Sachbücher "Journalist des Jahrhunderts"
Die erste Titelgeschichte im SPIEGEL, die der junge Rudolf Augstein 1948 über Konrad Adenauer zu Papier brachte, war noch ein freundliches Porträt des Rhöndorfer Rosenzüchters. Dann aber schoss sich der SPIEGEL-Chef in seinen Kolumnen auf den ersten Kanzler der Bundesrepublik ein.
"Erst allmählich, zwischen 1951 und 1961", schrieb Augstein im Dezember 1986 zum 40. Jubiläum des SPIEGEL, "wurde mir klar, dass es hier nicht verbal, sondern in der Substanz um einen antidemokratischen, antiparlamentarischen Sonderstaat von katholischer Heuchelei ging, den zu bekämpfen der SPIEGEL, außen- wie innenpolitisch, jeden Grund hatte."
Jahrelang rieb sich Augstein an dem großen Gegner und dann auch an seinem zweiten Lieblingsfeind, dem Wehrminister Franz Josef Strauß; er geißelte dessen ungezügelten Machttrieb, dessen Streben nach Atomwaffen und dessen Anfälligkeit für zwielichtige Geschäfte.
Damals erfand der WK-II-Leutnant Augstein für seinen SPIEGEL das Etikett "Sturmgeschütz der Demokratie", was er später, 1963, eher ironisierte: "In der Ära Adenauer waren wir das Sturmgeschütz der Demokratie, mit verengten Sehschlitzen. Im ärgsten Kampfgetümmel, wo man uns manche Hafthohlladung appliziert hatte, erreichten wir nicht entfernt die Wirkung wie in dem Moment, da man uns wie mit einem Netz auf den Trockenboden schleppte und die Armierung zu demontieren gedachte."
Das war, als die Staatsmacht in Gestalt der Herren Adenauer und Strauß zurückschlug, im Herbst 1962. Das Ereignis ging als SPIEGEL-Affäre in die Geschichte ein, und Augstein stand da als journalistischer Widerstandskämpfer, der dem Staat Paroli geboten hatte.
Die ersten Jahrzehnte in der Geschichte der Bundesrepublik, schreibt Dieter Schröder, "sind ohne Rudolf Augstein nicht zu erzählen. Er war eine der großen, bewegenden Gestalten dieser Zeit".
Spätestens seit jenem Tag im Herbst 1946, als britische Presseoffiziere Rudolf Augstein zum Lizenzträger und Chefredakteur eines in Deutschland neuartigen Nachrichtenmagazins machten, gibt es, so Schröder, "einen roten Faden" im Leben des langjährigen SPIEGEL-Herausgebers. Ihn, den roten Faden, zu finden sei "die Aufgabe des Biografen", meint der Autor, der dabei freilich offen lässt, ob er sich selbst als Biograf Augsteins begreift. Eine Biografie nennt er sein Werk jedenfalls vorsichtshalber nicht, und der Verlag bezeichnet es als "Roman seines (Augsteins) Lebens".
Schröder, 1964/1965 kurzzeitig SPIEGEL-Reporter, später Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung" und im Rentenalter Herausgeber der "Berliner Zeitung", zeichnet nach, was in vielen Publikationen über Augstein und den SPIEGEL bereits zu lesen war. Seinem Helden kommt er dabei jedoch nicht wirklich nahe.
Hätte Augstein, der 2002 mit 79 Jahren starb, "hinterlassen wollen, wie er wirklich gesehen werden will", meint Schröder, dann "hätte er seine Memoiren geschrieben".
"Was Augstein wollte, steht in seinen Artikeln", tröstet sich Schröder. Aber ist Augsteins Wollen so einfach zu bestimmen? Schröder schreibt selbst: "Immer war an seinen (Augsteins) Selbstäußerungen auch sein Hang zur Verstellung und zum Widerspruch erkennbar."
Immerhin hätte der Autor in den gedruckten Aufsätzen den roten Faden finden können: Augsteins beharrliche Reflexion historischer Erfahrungen, mit denen er seinen Lesern Lektionen für Gegenwart und Zukunft erteilte.
Unveröffentlichtes hätte das Bild abrunden können, doch kühn behauptet Schröder: "Es gibt keine Geheimnoten oder staatspolitisch wichtigen Briefwechsel, die neues Licht auf bekannte Vorgänge werfen oder unbekannte ans Tageslicht bringen."
Notgedrungen verlegt sich Schröder darauf, bereits Publiziertes auszubeuten. Wo Schröder sich im Einzelfall bedient hat, ist nur für Kenner auszumachen, weil er seine Quellen nicht angibt. Und seine Gesprächspartner, die er über Augstein befragte, sind fast durchgängig Weggefährten der frühen Jahre.
Der Gründerzeit des SPIEGEL, den Scharmützeln mit Adenauer und Strauß sowie den Händeln mit Geschäftspartnern, schon oft geschildert, widmet Schröder denn auch breiten Raum. Die ausführliche Darstellung endet jedoch ziemlich abrupt - nach Augsteins dreimonatigem Ausflug als Hinterbänkler ins Bonner Parlament - auf Seite 249 (von 298 Textseiten) mit zwei lapidaren Sätzen: "Das Jahr 1973 bedeutete eine Zäsur im Leben Rudolf Augsteins und auch in der Entwicklung des SPIEGEL. Es folgten einige ruhige Jahre."
So rasen denn im letzten Sechstel des Buches drei Jahrzehnte dahin: ein bisschen Flick-, ein bisschen Barschel-Affäre, dazu Augsteins patriotische Einheitseuphorie beim Untergang der DDR und seine Ablehnung des Euro - das war's dann.
Neu, immerhin, ist die offenkundig durch Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel inspirierte Suche nach Augsteins politischem Standort innerhalb der FDP, deren Mitglied er seit Mitte der fünfziger Jahre war. Sein jahrelanger Streit mit Adenauer (gegen die Westintegration, für die nationale Einheit) und Strauß (gegen die großmannssüchtige Aufrüstung) trug Augstein den Ruf ein, ein "Linker" zu sein. Welch ein Irrtum.
"Wir haben Augstein linker gelesen, als er war", räumte der Politologe Iring Fetscher ein. Ralf Dahrendorf ortete Augstein als "letzten Nationalliberalen, und dies im besten Sinn der Bismarck-Zeit".
Augstein war ein glühender Bewunderer Bismarcks, über den er schon im Frühjahr 1950 eine Titelgeschichte schrieb. "Wenn man ihn auf die miesen Seiten seines Helden aufmerksam machte, zum Beispiel auf die Sozialistengesetze", erzählt der ehemalige SPIEGEL-Chefredakteur Erich Böhme, dann habe Augstein gesagt: "Ja, aber er hat doch auch die Junker gezähmt." Möglicherweise, vermutet Böhme, habe Augstein keine Bismarck-Biografie schreiben wollen, "weil er fürchtete, seine Anhänger vor den Kopf zu stoßen oder zu befremden".
Zwei Bücher, die Augstein verfasst hat, zeugen indes von den beiden anderen großen Themen, die ihn zeitlebens beschäftigten: "Jesus Menschensohn", die Abrechnung des aus der Kirche ausgetretenen Katholiken mit einer an der Ratio scheiternden Glaubenslehre, sowie "Preußens Friedrich und die Deutschen".
Friedrich den Großen macht Augstein, so Schröder, "für fast alles verantwortlich, was in der deutschen Geschichte in der historischen Katastrophe Hitler gipfelt". Umso verwunderlicher ist, dass der Autor nur nebenbei, in einem Halbsatz, erwähnt, dass Augstein "ein Leben lang vom Thema Hitler, Nationalsozialismus und Auschwitz gefesselt" war.
Hundert namhafte Kollegen haben Rudolf Augstein Anfang des Jahres 2000 zum "Journalisten des Jahrhunderts" gewählt. Dieter Schröder ist ein von "Grundsympathie" getragenes Porträt dieses "unermüdlichen Wahrheits- und Sinnsuchenden" gelungen. Eine Augstein-Biografie, die diese Bezeichnung verdient, steht indes noch aus.