Erzählung Das Spiel
Der weltweite Kriegszustand, der die frühen Dekaden des 21. Jahrhunderts kennzeichnete, endete 2017 offiziell mit der Unterzeichnung der Friedensverträge von Vilnius. Die allseitige Erschöpfung nach mehr als zehn Jahren Aggression, nach den aufeinander folgenden Wellen von Ebola, Sars und Aids II und III, hatte die Verträge dringend nötig gemacht; kaum waren sie in Kraft, stellte sich eine Art psychischer Veränderung ein, und die Machthaber der Welt fanden ihre Bürger fest in der Gewalt einer manischen Friedensbereitschaft.
Die Frauen erhoben die Stimme zuerst, was niemanden mehr überraschte als sie selbst. Wie aus dem Nichts tauchten überall Friedenskandidaten auf - jedenfalls in den Ländern, die noch Wahlen abhielten - und gelobten das Ende von Präventivkriegen, Armeen und jeglichem Militarismus. Viele von ihnen wurden gewählt und hielten erstaunlicherweise ihre Wahlversprechen auch ein. Waffenfinanzierungsanträge wurden nicht länger automatisch genehmigt, für Entwicklungsländer rückte der gewohnte Einkauf neuer Waffensysteme in weite Ferne.
Die ökonomischen Auswirkungen der so entstandenen Exportverluste auf die Industrieländer schien die Begeisterung für den Frieden zunächst zu dämpfen, doch die Regierungen fanden neue Wege und investierten bald in den Bau von Krankenhäusern, Straßen und Schulen, wodurch sie Hunderttausende verlorener Jobs auffingen. Mit der Weltwirtschaft ging es aufwärts, die multinationalen Unternehmen arrangierten sich schrittweise mit dem drohenden Frieden und rüsteten um, wenn auch widerwillig: Halliburton spezialisierte sich auf medizinische Versorgung und die Herstellung von Rollstühlen und Prothesen, Beretta nahm die Produktion von Küchengeräten auf, und selbst Bell Helicopter knickte vor dem Unvermeidlichen ein und begann, CAT-Scanner und Kernspintomografen herzustellen.
Nach und nach erholten sich die Industrieländer, und die durch das Ausbleiben kriegerischer Handlungen bewirkte Stabilität minderte die Risiken eines Aktienmarkts, der unvermittelt zwischen Hoch und Tief schwanken konnte.
Manch einer glaubte, im Großen und Ganzen sei das Leben besser geworden, doch schon 2021 konnten Psychologen, Psychiater und Soziologen erkennen, dass vielen etwas Lebenswichtiges abging. Soziales Fehlverhalten griff um sich: Bis 2032 waren, vor allem in Nordamerika und der Europäischen Gemeinschaft, die Statistiken für Gewaltkriminalität derart hochgeschnellt, dass die einzelnen Regierungen, später auch die seit 2026 bestehende Gesamtregierung, sich endlich eingestehen mussten, dass irgendetwas gründlich im Argen lag.
Gleichzeitig mit dem steigenden Trend zu Gewaltverbrechen - Mord, Vergewaltigung, Körperverletzung -, stieg die Selbstmordrate, namentlich bei Männern zwischen 16 und 33 Jahren, bis sie schließlich höher lag als im letzten großen Frieden. Die Ursache für das soziale Fehlverhalten wurde erstmals im März 2028 in einem Beitrag in "The Lancet" thematisiert, unter dem Titel "Genetische Indikatoren für unterdrückte und nicht unterdrückte Gewalt bei jungen, männlichen Weißen". Er wirbelte so viel Staub auf, wie das ein Beitrag in einer medizinischen Fachzeitschrift überhaupt nur kann: Noch in derselben Woche erschienen unterschiedliche Versionen des Berichts als Aufmacher in SPIEGEL, "Time" und "The Spectator".
Der Autor, Dr. Philip McCreedy, beratender Genetiker von St. Mary im Bethlehem Hospital in London, führte aus, das Phänomen, das er "Chromolenz" nannte und das sich in heftigen Angriffen auf Fremde, Freunde und die eigene Person äußerte, könne das physische Symptom neurologischer Spannungen sein, die durch ungewöhnlich hohe Testosteronspiegel bei bestimmten Männern mit einer gemeinsamen Chromosomen-Anordnung entstünden. Das Erkennungsmerkmal bei diesen Männern war eine nachweisbare Chromosomen-Missbildung, die man bisher mit Epilepsie und Hammerzehen in Verbindung gebracht hatte.
Wie so oft legten die großen Blätter das wissenschaftliche Material falsch aus, und bald gab es eine Vielzahl von Zeitungsartikeln, denen zufolge Männer mit dieser Chromosomen-Anordnung mehr oder minder zu einem Leben in Gewalt verdammt waren. Kurz nach dem Abdruck des Beitrags in "The Lancet" veröffentlichten Genetiker in Lettland und Ungarn die Ergebnisse einer Studie, die besagten, dass auch gewisse andere Chromosomen-Anordnungen mit erhöhtem Gewaltverhalten einhergingen. Die McCreedy-Theorie, wie der in dem Originalbericht vorgetragene Gedanke bald genannt wurde, diente als theoretisches Gerüst für eine wachsende Sammlung von Arbeiten über Genstrukturen, die allem Anschein nach mit einem hohen Aufkommen von Gewaltverhalten zusammenhingen.
Eine dreijährige Studie des Bethesda Military Hospital in Maryland lieferte 2030 schließlich den überzeugenden Nachweis für eine Verbindung zwischen zwölf Chromosomen-Abweichungen und Gewaltverhalten.
Zur gleichen Zeit, als die Meldungen über die männlichen Weißen und ihr künftiges Leben in Gewalt herauskamen, durchlebten Afrika, Asien und der Mittlere Osten ausgreifende, katastrophale Veränderungen, vor allem Hitze und Dürre, die gewaltige Acker- und Weideflächen unfruchtbar machten und Binnenwirtschaften ruinierten. Die wild lebende Tierwelt wurde zerstört, was den Tourismus zum Erliegen brachte und die angeschlagenen Volkswirtschaften weiter schädigte. Der ökonomische Graben zwischen den entwickelten und den unterentwickelten Ländern wurde breiter und tiefer.
Enrique Pettinger, Präsident von Gabun und Absolvent der Universität Heidelberg, erkannte als Erster, dass ein Zusammenhang bestehen musste zwischen der wachsenden Gewalt in den Herkunftsländern der Touristen und dem drastischen Verlust an touristischen Bewegungsmöglichkeiten. Was ihn auf den Gedanken brachte, war die Erinnerung an ein unter seinen einstigen Kommilitonen beliebtes Spiel. Pettinger entwickelte als Konsequenz aus beiden Phänomenen etwas, was bald darauf "Das Spiel" genannt wurde. Ein erstes Match fand am 3. März 2032 im Libreville Game Park statt, als sechs Belgier gegen sechs Portugiesen antraten.
Die Frühgeschichte des Spiels bleibt angesichts des halb legalen Status seiner Anfangsjahre geheimnisumwittert. Die Spieler konnten keine eigenen Waffen mitbringen, denn die damaligen Gesetze untersagten es Privatpersonen, Waffen von einem Land in ein anderes zu bringen, und Fluggesellschaften akzeptierten keinen Koffer, der Waffen enthielt. Also mussten die ersten Teams sich mit Kampfmitteln begnügen, die in den Gastländern erworben wurden - seinerzeit eine sichere Garantie für hohe Preise und schlechte Qualität. Gebrauchte Kalaschnikows, organisiert auf dem Basar, zu dem Osteuropa und später Zentralasien verkümmert waren, erwiesen sich als treue Diener unter den Waffen jener frühen Jahre, ebenso wie die Luger-Pistole und das beliebte Sturmgewehr M16.
Ähnlich den wechselnden Regeln, die - wenn überhaupt - für Basketball auf Schulhöfen gelten, waren die Regeln im Frühstadium des Spiels variabel und richteten sich zwanglos nach Bewaffnung oder Spielstärke der verschiedenen Spieler. Wenn eine Gruppe von Polizisten oder entlassenen Soldaten ehemaliger Streitkräfte den Wettkampf suchte, durfte sie erst dann geschlossen antreten, wenn die Gegenseite ebenso viele ehemalige Kriegsexperten aufwies. Natürlich änderte sich das, als 2036 die Anerkennung des Europäischen Sportbundes zu einer Festschreibung der Regeln führte, wie sie überwiegend noch heute den internationalen Wettkampf bestimmen.
Die Form des Spiels, mit der wir heute vertraut sind, stellt sich so dar: Die Teams müssen gleich groß und von gleicher Stärke und Feuerkraft sein, es darf keine unnötige Gewalt gegen Staatsangehörige eines Gastlandes geben, Gefangene der Gegenseite dürfen nicht schärfer gefoltert werden, als diese ihrerseits gefoltert hat, die Leichen gegnerischer Team-Mitglieder sind mit Respekt zu behandeln und an ihre Heimatländer zurückzugeben. Weitere Erklärungen wären pedantisch, darf man doch als gegeben annehmen, dass diese Regeln heutzutage einen wesentlichen Teil des kulturellen Rüstzeugs aller Bürger der westlichen Welt bilden.
In seriösen anthropologischen oder soziologischen Abhandlungen über "Das Spiel" bleiben bisweilen die Vorteile unerwähnt, die es nicht nur dem Heimatland, sondern auch dem Gastland bringt. Man bedenke allein die Auswirkungen auf ein Gastland wie Mosambik. Nach den Verheerungen zu Anfang des Jahrhunderts war dort das jährliche Durchschnittseinkommen auf unter dreihundert Dollar gefallen. Das war der Stand von 2038, als Mosambik sein erstes Spiel ausrichtete. Das Land, das stellenweise noch dicht bewaldet war (und es dank des Interesses an dem Spiel auch bleibt - ein in afrikanischen Staaten, die nicht als Gastländer dienen, nie dagewesener ökologischer Triumph), war ein idealer Austragungsort für den Sport; in jedem Jahr nach der Einführung stieg das Pro-Kopf-Einkommen um durchschnittlich 8,34 Prozent.
Die Spieler bringen enormen Reichtum in die Gastländer, da sie Kost und Logis brauchen, während sie darauf warten, dass es losgeht. Auch ihre legendären sexuellen Bedürfnisse kurbeln die Wirtschaft der Gastländer an. Einheimische Firmen arrangieren Inlandsreisen, zudem stärkt der Ersatzbedarf an Waffen und Munition die regionale Wirtschaft. Die generell höheren Ansprüche von Bürgern der westlichen Welt an das Gesundheitswesen hatten einen ausgesprochen günstigen Einfluss auf die Krankenhausversorgung vieler Gastländer. Man denke nur an eine Heilstätte wie die Donald Rumsfeld Casualty Clinic in Kinshasa, um zu verstehen, wie schnell Binnenwirtschaften auf neue Forderungen reagieren und davon profitieren. Die Tatsache, dass nun auch Eingeborene Aufnahme in der Klinik finden, ist beispielhaft für die sozial erfreulichen Nebeneffekte des Spiels.
Zudem wurde das Gewaltverbrechen in den Gastländern praktisch ausgemerzt, da alle Männer, die derartiger Taten überführt sind, routinemäßig dazu verurteilt werden, als "Unbewaffnete Gegner" an den ersten Runden der Übungsspiele teilzunehmen. Die finden statt, während ein Team auf die Ankunft seiner Gegner wartet, und tragen dazu bei, die Wettkämpfer mit den örtlichen Gegebenheiten und Wetterbedingungen vertraut zu machen. Im Falle von vorzeitiger Vernichtung können die Delinquenten bisweilen auch bewaffnet und als Ersatzteams aufgestellt werden.
Darüber hinaus steht der soziale Nutzen für die Länder, aus denen Spieler und Teams stammen, außer Frage. Schnell erkannte man den Reiz, den das Spiel auf Männer mit dem McCreedy-Gen ausübte: Tatsächlich waren die meisten Mitglieder der ersten Teams vorbestraft, und mehr als 80 Prozent von ihnen wiesen eine oder mehrere der verdächtigen Chromosomen-Gruppierungen auf. Der Wettkampf entfernte sie wirksam aus der Gesellschaft, zunächst für die Dauer des Spiels. Vielfach eliminierte er sie auch dauerhaft aus dem sozialen Gen-Pool.
Wie alle Leser wissen, regte sich ursprünglich Widerstand gegen das Spiel, vor allem bei religiösen Organisationen, und auch in der breiten Öffentlichkeit herrschte in der Anfangszeit merkliches Unbehagen über die offensichtliche Rückkehr zu planmäßiger Gewalt. Kaum jedoch wurden die finanziellen Vorteile deutlich, endete der Protest, und die übliche Neugierde und Begeisterung nahmen zu.
Schon bald begann sich die allgemeine Einstellung den Spielern gegenüber zu verändern: Sie galten nicht länger als Männer mit abweichendem Charakter, sondern als Wettkämpfer und Athleten. Man denke nur an den Kultstatus, den ein Wettkampfteilnehmer wie Philip Givens erlangte, oder an die nachfolgende politische Karriere von Mac Bennett, um zu erkennen, wie schnell und umfassend das Image des Spiels sich in der öffentlichen Wahrnehmung wandelte. Dies führte erst zu vermehrter privater Unterstützung für einzelne Teams und dann zum Aufstieg des Spiels in die Riege der Sportarten, die am meisten von Werbeeinkünften profitierten.
Anfänglich traf das Gesuch auf staatliche, steuersubventionierte Patenschaften für Spielteams noch auf eine gewisse Ablehnung. Die löste sich aber nach den inzwischen legendären Sahara-Spielen von 2041 auf, als das gesamte griechische Team von 27 Mann bei einem Nachtangriff nahe Al Wadi'am vom US-Team aufgerieben wurde. Die durch diesen Sieg ausgelöste Welle nationalistischer Gefühle fegte jeden Protest gegen Steuergeschenke hinweg. Nur zwei Jahre später ging beim Olympische Komitee ein förmlicher Antrag auf Zulassung des Spiels ein.
AUS DEM ENGLISCHEN VON ILSE LANGE-HENCKEL