Sachbücher Therapie für Ost und West
Lothar Bisky, Vorsitzender der Partei des Demokratischen Sozialismus, sitzt in seinem Büro im Berliner Karl-Liebknecht-Haus, gleich neben der Volksbühne. Draußen wird die Straße neu gepflastert, und manch Genosse drinnen fragt sich, ob unter dem alten Straßenbelag nun Koffer mit SED-Millionen zum Vorschein kommen werden. Bisky, 63, trägt ein schwarzes Hemd zu den momentan rosigen Aussichten seiner Partei. Er ist ein freundlicher Mensch, einer, der kaum etwas ablehnen kann, erst recht keine Parteiaufträge. Nur eines lehnt er stets ab. Nein, sagt er in schöner Regelmäßigkeit, er äußere sich nicht zu Texten seines Sohnes. Einziger Kommentar: "Ich war schon immer dafür, dass mein Sohn seine eigene Meinung haben darf."
Jens Bisky, 38, ist Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung". "Geboren am 13. August - Der Sozialismus und ich" heißt sein Buch über seine Zeit im Arbeiter-und-Bauern-Staat - und natürlich vor allem in der Familie Bisky. 1959 war Vater Lothar aus dem Westen in die DDR gekommen. "Geschichten aus der Landarbeiter-und Dorfarmuts-Welt meines Vaters" seien die Abenteuer seiner Jugend gewesen. Vor dem Weg in den Osten, so habe der Vater ihm erzählt, sei ihm ein "Kommunistisches Manifest" in die Hand gedrückt worden. Die Episoden des Vaters klingen ein wenig wie christliche Erweckungsgeschichten. Die Kirche der Familie Bisky, das räumt der Sohn offen ein, war die Partei.
Mit sicherer Distanz, aber ohne die Häme dessen, der sich erst freischreiben muss von seiner Familiengeschichte, erzählt Jens Bisky über das private und das Parteileben seiner Eltern und über sein eigenes. Nichts wird ausgespart - nicht einmal die Beichte der Mutter, inoffiziell der Stasi gedient zu haben. Er schreibt vom "Familienfehler, das Land und den Sozialismus für eine bedeutende Sache" zu halten, er schreibt über die Intoleranz, die er als Schwuler erfuhr. Und er macht sich Vorwürfe, selbst jenem Kirchenverein angehört zu haben, der stets nur "die Partei" hieß.
"Ich hatte die Mauer nicht gebaut, niemanden bespitzelt, keinen Flüchtling und keinen Demonstranten erschossen. Aber ich gehörte zu der Partei, die all das organisiert, gerechtfertigt und geleitet hatte." Jens Bisky verhehlt nicht, dass mit dem Untergang der DDR auch ihm Vertrautes abhanden kam, vor allem "das Gefühl, unbegrenzt Zeit zu haben".
Die Spannung zwischen Eingeständnis und Verständnis, zwischen Achtung vor dem Vater und Verwunderung über ihn, zwischen Bekenntnis und Reue macht das Buch lesenswert. Denn Lothar Biskys Leben in der DDR war eines im Zwiespalt: "Streng im Grundsätzlichen", erinnert sich der Sohn, aber "lässig im Alltäglichen, so wurde ich erzogen".
DDR-Nostalgikern und DDR-Hassern sei das Buch gleichermaßen als Therapie empfohlen - wie die gesamte Familiengeschichte der Biskys. Denn es wirkt wie eine glückliche Pointe zur deutschen Einheit, dass ausgerechnet die Söhne des Vorsitzenden der SED-Nachfolgepartei so gut angekommen sind im vereinten Deutschland: Sohn Norbert als Maler, Sohn Jens als Feuilletonist bei der "Süddeutschen Zeitung". Ihre Erfolgsgeschichte straft jene Ossis Lügen, die meinen, auf ewig zu Deutschen zweiter Klasse verdammt zu sein. Nicht weniger widerlegt es jene Wessis, die glauben, eine Prägung durch die SED müsse den Menschen für immer verderben.
Jens Bisky ist diese Pointe natürlich nicht verborgen geblieben. "Als wolle die Geschichte uns ihren Witz überdeutlich zu verstehen geben", schreibt er, "hat sie vier der fünf Biskys in den Westen versetzt. Allein der geborene Wessi, mein Vater, muss im Osten bleiben."