Sachbücher Traum vom Fliegen
Der Herbst 1989 bescherte den Ostdeutschen nicht nur den Mauerfall und das "Begrüßungsgeld" von 100 Mark im Westen, die revolutionäre Wende weckte in vielen auch ein lange verschüttetes Gefühl von Freiheit. In der kurzen Zeit der Anarchie, als das SED-Regime lautlos in sich zusammenfiel und die neue Ordnung noch nicht etabliert war, entdeckten überall in der DDR-Provinz "einfache" Untertanen, die 40 Jahre klaglos vor der Staatsmacht gekuscht hatten, ihren Mut vor sozialistischen Königsthronen: Sie entmachteten Bürgermeister und Betriebsleiter, organisierten revolutionäre Räte und Runde Tische in Kasernen, Gefängnissen und Redaktionen; sogar mit der allmächtigen sowjetischen Besatzungsmacht legten sie sich erfolgreich an.
Zu diesem Aspekt gibt es bislang kaum Zeitzeugnisse. Die Autoren Christoph Links, Sybille Nitsche und Antje Taffelt füllen eine Lücke: Sie sind ein Jahr lang durch die Ex-DDR gereist und haben vor Ort Abenteuergeschichten aus jenen Chaostagen gesammelt - eine ebenso spannende wie rührende und naive Lektüre. "Es war eine Ahnung vom freien Fliegen", so beschreibt eine junge Frau aus Thüringen ihre Befindlichkeit von damals.
Weit getragen hat der Schwebeflug nicht. Das Fliegen wurde den Ostlern schnell abgewöhnt - von den neuen Herren aus dem Westen und von der handfesten Sorge um die eigene Existenz.
"Für mich", resumiert der Christdemokrat Werner Henning, zur Wendezeit Ratsvorsitzender des Kreises Heiligenstadt im Eichsfeld, "war dieser Herbst ein naiver Aufbruch, mit dem Impetus, die Welt zu verbessern. Ein Aufbruch, der später ein abruptes Ende fand, indem unser naives Fragen und Suchen nach Antworten mit den bereits vorhandenen Strukturen beantwortet wurde."
Für die gesamtdeutsche Gesellschaft ist es wichtig, dass dieser Aufbruch nicht ganz vergessen wird.