Sachbücher: Schmerz und Genauigkeit - DER SPIEGEL
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Sachbücher Schmerz und Genauigkeit

Der kürzlich verstorbenen Publizist Günter Gaus hinterließ die unvollendete Autobiografie "Widersprüche. Erinnerungen eines linken Konservativen".
Von Jürgen Leinemann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einer der ersten schriftstellerischen Erfolge des Publizisten Günter Gaus war eine Kurzgeschichte, die er - damals noch Schüler in Braunschweig - kurz nach der Währungsreform für 40 Deutsche Mark an einen Feuilleton-Pressedienst verkaufte. Darin ging es um einen Dichter, der sich vor der Rückkehr in seine Wohnung fürchtete, weil ihn aus jeder Schublade, jedem Schrank, unter jedem Sessel hervor ein begonnenes Werk anflehte: "Schreib mich zu Ende, schreib mich zu Ende".

Ohne Hintersinn hat der 74-jährige Gaus - Ex-SPIEGEL-Chefredakteur und erster Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin - diese Jugenderinnerung gewiss nicht in seine Autobiografie "Widersprüche" aufgenommen, an der er arbeitete, bis er im März 2004 in eine Klinik ging, um sich dort einen Speiseröhrentumor wegoperieren zu lassen. Er wusste, dass es um sein Leben ging; denn gegen Krebs kämpfte er fast ein Jahrzehnt. Vor dem Eingriff, schreibt seine Tochter Bettina Gaus in einem Nachwort, habe er um einen kleinen Aufschub gebeten, zwei Werktage und ein Wochenende, um wenigstens das Kapitel beenden zu können, an dem er zuletzt geschrieben hatte.

Und so enden die Erinnerungen des linken Konservativen Günter Gaus, des "oft verkannten Patrioten", wie er sich nennt, genau an der Schnittstelle seines Lebens, an der er vom "Merker" zum "Täter" wurde - 1973 verließ er den SPIEGEL, weil der damalige Bundeskanzler Willy Brandt ihn als Botschafter für die DDR wollte.

Insofern sind die persönlichen Aufzeichnungen des Günter Gaus eigentlich nur der erste Band seiner Gedanken und Erinnerungen - und dabei wird es bleiben. Denn seine Familie verwahrt sich gegen Vorschläge, aus nachgelassenen Notizen, archivierten Artikeln und aufgezeichneten Fernsehsendungen das Memoiren-Fragment abzurunden.

Kein Kapitel also über die spannungsreiche Zeit als Staatsekretär im Kanzleramt Helmut Schmidts, keine Hintergründe über die Verhandlungen, die zu 17 Verträgen mit der Honecker-Regierung führten, keine Erläuterungen zu seinem angedeuteten Unbehagen über das vereinte Deutschland, keine Begründung für seinen Austritt aus der SPD.

Die letzten 30 wichtigen Jahre im engagierten Leben des politischen Menschen Günter Gaus fehlen natürlich dem Buch. Und dennoch sind die vorliegenden Erinnerungen keine halbe Sache. Es reicht der mit gelegentlichen Vorgriffen angereicherte Lebenslauf des Journalisten Gaus, um "Zur Person", wie seine unvergessliche Fernseh-Interview-Reihe hieß, ein differenziertes, lebensnahes, aber auch überraschendes und widersprüchliches Bild zu bekommen.

Günter Gaus hat politisch sein Publikum immer polarisiert - er wusste es und wollte es so: "Über viele Strecken meines Lebens bin ich im klassischen Sinne ein Dissident gewesen." Vielleicht wirkte er im Fernsehen und als Kommentator oft so streng - "wie ein junger lutherischer Vikar", charakterisiert er sich - weil er immer einen Teil von sich selbst niederhalten musste. Er war ja - wie er in seinen genauen Beobachtungen zur eigenen Kindheit festhält - keineswegs nur der kühle intellektuelle Analytiker, sondern ein hitziger, aufbrausender, oft rechthaberischer Diskutant, dessen Argumente gefühlsgeladen aus ihm herausbrechen konnten.

Gewöhnlich pflegte er seinen Ausbrüchen argumentierend einen Duktus der Vernunft überzustülpen wie eine Tarnkappe. Er hatte ja nicht nur Angst vor den Emotionen anderer. Wie die Mehrzahl seiner Generation, die im Nazi-Reich heranwuchsen, schämte er sich seiner eigenen Gefühlsvergangenheit. Denn trotz einer väterlichen Ohrfeige war ihm bis in den Krieg hinein "ein zählebiger Glaube zu eigen gewesen an die natürliche Überlegenheit der Deutschen, an ihre gerechte Sache, an ihre gottgewollte, historisch unausweichliche und auch gebotene Herrschaft über andere". Mit einer kühlen Genauigkeit, hinter der Schmerz zittert, schildert Günter Gaus, wie ihm dieser Glaube in den letzten Kriegsmonaten von britischen Bombern und deutschen Uniformierten ausgetrieben wurde.

Aus dieser gelernten "Unfähigkeit", jemals wieder gläubig und absolut Partei zu nehmen, speiste sich die kritischengagierte journalistische Haltung des Medienstars Günter Gaus. Es war eine steile und brillante Karriere, die den Braunschweiger nach abgebrochenem Studium als Reporter, Leitartikler, Fernseh-Interviewer, TV-Magazin-Chef und Chefredakteur zwischen 1953 und 1973 in die Spitzenpositionen des westdeutschen Journalismus führte. Die Schilderungen seiner Arbeit als Kommentator der "Süddeutschen Zeitung" (1961 bis 1965), als Programmdirektor des Südwestfunks (1965 bis 1969) und beim SPIEGEL sind ein aufregendes Dokument der Nachkriegs-Mediengeschichte.

An der Seite Rudolf Augsteins erlebte er den SPIEGEL auf sehr unterschiedliche Weise. In seiner ersten Anstellungszeit als Redakteur, von 1958 bis 1961, empfand er die elitäre Hamburger Redaktion als Strafbataillon des deutschen Journalismus. Als er 1969 als Chefredakteur zurückkehrte, erlebte er bis 1973 eine "gelegentlich schwierige, im Ganzen gute Zeit". Zusammen mit Rudolf Augstein wurde er zum publizistischen Wegbereiter der Brandtschen Ostpolitik.

Journalist zu sein, schreibt Gaus im Rückblick, sei ihm anfangs wie "eine Mischung aus weiter Welt, gehobenem Privatdetektiv, Schiedsrichter der Politik und gemäßigter Boheme" erschienen. Aber spätestens, als er Programmdirektor des Südwestfunks wurde, entdeckte er zusätzlich die Neigung "zu einer nebenberuflichen politischen Beratertätigkeit" in sich, von der er - aus heutiger Sicht - erstaunlich ungeniert Gebrauch machte. Als dann 1969 mit Brandt "die Unsrigen" im Kanzleramt angekommen waren und er in der Chefredaktion des SPIEGEL, forcierte er die Unterstützung der SPD-FDP-Regierung in einem Maße, dass - wie er merkte - in der Redaktion des Magazins manche "emotional damit überfordert"waren.

Deutlicher als bei Günter Gaus ist kaum irgendwo nachzulesen, dass das Dilemma von Nähe und Distanz im politischen Journalismus nicht erst mit der heutigen Telekratie in die Welt geraten ist. Sein Eintritt ins Kanzleramt als Staatssekretär war nur noch Umsetzung eines Seitenwechsels, den er längst vollzogen hatte.