Sachbücher Der Herr im Dom des Kapitals
Noch 1993, ein Jahre vor seinem Tod, wurde er als "mit Abstand mächtigster Mann in Deutschland" gesehen. Er war die Verkörperung der Macht des Geldes im 20. Jahrhundert. Das Geflecht der Beziehungen zwischen Wirtschaft und Politik verband sich - im Guten wie im Bösen - mit seinem Namen: Hermann Josef Abs (1901 bis 1994).
Und wäre sein Vaterland nicht Deutschland, dann wäre er wahrscheinlich weit über die Landesgrenzen hinaus zum Inbegriff des Bankiers geworden. So aber wird sein Bild bis heute getrübt durch das, was als "seine Rolle im Dritten Reich" beschrieben wird. Dieser Teil der nun von Lothar Gall vorgelegten Biografie ist exemplarisch für die jüngere deutsche Geschichte - so singulär Abs in vielem ist.
Der Historiker Gall, einer der angesehensten seiner Zunft, war mit Abs über viele Jahre vertraut wie kaum ein Zweiter. Er legt ein Opus Magnum vor. Und um es vorwegzunehmen: Die Lektüre ist ein Muss weit über den Zirkel von Bankiers und Industriellen hinaus. Denn in manchen Aspekten erweist sich das Buch - obwohl Abs in seinen letzten Lebensjahren von einigen als Mann von gestern behandelt wurde - als hochaktueller Beitrag zur gegenwärtigen Globalisierungsdebatte.
Im Gegensatz zu etlichen ihrer deutschen Wortführer war er überzeugt, dass die internationale Ausrichtung der Geschäfte und die Bewahrung nationaler Identität sich keineswegs ausschließen. Ob er in diesem Punkt wirklich überholt ist oder ob seine Auffassung dazu nicht eine Renaissance erleben könnte, ist eine offene Frage.
Gall führt uns durch eine Kindheit im Kaiserreich, wo Abs seine Prägung als Rheinländer, als Katholik, als Kind des Bürgertums erfuhr. Hier liegen die Wurzeln jenes Ideals vom "gebildeten Menschen", an dem Abs ein Leben lang festhielt. Er genoss eine klassische Bildung, nahm das Studium aber nur widerwillig auf und absolvierte stattdessen bald eine Lehre im Bankgeschäft.
Ungewöhnlich früh muss er erkannt haben, was seine Bestimmung war - anders ist diese gerade Linie und Entschiedenheit nicht zu verstehen. Es folgen die Lehr- und Wanderjahre in der Weimarer Republik, die Gründung der Familie, die erste Karriere als Privatbanker. In dieser Zeit verordnete sich Abs ein kosmopolitisches Training mit der Betonung auf Devisen- und Terminhandel, das ihn in heutiger Terminologie als Investmentbanker erscheinen lässt.
Im Alter von nur 35 Jahren ist er als Privatbankier Partner bei Delbrück Schickler & Co., ausgewiesen im Krisenmanagement einer turbulenten Epoche, erfolgreich mit Blick auf Einkommen, Vermögen und Ansehen. Und doch gibt er diese Position auf und nimmt sogar materielle Einbußen hin, um 1938 Vorstandsmitglied der Deutschen Bank zu werden, einer damals gerade wieder erstarkenden Universalbank im Geflecht von Staat, Politik und Wirtschaft.
Abs vergleicht seine Entscheidung mit der eines "Vertretungsorganisten" an einer Zweimanualorgel mit 36 Registern, der "Domorganist" an einer Orgel mit fünf Manualen und 72 Registern werden kann. "Das größere Instrument schien mir angemessen."
Maßgeblich für ihn war die enge Verbindung ökonomischer und nationaler Zielsetzungen - Gründungsidee und Programm seines neuen Arbeitgebers. Deshalb hieß das Institut Deutsche Bank. Sie war die große Orgel, er ihr Organist. Expansion war die Vision.
Aber das war nicht nur die ökonomische Vision der Deutschen Bank, sondern auch die politische Devise der Nationalsozialisten. Dass Abs nach deren Machtergreifung an seiner Vision festhielt, war verhängnisvoll. Seine Verstrickung ist Fakt. So war Abs insbesondere in die Arisierung der deutschen Industrie und Finanzunternehmen verwickelt und hat bei der Einverleibung von Banken und Produktionsfirmen in den besetzten Gebieten tatkräftig mitgeholfen. Auch wenn im Nachhinein viele der Vorwürfe relativiert wurden - Abs hat faktisch mit den Nationalsozialisten kollaboriert.
Tatsache ist aber auch, dass durch ihn selbst und direkt kein Mensch zu Tode gekommen ist, dass entsprechende Kampagnen entlarvt worden sind. Er hatte sogar, wie Gall zeigt, Kontakte zum Widerstand und war eine Zeit lang selbst gefährdet. So hatte Abs unbestritten Verbindungen zum Goerdeler- und Kreisauer Kreis - den Widerstandszellen aus dem bürgerlichen Lager und dem Offiziersstab. Zudem wussten die Nazis, dass der gläubige Katholik im Ausland regimekritische Äußerungen gemacht hatte. Deshalb betrieben sie 1942 - erfolglos - seine Entfernung aus dem Vorstand der Deutschen Bank.
Ein Favorit des Regimes wurde Abs nie. Er hat funktioniert - als Bankier. Gall lässt auch daran keinen Zweifel.
Er geht dieser Verstrickung mit Akribie nach und schont Abs so wenig, wie der sich Zeit seines Lebens selbst geschont hat. Held? War er nicht, konnte er nicht sein! Darüber hat er später auch Schuld und Reue geäußert - bei aller demonstrativen Selbstzufriedenheit und allem Drang nach Selbstinszenierung.
Abs wusste von den Verbrechen, von den Konzentrationslagern, er hat das - auch öffentlich, beispielsweise in einem Gespräch mit Joachim Fest im Jahre 1981 - nie geleugnet. Er war kein Aktivist gegen das Regime, fühlte sich damals dazu nicht befugt, bedauerte aber schon 1966 in der "Welt" seinen "Mangel an Eindeutigkeit und Risikobereitschaft". Im Übrigen hat ihn wohl sein Instinkt gewarnt. Für erfolgreichen Widerstand hätte es eines Umsturzwillens der gesamten Generalität bedurft, den er nicht erkennen konnte.
Bankiers sind Meister der realen Verhältnisse. Tyrannenmörder zu sein gehört nicht zum Berufsbild. Gleichwohl, der Beruf schließt Zivilcourage und persönlichen Mut auch nicht aus.
Gall gelingt vor allem darzustellen, dass hinter Abs' vermeintlich technokratisch-opportunistischem Verhalten eben doch mehr steckte. Nämlich ein Kanon von Überzeugungen und Werten, die Kontinuität erfordern und geordnet werden müssen. Kontinuität und Ordnung, das sind die Schlüssel zum Verständnis des Hermann Josef Abs und seiner Wechselwirkung mit der Epoche, die ihn und die er prägte.
Nach 1945 findet er als Berater ohne Amt und Mandat seine Bestimmung als Mittler zwischen Kapital, Wirtschaft und Politik: zum einen im Ringen um das Londoner Schuldenabkommen sowie um die Aussöhnung mit Israel und die individuelle Wiedergutmachung. Zum anderen im Einsatz für die Zukunft der Großbanken.
Vorstandssprecher der Deutschen Bank war er auch - aber nicht vor allem. Der internationale Finanzfachmann machte sich für die Entwicklung des Welthandels stark, für die Vertiefung der Kapitalmärkte. Die Dritte Welt schloss er ausdrücklich mit ein.
Als finanzpolitischer Sprecher der "Deutschland AG" und des Konsenskapitalismus rheinischer Prägung fand er lobende Worte für die Mitbestimmung. Als Star in den Aufsichtsräten wurde er als "König von Deutschland" karikiert. Das kam seinem Drang nach Selbstinszenierung entgegen und schmeichelte seiner Eitelkeit.
Aber: Er blieb erklär- und berechenbar, was immer er tat. Damit kein Missverständnis aufkommt: Abs hat seine Interessen mit List und Tücke verfolgt, er war nie zimperlich. Manche Berichte aus seiner Umgebung lassen auch bezweifeln, dass er durchgängig ein warmherziger Menschenfreund war. Jeder in der Bank, der ihn gekannt hat, weiß das. Er hatte wohl zu viel gesehen und getan, um nicht auch Zyniker zu sein.
Als er in den siebziger Jahren die große Bühne verließ, wurde er als "klassischer Bankier" und "historische" Figur ins Abseits gefeiert und als Mann von gestern abgetan.
Aber gerade die neuere Unternehmensforschung made in America
hat ermittelt: "Good companies are companies built to last." Familienaktionäre, die ihr Engagement nicht vom aktuellen Börsenkurs abhängig machen, stabilisieren Unternehmen. Solche Firmen sind nachweisbar erfolgreicher. Institutionelles Denken ist eben nicht erfolglos und obsolet. Nachhaltigkeit anzustreben ist modern, weil erfolgreich.
Abs war ein international orientierter Bankier par excellence. Gleichwohl, er konnte sich die internationale Ausrichtung nur mit klarer Orientierung an Heimat und Heimatmarkt vorstellen.
Eine Globalisierung ohne Bezug zur eigenen Herkunft war für ihn ein Unding. Diese aktuelle Entwicklung scheint im Übrigen eine deutsche Spezialität zu sein. In keiner anderen Nation wird die Aufgabe nationaler Identität als Voraussetzung für globalen Wettbewerb gefordert. Schon das Ansinnen stößt auf Unverständnis. In diesem Sinn verkörperte Abs Ideale, die in der Tat verblassen. Das stimmt nicht froh, im Gegenteil.
Der Bankier Abs weckt keine spontane Sympathie und keine warmherzigen Empfindungen, das mag wohl sein. Seine lebenslange Nähe zur Macht verhindert das. Es bleibt die Wahrnehmung von Kälte, es bleibt Distanz. Aber es ist ein deutsches Schicksal. Er ist "unser Abs", da hilft alles nichts.
Wir verstehen unsere Geschichte besser, wenn wir sie endlich annehmen. Und Abs hat sich um die noch junge Republik verdient gemacht. Vielleicht war die unglaubliche Energieleistung, mit der er zu Werke ging, seine persönliche Wiedergutmachung, wer weiß. Er selbst hat das offen gelassen, und das ist sein gutes Recht. Das machte der tiefgläubige Katholik dann doch lieber mit sich und seinem Gott aus.