Sachbücher Die letzte Chance
Der historische Umschwung nach Ende des Kalten Krieges hat nicht nur die geopolitischen Koordinaten global verschoben, sondern zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch eine zerklüftete Landschaft geschaffen. Aus ihr ragt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als alleinige Supermacht Amerika heraus, den potenziellen Rivalen China fest im Blick. Europa aber, der traditionelle Alliierte, hat für Washington an Bedeutung immens verloren, zumal seit den Verwerfungen während der Irak-Krise, welche diese Partnerschaft vergifteten. Einige Wunden sind da noch lange nicht vernarbt.
Dabei steht die Welt, so der britische Zeitgeschichtler Timothy Garton Ash in einem flammenden Plädoyer, vor einer dramatischen Zäsur, die Amerika und Europa als Verfechter gemeinsamer Werte geradezu die Pflicht zur Zusammenarbeit auferlegt. Der alte atlantikzentrierte Westen, der diesen Globus etwa seit dem Jahr 1500 dominierte, dürfte in dieser Rolle angesichts der Dynamik Asiens und des Aufstiegs des Fernen Ostens bestenfalls noch 20 Jahre agieren. Auch aus diesem Grunde wäre es dumm, wenn Europäer und Amerikaner weitere wertvolle Zeit "mit Gezänk" vergeuden. Denn beiden, orakelt der Brite, bietet sich wohl auf längere Sicht "die letzte Chance, die Weichen der Weltpolitik zu stellen".
Der Analytiker aus Oxford outet sich als "nüchterner Europa-Patriot". Dass Timothy Garton Ash Europa, diesen "facettenreichen, farbenprächtigen Flickenteppich, der nirgends auf Erden seinesgleichen findet", wirklich kennt, bewies er in zahlreichen Essays und Veröffentlichungen, die zu lesen sich stets lohnte. Sein neues Buch "Freie Welt" ist ebenfalls klug und kenntnisreich, aber mit seinem gelegentlichen Pathos etwas nervig. "Wenn wir frei sind, können wir gemeinsam mit anderen freien Menschen auf eine freie Welt hinarbeiten", erklingt schon im ersten Satz das Leitmotiv eines leidenschaftlichen Manifests für die noch "nie dagewesene Chance einer fortschreitenden Erweiterung menschlicher Freiheit". Das könnte von der neokonservativen Truppe der Bush-Kreuzzügler stammen, mit deren Triumphalismus der Autor freilich nichts im Sinn hat. Doch auch der britische Premier Tony Blair schmettert bisweilen derartige Töne, und diesem Weltmissionar fühlt Garton Ash sich offensichtlich verbunden.
Freilich mit Einschränkungen. So sieht er mit den Turbulenzen um den Irak-Krieg Blairs "Brückenprojekt" zerborsten, enge Bindungen zu Amerika zu pflegen und zugleich ganz in Europa zu sein. Verheerend sei die Spaltung jener vier Länder gewesen, die den Kern der Geschichte des modernen Westens bilden: Die größte und die siebtgrößte Wirtschaftsnation der Welt (Amerika und Großbritannien) stellten sich in der Irak-Frage gegen die viert- und fünftgrößte (Deutschland und Frankreich), so dass man sich ein wenig an George Orwells 1984-Vision von den feindlichen Blöcken Oceania und Eurasia erinnert fühlte. Europas Atlantizisten jeglicher Provenienz hätten dabei auf Blair geschaut, die Gegner amerikanischer Hegemonie und Anhänger einer rivalisierenden europäischen Supermacht währenddessen den Blick auf den französischen Präsidenten Jacques Chirac und dessen Doktrin von der Multipolarität gerichtet.
Der Blairschen Vermittlungsdiplomatie gelang es nicht, die Krise des Westens abzuwenden. Sie mag zudem an einem Hauch von Hybris gescheitert sein, der als Berufskrankheit aller Mächtigen auch Londons Premier umwehe. "Warum sollte ein deutscher Kanzler den Umweg über Großbritannien nehmen, wenn er mit Washington reden will?", räsoniert Garton Ash und mokiert sich über die "Überheblichkeit" des Brückenanspruchs. Sie sei charakteristisch für eine bestimmte britische Weltsicht, ihre Fixierung auf Führerschaft. Blair stehe hier als Erbe Churchills in der Tradition eines halben Jahrhunderts britischer Ambivalenz gegenüber dem Projekt Europa und der Sehsucht nach einer Sonderrolle bei dem Versuch, "den schwindenden Einfluss einer ehemaligen Weltmacht so weit wie möglich aufrechtzuerhalten".
Das kann man so sehen, viele Kontinentaleuropäer jedenfalls sehen es so. Von denen indes hält Garton Ash auch herzlich wenig. Vor allem, wenn sie wie einige Politiker oder Philosophen davon träumen, ein Gegengewicht zu den USA mit dem Herausstellen einer eigenen europäischen Identität schaffen zu wollen, welche etwa Unterscheidungsmerkmale und Wertedifferenzen wie soziale Gerechtigkeit, Solidarität, nein zur Todesstrafe, Umweltschutz, internationale Gesetzgebung oder Multilateralität plakativ hervorhebt. Nach Meinung des Oxforder Historikers wäre es nachgerade "töricht, würde Europa das Ziel einer Supermacht anstreben, die es mit dem Goliath Amerika aufnehmen wollte".
Ein solcher Weg, glaubt Garton Ash, müsste auch die erweiterte Europäische Union spalten. London sähe sich womöglich in eine Art Subversionsrolle gedrängt, sollten Paris und Berlin weiterhin den Ton angeben und als Stoßtrupp voranpreschen: "Solange nicht mindestens ein Trio daraus wird, könnte Großbritannien fortfahren, jeweils ad hoc andere Bündnisse zu schmieden, etwa mit Spanien, Polen oder Italien. Dann wäre Europa eher zwischen zwei Magnetpolen gespalten, als sich um einen Kern zu sammeln."
In diesem Fall jedoch, so ließe sich argumentieren, wäre London dem Verdacht ausgesetzt, als das Trojanische Pferd Washingtons in Europa aufzutreten, zumal den Vereinigten Staaten nach dem Verschwinden des Sowjetimperiums, wie Garton Ash an anderer Stelle einräumt, ohnehin der Enthusiasmus zur Unterstützung der europäischen Integration abhanden gekommen ist. Und bestätigt würde überdies, was der Autor "Churchills Erbe" nennt: "Das unzweideutige Eintreten für die Vereinigten Staaten und das zweideutige Eintreten für Europa."
Es sei Deutschland gewesen, "Europas wahrer Dreh- und Angelpunkt", notiert der Zeitgeschichtler, das in der Irak-Frage den entscheidenden Ausschlag gab für die Bildung der Antikriegsachse Paris-Berlin-Moskau. Die "extreme Sprunghaftigkeit der Meinungsbildung von Europas Zentralmacht", die Abkehr von Amerika macht Garton Ash betroffen, und er sieht das erweiterte Europa in einer großen Auseinandersetzung zwischen Euro-Gaullismus und Euro-Atlantizismus entbrannt: "Das ist die Auseinandersetzung dieser Dekade. Von ihrem Ausgang hängt die Zukunft des Westens ab."
Paris und London bilden die Gegenpole in diesem zerrissenen Europa - Folge einer jahrhundertelangen Rivalität zwischen England und Frankreich, "vielleicht der älteste anhaltende Völkerkonflikt der Weltgeschichte". Seinen Landsleuten rät der Brite zum "historischen Kompromiss mit dem Erzfeind". Hier müsse Berlin die Rolle eines ehrlichen Vermittlers zwischen Franzosen und Briten spielen und für ein neues Einverständnis sorgen. Schwer vorstellbar jedenfalls, dass die zukünftige Europäische Union mit etwa 40 Demokratien und 650 Millionen Menschen im Weltgeschehen eine glaubwürdige Position vertreten kann, solange Paris und London gegeneinander wirken.
Und dieses Europa, das ist Garton Ashs entschiedenes Credo, wird dringend gebraucht, um als Mitglied ein und derselben Großfamilie mit Amerika den Aufbau einer freien Welt voll liberaler Demokratien zu betreiben. Globale Herausforderungen wie die drohende Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, ein Krieg gegen die Armut, die Befriedung des Nahen Ostens und die Begleitung des kontrollierten Aufstiegs des Fernen Ostens könnten nur von Amerika und Europa gemeinsam bewältigt werden, "die zusammen über den Löwenanteil der irdischen wirtschaftlichen und militärischen Macht verfügen".
Was sie davon dann auch abzutreten bereit sind, steht freilich in den Sternen. Zudem dürften viele der von dieser Westoffensive Beglückten diesen Plan als puren Neo-Kolonialismus empfinden. Der Autor fordert im Schlusskapitel ein Manifest gegen "die Herrschenden" und skizziert ein Programm für eine bessere Welt mit Abschaffung der Agrarsubventionen, Öffnung der Märkte, "simultanen Demonstrationszügen im gesamten Neuen Westen, um für einen Freihandel einzutreten".
Da bricht der Gutmensch durch in Timothy Garton Ash, doch das ist im Prinzip ja kein schlechter Wesenszug.