Sachbücher: Demagoge der Angst - DER SPIEGEL
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Sachbücher Demagoge der Angst

Samuel Huntington preist in seinem neuen Buch "Who are we ­ Die Krise der amerikanischen Identität" das weiße, protestantische Amerika ­ und warnt vor der nationalen Bedrohung durch mexikanische Einwanderer.
Von Carolin Emcke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man durfte gespannt sein, womit Samuel Huntington als Nächstes Unruhe stiften würde. Schließlich ist der Harvard-Professor, dessen steile Thesen viele seiner akademischen Kollegen schaudern lassen, mindestens alle paar Jahre für eine Provokation gut. Schon 1986/1987 weigerte sich die ehrwürdige National Academy of Sciences, ihn als Mitglied aufzunehmen, nachdem er das rassistische Südafrika als "zufriedene Gesellschaft" gepriesen hatte. Und spätestens seitdem er mit seinem berühmtberüchtigten Titel "The clash of civilizations" 1996 den "Kampf der Kulturen" ausgerufen hatte, galt er als Propagandist eines neokonservativen Amerika, das sich von Feinden umzingelt wähnt. In Huntingtons Schreckensvision verliefen die Konflikte des neuen Jahrtausends nicht entlang politischer oder ökonomischer, sondern entlang kulturell-religiöser Grenzen. Vor allem die islamische Welt stellte er pauschal als Gefahr für den Frieden dar.

Nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 erschien die fragwürdige Parole vom "Kampf der Kulturen" plötzlich als griffige Erklärung für das kaum Begreifliche. Das Buch wurde fünf Jahre nach seinem Erscheinen zum Bestseller. Viele Kommentatoren sahen Huntingtons Angstszenario vom Islam, der die globale Stabilität bedroht, bestätigt. Andere hingegen attackierten den Autor als geistigen Wegbereiter einer rhetorischen Konfliktverschärfung.

Nun eröffnet er eine weitere Front. "Who are we?", fragt er im Titel des neuen Buchs und verkündet "Die Krise der amerikanischen Identität".

Diesmal sieht der Politologe das weiße Amerika der anglo-protestantischen Kultur in Gefahr. Auf gut 500 Seiten warnt er davor, dass mexikanische Einwanderer die Sicherheit der Vereinigten Staaten von Amerika bedrohten.

"Dieses Buch ist von meinen eigenen Identitäten als Patriot und Wissenschaftler geprägt", schreibt er im Vorwort der deutschen Ausgabe. "Patriotismus und Wissenschaftlichkeit können allerdings in Widerspruch geraten ... ich muss den Leser warnen, dass Auswahl und Präsentation meines Materials durchaus von meinem patriotischen Wunsch beeinflusst werden könnten, in der Vergangenheit und in der möglichen Zukunft Amerikas Sinn und Tugend zu finden."

Vermutlich ist dieses Eingeständnis der eigenen Voreingenommenheit noch die ehrlichste Passage im Buch. Der Rest des Werks versammelt fragwürdige Daten, einseitige Interpretationen, Umdeutungen der amerikanischen Geschichte, ungebremstes Ressentiment gegen Latinos und misanthropische Tiraden. Die Sehnsucht nach einem weißen, protestantischen Amerika, geeint im christlichen Glauben, lässt Huntington blind werden für historische Fakten und empirische Daten der Gegenwart.

Das Land, dessen Freiheitsstatue als nationales Symbol die Einwanderer aus aller Welt empfängt, steht in Huntingtons Analyse für eine rein angelsächsische Nation mit protestantischem Erbe. Von dem schreibenden Nationalisten erwartet schon niemand mehr, dass er das Schicksal der Ureinwohner oder der schwarzen Opfer des Sklavenhandels mitverhandelt und ihre Nachfahren als gleichwertige Amerikaner behandelt. Aber dass die französischen, russischen, italienischen Einflüsse als gleichsam unamerikanisch abgewertet werden, überrascht doch: "Wäre Amerika so, wie es heute ist, wenn es im 17. Jahrhundert und 18. Jahrhundert nicht von britischen Protestanten besiedelt worden wäre, sondern von französischen, spanischen oder portugiesischen Katholiken?", fragt Huntington, "Die Antwort lautet nein. Das Ergebnis wäre nicht Amerika, sondern Québec, Mexiko oder Brasilien."

Die Entwicklung im 19. oder gar 20. Jahrhundert mit ihren osteuropäischen und asiatischen Einwanderern, denen die amerikanische Kultur- und Wissenschaftselite zahlreiche ihrer führenden Köpfe verdankt, blendet Huntington einfach aus. Auch das multikulturelle Ideal des amerikanischen "melting pot", des Schmelztiegels, in dem verschiedene kulturelle und ethnische Traditionen gleichwertig miteinander aufgehen in ihrer neuen amerikanische Identität, bestreitet Huntington. Für ihn stellt sich das echte Amerika allein als eine Geschichte der Assimilation an die angelsächsische Kultur dar.

Im Kapitel fünf wendet sich der Verfasser "Religion und Christentum" zu und deutet die amerikanische Verfassungsgeschichte um: "Die Amerikaner waren ihre Geschichte hindurch ein sehr religiöses, in der überwältigenden Mehrheit christliches Volk", schreibt Huntington - als wenn die religiöse Konfession der Gründungsväter quasi als genetische Blaupause für spätere Generationen zu

gelten habe. Gegen Huntington sprechen vor allem die politischen Überzeugungen der von ihm so verehrten Gründungsväter selbst: Ausdrücklich schrieben sie keine religiösen Bezüge in die Verfassung. Vielmehr begründet der erste Verfassungszusatz die Vereinigten Staaten als eindeutig säkulares Land, in dem keine Nationalkirche dominieren soll.

In den Kapiteln sieben bis zehn widmet sich der Autor dem, was er als neue Gefahren für die amerikanische Identität ausmalt. Von "Angriffen" ist die Rede, von "nationaler Sicherheit", von "Eroberung" - Huntington rüstet wieder einmal zum rhetorischen Feldzug. Diesmal geht es gegen einen Feind, der sein geliebtes weißes, protestantisches Amerika vermeintlich von innen heraus zersetzt: die mexikanischen Einwanderer. "In der heutigen Situation stellt die Immigration die größte Bedrohung für die gesellschaftsbezogene Sicherheit von Nationen dar", schreibt Huntington.

Und dann stilisiert er ausgerechnet die mexikanischen Einwanderer zur nationalen Gefahr hoch, obwohl George W. Bush gerade diese Volksgruppe als so friedliebend und patriotisch gepriesen hat - könnten doch ihre Stimmen bei der bevorstehenden Präsidentschaftswahl den Ausschlag geben. Wo Huntington nicht schlichte Vorurteile verbreitet, argumentiert er methodisch fahrlässig. So sieht er die Einheit des Landes von den Sprachschwierigkeiten der Latinos bedroht - als belegten nicht sämtliche Studien über Migranten, dass es stets ein bis zwei Generationen dauert, bis die Sprachhürde in der neuen Heimat genommen ist. Huntington aber vergleicht die Sprachbeherrschung von europäischen Einwanderern der zweiten oder dritten Generation mit der von mexikanischen Neueinwanderern. Laut Huntington treiben mexikanische Einwanderer einen Keil in die amerikanischen Gesellschaft. Ihre Loyalität binde sie nach wie vor an Mexiko, nicht an die Vereinigten Staaten, behauptet er. Die Wirklichkeit sieht anders aus: In einer gemeinsamen Umfrage der "New York Times" und des Nachrichtensenders CBS antworteten sogar fast 70 Prozent der nicht in den USA geborenen Latinos, sie identifizierten sich mehr mit den Vereinigten Staaten als mit ihren Heimatländern. Über die Hälfte der Befragten gab an, sie verfolgten die englischsprachigen Programme im Fernsehen und nicht die vielen spanischsprachigen.

Zur Widerlegung von Huntingtons Unterstellung, es mangele den Latinos an Loyalität zu ihrer neuen Heimat, genügt der Hinweis auf den überproportional hohen Anteil legaler und sogar illegaler Einwanderer aus Mexiko, die sich freiwillig zur US-Armee gemeldet haben. Unter den Opfern des amerikanischen Irak-Feldzugs sind überdurchschnittlich viele Latinos. Und möglicherweise ist es Huntington entgangen, dass der frühere Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Irak ebenfalls einen verdächtig spanisch klingenden Namen trägt: General Ricardo Sanchez.

Im Abschlusskapitel über die Zukunft einer zu erneuernden amerikanischen Identität entblößt Huntingtons Nationalismus vollends seinen rassistischen Urgrund: Der Autor prophezeit die spontane Entstehung "exklusivistischer" Bewegungen, die zur Abwehr angeblicher Angriffe auf die amerikanische Identität greifen würden; er bezeichnet das mit dem obskuren Begriff "weißer Nativismus". Diese Bewegungen "könnten einen rassischen und einen kulturellen Antrieb haben, und sie könnten sich gegen Hispanics, gegen Schwarze und gegen Zuwanderer richten."

Der Konjunktiv scheint noch eine gewisse Distanz des Autors zu solchen "exklusivistischen" Bewegungen zu signalisieren. Der Schein trügt. Denn schon im nächsten Satz versichert Huntington, solche Bewegungen stünden in der ehrwürdigsten Tradition Amerikas. "Sie wären die Erben der zahlreichen, exklusivistischen rassischen und fremdenfeindlichen Bewegungen, die in der Vergangenheit dazu beigetragen haben, die amerikanische Identität zu definieren."

So wird Rassismus hoffähig gemacht.