Lesezeichen: Handel mit Geist und Geld - DER SPIEGEL
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Lesezeichen Handel mit Geist und Geld

Große Verlage produzieren Bücher wie am Fließband, kleine gehen unter oder werden aufgekauft. Es gibt aber Zwerge, die sich gegen die Riesen behaupten, und Verleger, die nur solche Bücher machen, die sie selbst gern lesen. Und sie fahren gut damit.
Von Henryk M. Broder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eigentlich sollte Antje Kunstmann Lehrerin werden. "Das war damals der bürgerliche Beruf für ein Mädchen aus gutem Hause." Vor allem, wenn es in Bad Kissingen geboren wurde, eine Klosterschule besucht hatte und nicht wusste, was es eigentlich wollte. Also studierte Antje Kunstmann nach dem Abitur Pädagogik, Philosophie und auch ein wenig Soziologie. Sie las viel, aber von Betriebswirtschaft hatte sie keine Ahnung. "Jetzt weiß ich Bescheid."

Dass sie Verlegerin wurde, war der reine Zufall. "Ich wusste gar nicht, was ein Verleger macht, ich bin da reingerutscht." Während des Studiums jobbte sie in einem Verlag, der pädagogische und gesellschaftskritische Bücher machte, die im fortschrittlichen Milieu zur Pflichtlektüre gehörten, Titel wie "Zwischen Prostitution und Revolution - Die US-Negerin - Vorurteil und Realität" erschienen 1972. Da waren alle Reizbegriffe der Zeit eingearbeitet. "Nur Negerin würde man heute nicht mehr sagen, aber damals war es okay."

Es dauerte nicht lange, und Antje Kunstmann betreute im Raith-Verlag eine eigene Reihe: "Materialien zur Frauenemanzipation". Die Bücher verkauften sich gut, denn die Frauen wollten sich nicht nur emanzipieren, sie brauchten dazu auch eine theoretische Ausstattung. Nach nur vier Jahren als Lektorin und Herausgeberin machte sie sich selbständig. Sie gründete den Frauenbuchverlag, der eng mit dem Weismann Verlag kooperierte. Startkapital waren 20 000 Mark, die sie sich bei Freunden zusammengeliehen hatte. Das erste Buch war der Band "Frauen befreien sich - Bilder zur Geschichte der Frauenarbeit und Frauenbewegung".

Für werdende Mütter gab es den Bildband mit Geschichten, "Neun Monate". Er verkaufte sich 80 000-mal. "Das hatte was mit dem allgemeinen Aufbruch zu tun, und das Fernsehen war noch nicht so weit, wie es jetzt ist." Zwei weitere sehr beliebte Bücher aus jenen Tagen, die man noch heute in vielen Billy-Regalen findet, waren: "Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht" von E. A. Rauter, eine kritische Analyse der Nachrichtenvermittlung, und "Das Kinderbuch für kommende Revolutionäre" von Ernst Herhaus.

Seit 1990 steht Antje Kunstmann ganz auf eigenen Füßen. Der Verlag trägt ihren Namen und macht mit 25 bis 30 Titeln pro Jahr etwa 2,5 Millionen Euro Umsatz. Es ist einer der wenigen kleinen Verlage, die es geschafft haben, unabhängig zu bleiben. "Was heißt hier unabhängig?", sagt sie, inzwischen 55 und Mutter eines erwachsenen Sohnes. "Ich arbeite nicht für einen Konzern, dafür bin ich von den Banken abhängig, und denen ist unbedrucktes Papier lieber als bedrucktes." Jedes Buch bedeutet ein Risiko, eine ökonomische Gratwanderung. "Wenn wir wüssten, wie man Bestseller macht, würden wir nur Bestseller produzieren." Jeder Verleger handelt "zum Teil mit Geist, zum Teil mit Geld", wenn er Glück und Geschick hat, macht er einen Gewinn, wenn er Pech hat oder schlecht wirtschaftet, landet er in den roten Zahlen. So einfach ist das. "Für den Erfolg gibt es kein Rezept."

Aber vielleicht doch ein paar Voraussetzungen. Antje Kunstmann führt ihren Verlag wie eine Manufaktur, sie liest alle Manuskripte, bevor sie in die Produktion gehen, sie pflegt die Autoren, von deren Talent sie überzeugt ist - auch wenn sich deren Bücher nicht immer gut verkaufen. "Von Tim Parks haben wir sechs Titel gemacht, er hatte wunderbare Rezensionen, anfangs nur kleine Auflagen, etwa 2000 Stück pro Buch." Dann wurde "Schicksal" im "Literarischen Quartett" besprochen und "Doppelleben" von Elke Heidenreich vorgestellt. Und schon ging es mit Parks steil nach oben. Das freut natürlich die Verlegerin, obwohl sie weiß, dass das Verfahren nicht gerecht ist, weil viele gute Bücher auf der Strecke bleiben.

Vor zwei Jahren hat sie einen Bestseller verpasst, der zum Goldesel wurde. "Im Juli lag Michael Moores erstes Buch auf meinem Schreibtisch, es hätte in zwei Monaten produziert werden müssen, das hab ich mir nicht zugetraut." Antje Kunstmann gab das Manuskript dem Piper Verlag. "Rückblickend war das ein Fehler." Aber kein Unglück, das ihr noch immer zusetzen würde. "So etwas passiert jedem einmal." Denn auch sie hat einige solide Bestseller auf Lager: die zehn Bücher von Axel Hacke beispielsweise ("Der kleine Erziehungsberater", "Deutschlandalbum"). Eine große Fangemeinde kauft jedes Buch, auf dem "Axel Hacke" steht. Solche Autoren sind das Rückgrat des Verlags. Aber sie verkaufen sich nicht von allein.

"Es ist ein kompliziertes Gewerbe", sagt Kunstmann, "der Zufall spielt eine große Rolle, aber man muss einen Sinn fürs Geschäft haben, sonst wird daraus nichts." Optimal ist es, wenn "gute Bücher gut gehen", Titel wie "Das Weltwissen der Siebenjährigen" von Donata Elschenbroich und "Was gibt's Neues vom Krieg?" von Robert Bober. Sie habe mal ihren Verlegerkollegen Helmut Kindler gefragt, wie er seine Bücher kalkuliert. Worauf der erfahrene Profi antwortete: "Kalkulieren? Ich kalkuliere nicht. Ich bin doch ein Unternehmer!"

Ebenso wie Antje Kunstmann wollte auch Christoph Links nie Verleger werden. Allerdings nicht aus Unkenntnis des Gewerbes, sondern weil sein Vater Verlagsleiter war - beim Insel Verlag in Leipzig. "Er hatte immer zu tun, war wenig zu Hause, und wir Kinder hatten nicht viel von ihm." Links, 1954 in Caputh bei Potsdam geboren, machte Abitur, studierte Philosophie und Lateinamerikanistik und schrieb eine Diplomarbeit über den Militärreformprozess in Peru zwischen 1968 und 1975. Dann wollte er noch promovieren und hatte seine Doktorarbeit fast fertig, "da brach vor meiner Tür die Revolution aus, und das war viel aufregender als dieGeschichte der sandinistischen Revolution". Bis 1986 hatte Links bei der "Berliner Zeitung" als Lateinamerika-Redakteur gearbeitet, durfte auch mal nach Kuba und Nicaragua fahren, hat aber das eigentliche Südamerika nie gesehen.

Nachdem der Stasi seine Kontakte zur Dissidentenszene aufgefallen waren, musste er sich einen neuen Job suchen, er wurde Assistent der Geschäftsleitung im Aufbau-Verlag. "In dieser Zeit hab ich die Idee entwickelt, einen eigenen Verlag zu gründen. Ich wollte zeitkritische Bücher machen." Im Frühjahr 1989, also noch zur DDR-Zeit, stellte er einen Antrag an das Kulturministerium und wurde zu einem Gespräch mit Klaus Höpcke, dem für Literatur zuständigen stellvertretenden Kulturminister eingeladen. Höpcke machte ihm klar, dass es jenseits der 78 staatlich lizenzierten Verlage in der DDR weder Bedarf noch Papier für einen weiteren Verlag geben würde.

Der "Literaturminister" der DDR hatte freilich nicht damit gerechnet, dass kurz darauf kein Bedarf mehr für ihn und sein Ministerium sein sollte. Drei Wochen nach dem Fall der Mauer, am 1. Dezember 1989, wurde auch das reformierte Druckgenehmigungsverfahren abgeschafft, das bis dahin für jedes Buch gegolten hatte. Am selben Tag meldete Links ein Gewerbe an und saß vier Wochen später, Anfang Januar 1990, bei einem Notar, um mit 20 000 Ost-Mark und zwei Freunden eine GmbH nach DDR-Recht zu gründen. Damals, erinnert er sich, "schossen die Verlage wie Pilze aus dem Boden", über 200, von denen "heute höchstens 20 noch existieren". Es war Gründerzeit, "keiner wusste, wie lange es die DDR noch geben würde".

Auf der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 1990 schloss Links Lizenzverträge mit westdeutschen Verlagen ab. Im Sommer kam die Währungsunion. Damit hatte sich die Frage der Lizenzen für die DDR erledigt. "Wir waren nicht mehr einer der ersten unabhängigen Verlage der DDR, sondern der fünftausendste Kleinverlag in der Bundesrepublik. Da mussten wir uns rasant auf die neuen Verhältnisse umstellen." Schon deswegen, weil die 20 000 Ost-Mark Gründungskapital nur noch 10 000 West-Mark wert waren. Zur Frankfurter Messe 1990 erschien das erste Programm, neun Titel zur Geschichte der DDR und des Kommunismus ("Bittere Jahre am Polarkreis - Als Sozialdemokrat in Stalins Lagern"); finanziert wurde das verlegerische Abenteuer "mit einem Modell, das noch heute gilt". Die 30 stillen Teilhaber - inzwischen sind es 50 - legten je 5000 Mark ein, das ergab ein Startkapital von 150 000 Mark. "Das war nicht viel, damit musste man vorsichtig umgehen und konnte sich keine Dummheiten leisten."

Die Einlage wird "mit Büchern verzinst", jeder Teilhaber bekommt im Frühjahr und im Herbst alle Neuerscheinungen des Verlags zugeschickt. "Das ist des stillen Teilhabers Revenue." Und das Modell funktioniert. Christoph Links verlegt heute 25 bis 30 Bücher pro Jahr, beschäftigt 5 Mitarbeiter, macht knapp eine Million Euro Umsatz und schreibt seit der Gründung vor 15 Jahren konstant schwarze Zahlen. "Wir können uns keine Verluste leisten, dafür haben wir kein Geld." Manchmal wird hart am Limit gearbeitet. Es regiert "die kollektive Vernunft", was bedeutet, dass keine Tarifgehälter gezahlt werden.

Links spricht vom "Zwang zur Selbstausbeutung" und "einem Maß an Besessenheit", die ein Verleger haben muss, wenn er seine Ideen verwirklichen will. "Es ist ein Seiltanz, man braucht gute Nerven und ein stabiles persönliches Umfeld." Dafür gibt es eine immaterielle Belohnung, das "beglückende Gefühl, dass man mit Büchern ins gesellschaftliche Leben eingreifen und Debatten beeinflussen kann", wie etwa mit der Dokumentation über Schriftsteller und Staatssicherheit ("Sicherungsbereich Literatur") oder mit dem Buch zur CDU-Spendenaffäre: "Allein gegen Kohl, Kiep & Co.".

Von der "Chronik der Wende" wurden über 50 000 Exemplare verkauft. Inzwischen freilich weiß Links, dass er nicht nur Bücher zur Politik und Zeitgeschichte verlegen kann, wenn er erfolgreich bleiben will. Er hat deswegen eine neue Reihe gestartet, "Lebenswelten/Lebenshilfe", die, zwischen Aufklärung und Ratgeber, Themen aus dem Alltag verarbeitet: "Workaholics - Wenn Arbeit zur Sucht wird"; "Mein Mann liebt einen Mann - Wie Frauen das Coming-out ihres Partners bewältigen". Auch das, sagt Links, sei eine Gratwanderung. "Es gibt Dinge, bei denen man aus Gründen der Qualität sagen muss: Das mache ich nicht."

Wie die Biografie des amerikanischen Sängers Dean Reed, der in der DDR gelebt hat und 1986 Selbstmord beging, geschrieben von einem West-Berliner Journalisten, "der die Verhältnisse in der DDR nicht kennt und mit einer sehr fremden Sicht herangeht". Trotzdem oder deswegen "wird sich das Buch gut verkaufen", in einem anderen Verlag, der die Dinge anders sieht. Christoph Links gönnt den Kollegen den Erfolg. "Konjunkturritterei" sagt er, "war noch nie meine Stärke."