Sachbücher Schöne bunte Großmachtideen
Haben wir den europäischen Traum nicht schon länger geträumt? Zum Beispiel immer dann, wenn wir Ärger mit dem großen Bruder hatten: War es etwa nicht ärgerlich, wenn Clintons krachlederne Außenministerin, die in die USA vertriebene gebürtige Tschechin Madeleine Albright, ihre neue Heimat zur "unverzichtbaren Nation" erklärte. Was waren wir denn? Wir Deutschen? Wir Europäer? Verzichtbar?
Und kam es nicht mit George W. ganz knüppeldick: Kyoto, Internationaler Strafgerichtshof, Recht auf Präventivschlag, alles Anmaßungen, mit denen Amerika den europäischen Zwergen zu sagen schien: Ihr könnt mich mal? Könnte es nicht, nein, müsste es nicht ein gewichtigeres Europa geben, um solcher Arroganz Grenzen zu setzen?
Und als dann mitten in den Vorbereitungen zum Irak-Krieg die vom Traum eines neuen US-Imperiums besoffenen Washingtoner Neocons höhnten, die Amerikaner kämen vom Mars, die Europäer von der Venus, haben wir alten Europäer da nicht gedacht: Und wenn's so wäre? Wär das denn schlecht?
Nein, keineswegs, sagt jetzt ein Amerikaner, der die Europäer auffordert, bei der Entwicklung ihres Kontinents nur mutig Kurs zu halten. Denn: Die Zeit des amerikanischen Traums neige sich dem Ende zu, der Weltgeist, darunter tut's der unablässig produzierende Washingtoner Autor Jeremy Rifkin, 59, nicht, sei wieder ein Europäer.
Ein schöner Traum, den der Berater des scheidenden europäischen Kommissionspräsidenten Romano Prodi da malt. Europa gehöre die Zukunft, weil der alte Kontinent über die zeitgemäßeren Prioritäten verfüge. Er stelle "Gemeinschaftsbeziehungen über individuelle Autonomie, kulturelle Vielfalt über Assimilisation, Lebensqualität über die Anhäufung von Reichtum, nachhaltige Entwicklung über unbegrenztes Wachstum, spielerische Entfaltung über ständige Plackerei, universelle Menschenrechte und die Rechte der Natur über Eigentumsrechte und globale Zusammenarbeit über einseitige Machtausübung".
Und - denkt der gerührte Leser unwillkürlich - wenn dann noch, bitte schön, Joschka Fischer der Außenminister diese Utopia sein dürfte, lebten wir dann nicht in der besten aller Welten?
Es ist leicht, sich über dieses Buch lustig zu machen. Es gibt ganze Passagen über die grandiose Zukunft Europas, bei denen man dem Autor empfehlen möchte, er möge bitte, nur so als Realitäts-Check, den Hartz-IV-Fragebogen ausfüllen, um zu lernen, nach welchen Kriterien in Europa derzeit der Arbeitsmarkt reformiert wird. Spielerische Entfaltung über ständige Plackerei? Als Rezept für den Standort Deutschland? Lächerlich.
Und doch, und doch: Rifkin hat ja Recht, dass Amerika, dieses entwicklungsgehemmte Kind der europäischen Aufklärung, es nie geschafft hat, seinen Kult um den liberalen Individualismus auszubalancieren mit einer wie auch immer gearteten sozialdemokratischen Tradition, die die meisten westeuropäischen Länder geprägt hat. Über viele Kapitel liest sich das Buch wie eine Kulturgeschichte über die Auseinanderentwicklung der Gesellschaftssysteme auf beiden Seiten des Atlantiks, obendrein ist es auch noch spannend. Auch richtig: Der amerikanische Traum, der uns noch in seinen Werbebotschaften etwa von der großen Freiheit im Marlboro-Country ans Herz gewachsen ist, steckt in zentralen Bereichen wirklich in der Sackgasse, beispielsweise in seiner fast fundamentalistischen Religiosität, in seiner immer ungleicheren Einkommensverteilung oder in der zynischen Umweltmissachtung.
Und warum sollte Europa denn nicht ins Feld führen, so Rifkin, dass sein Bruttosozialprodukt inzwischen das der USA um 100 Milliarden Dollar übersteigt, dass die EU mit 455 Millionen Verbrauchern über den größten Binnenmarkt der Welt verfügt, dass der Euro stärker ist als der Dollar, dass 14 der 20 größten Bankhäuser der Welt in Europa stehen. Weitermachen, nur nicht aufgeben, sagt Rifkin. Sein letzter Satz lautet: "Wir Amerikaner haben immer gesagt, für den Amerikanischen Traum lohne es sich zu sterben. Für den neuen Europäischen Traum lohnt es sich zu leben."
Alles wahr. Wenn man nur nicht ständig das Gefühl haben müsste, dass dieser schöne Traum jederzeit an den Klippen der Realität scheitern könnte. Als da wären: französische Bauern, die auf ihren Subventionen beharren, xenophobe Engländer, die den Euro nicht mögen, besserwisserische Deutsche, die Protektion für ihre Autobauer einfordern, und die alle zusammen nicht verhindern konnten, dass sich die Menschen auf dem europäischen Balkan die Köpfe einschlugen. Die allerdings hörten erst dann damit auf, als die Amerikaner eingriffen.
Zum Trost können wir derweil klammheimlich die olympischen Medaillen von Athen zusammenzählen und stolz darauf sein, um wie viel besser wir Europäer darstehen würden als der angeblich große Bruder.