Sachbücher: Willige Unterwerfung - DER SPIEGEL
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Sachbücher Willige Unterwerfung

Ein Sammelband über "Die Kultur im Dienst des Nationalsozialismus" zeigt die Instrumentalisierung der Künstler und ihr Paktieren mit der Macht.
Von Eberhard Hübner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Interesse der Barbaren an Kultur war riesengroß: "Der NS-Staat investierte so viel öffentliche Finanzmittel in die Kultur wie kein deutscher Staat vor ihm." Fast alle Beiträge in diesem Aufsatzband belegen die enorme Aufmerksamkeit, mit der die Nazi-Politik Film und Literatur, Theater und Malerei, Architektur und Musik bedachte. Da wurden Preise, wohlklingende Titel und Sonderzuwendungen zuhauf vergeben. Einladungen an die Künstler zum Tee oder zu Abendgesellschaften waren üblich. Goebbels persönlich kümmerte sich sowohl um Besetzungslisten und Drehbücher von Ufa-Filmen als auch um die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer (ohne die man seinen Künstlerberuf nicht ausüben konnte); zwischen ihm und Göring gab es erbitterte Kämpfe um ihren jeweiligen Einfluss auf die Berliner Theater. Und eine heftige öffentliche Diskussion darum, ob der Expressionismus entartet sei oder nicht (die Goebbels-Fraktion stand hier gegen die Alfred Rosenbergs), wurde 1934 erst durch ein Hitler-Machtwort in einer Reichsparteitagsrede entschieden.

Kulturpolitik, dem Propagandaministerium zugeordnet, war zentral für den totalitären Anspruch des NS-Staats, der auch den Köpfen und Herzen der Menschen galt - ein Anspruch, der, wie Jan-Pieter Barbian in seinem Beitrag zeigt, tatsächlich kaum verwirklicht wurde.

Nachdem die intellektuelle Elite aus Deutschland vertrieben, zum Schweigen gebracht oder vernichtet war, hofierte man die Verbliebenen besonders. Der Dirigent Wilhelm Furtwängler etwa oder Richard Strauss reflektierten kaum, dass sie politisch instrumentalisiert wurden: Sie sollten dem NS-Staat den Glanz "repräsentativer Hochkultur" verleihen, um Bevölkerung und Ausland davon zu überzeugen, "dass die Emigranten mit ihrem Vorwurf der kulturellen Barbarei nichts als missgünstige Propaganda trieben" (Barbian).

Durchgehend ging es dem NS-Staat um Selbstinszenierung: Musik, Malerei, Architektur sollten beitragen zu dem politischen Gesamtkunstwerk der Volksgemeinschaft, an deren Großartigkeit der Einzelne teilhaben und in der er aufgehen sollte. In elf Aufsätzen, die aus einer Sendereihe des Hessischen Rundfunks hervorgegangen sind, stellt das Buch diese Zusammenhänge informationsreich und übersichtlich dar. Deutlich wird dabei, wie wenig Eigenes die NS-"Kultur" zu bieten hatte - entgegen dem eigenen revolutionären Anspruch - und wie sehr sie auf die nationalkonservativen Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts und teilweise sogar auf die bekämpfte Moderne zurückgreifen musste.

Der Akzent der Beiträge liegt aber auf den einzelnen Künstlern, die sich auf die eine oder andere Weise mit den Nazis arrangierten. Das Buch enthält eine Fülle von Lebensgeschichten - das heißt hier meistens Karrieregeschichten. Mit moralischer Verurteilung halten sich die Autoren zurück; trotzdem überwiegt ein deprimierender Eindruck von Opportunismus, von "williger Unterwerfung, ehe irgendwelcher Zwang einsetzte", wie es der Berliner Antisemitismusforscher Wolfgang Benz ausdrückt.

"Wer sich darüber wundert", schreibt der Historiker Volker Dahm in seinem Beitrag, "geht davon aus, dass Künstler auf Grund ihrer seelischen Sensibilität die geborenen Widersacher des Tyrannen sind. Ein Irrtum. Zu allen Zeiten und allenthalben haben Künstler mit Diktaturen paktiert und von ihnen gelebt."