denen Allan und Barbara Pease ihre Behauptungen belegen, der beste Beweis dafür ist der Erfolg, den sie mit ihren Büchern haben. 16 Millionen verkaufte Exemplare weltweit, davon allein 5 Millionen in Deutschland. Natürlich kann man Quantität nicht mit Qualität gleichsetzen, aber man kann auch nicht Millionen von Menschen mit Räubergeschichten langweilen, die mit ihrem eigenen Leben nichts zu tun haben.

Der Erfolg von Pease & Pease dürfte sich nicht zuletzt aus ihrer einfachen, klaren Sprache erklären. "Männer wollen Sex, Frauen wollen Liebe" ist eine Aussage, der man zustimmen kann oder nicht, es führt aber kein Weg vorbei an der Erkenntnis, dass "die sexuellen Prioritäten von Frauen und Männern so verschieden" sind, dass es unsinnig wäre, sich "deswegen gegenseitig Vorwürfe zu machen". Vielleicht lässt sich die Natur des Menschen ändern (obwohl das Experiment mit dem Sozialismus dagegen spricht). Es würde nur einige Millionen Jahre dauern, bis die Evolution so weit wäre, dass die Männer sich nach romantischer Liebe sehnen und die Frauen nach Sex ohne emotionale Verwicklungen.

Bis dahin können die Frauen schon mal das Einparken üben und die Männer ums offene Feuer sitzen oder mit der Fernbedienung in der Hand die Welt erkunden. Und wenn die Männer dann doch aufgefordert werden, dem Kind die Windeln zu wechseln oder einfach mal lieb zu sein und eine Unterhaltung zu führen, können sie ohne schlechtes Gewissen antworten: "Geht nicht, Schatz, das ist in meinem genetischen Programm nicht drin!"