Sachbücher: Die Legende lebt - DER SPIEGEL
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Sachbücher Die Legende lebt

Rund 80 Millionen Gewehre tragen den Namen eines alten Mannes, der am Ural wohnt ­ die Autobiografie von Michail Kalaschnikow heißt "Mein Leben".
Von Christian Habbe
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Ischewsk am Ural, zu Stalins Zeiten Rüstungszentrum und eine geheime Stadt, wohnt noch heute einer, dessen Name von düsterer Weltberühmtheit ist. Die Besucherin klingelt und tatsächlich, er macht selbst auf: Michail Timofejewitsch Kalaschnikow. Die russischstämmige Autorin Elena Joly hat den 84-Jährigen ausfindig gemacht und beschreibt nun die erstaunliche Lebensgeschichte eines Tüftlers, der vom geächteten Kulakensohn zum ordenbehangenen Starkonstrukteur aufstieg. Heutzutage muss sich der Ruhmreiche gegen Gangster und Hooligans hinter einer Stahltür verbarrikadieren und schimpft auch gleich zur Begrüßung: "Zu Sowjetzeiten war das anders."

Vor mehr als einem halben Jahrhundert hat er etwas erfunden, das die Welt zu verändern half und ihn selbst legendär machte. Mit dem von ihm entwickelten Sturmgewehr schossen Armeen, Freischärler und Terroristen. Die Waffe sei der Stolz von "Kämpfern überall auf der Welt", sagte Jassir Arafat. Die AK-47 ( "Awtomat Kalaschnikowa") - die im Wettbewerb mit den Modellen der besten sowjetischen Waffeningenieure siegte, als ihr Erfinder noch ein kleiner Feldwebel war - geriet zum Geschäftserfolg. An die 80 Millionen Stück des gelegentlich geringfügig modernisierten Schießprügels, dem Wasser, Schlamm und Wüstensand kaum etwas anhaben können, wurden hergestellt.

Reich geworden sind damit nur Waffenhändler, Lizenznehmer und die Joint-Venture-Produzenten aus der neuen Wirtschaft. Michail Kalaschnikow brauchte das nicht. Auch als Leninpreisträger hauste er in seiner Kommunalka-Wohnung - drei Zimmer, drei Familien -, blieb lieber einfacher Sowjetmensch und hat nie im Arbeitsleben Urlaub gemacht.

Insofern verbirgt sich hinter der Geschichte einer bahnbrechenden Erfindung eine andere. Sie steht für die Tragik jener alten Männer, die sich seit Ende der Sowjetunion heimatlos fühlen, die deren Abwickler Gorbatschow "zutiefst verachten" (Kalaschnikow) und das neue Russland hassen, das nicht mehr das ihre ist.

Diesen Veteranen hat der Krieg die wichtigsten Jahre geraubt und das Leben verbittert, vielen von ihnen geht es kaum anders als Michail Kalaschnikow: zwei Brüder gefallen, ein weiterer zum Krüppel geschossen, auch der Schwager umgekommen, ebenso das jüngste Kind. Seine Generation hat unter Hitlers Deutschen so furchtbar gelitten, dass sogar Stalins Gräuel dagegen verblassen - Kalaschnikows Eltern wurden nach Sibirien verbannt und Bruder Wiktor für Jahre in den Gulag gesperrt. Unverdrossen hat er trotz allem seinen Panzer mit der Aufschrift "Für das Vaterland, für Stalin" gefahren. "Wir glaubten an Stalin wie an einen Gott", erinnert er sich.

Später hat der Techniker den Schreckensherrn auch persönlich erlebt, als Deputierter im Obersten Sowjet, bei dessen Sitzungen man den Chef stets mit diesem etwas beklommenen Beifall begrüßte, "der eine Ewigkeit anhielt, weil niemand der Erste sein wollte, der zu klatschen aufhörte".

Nun, zum Ende seines Lebens, hat man ihn denn doch noch geehrt und sogar zum General befördert. Der alte Kämpe besitzt drei Autos und reist in die Welt, mit all ihren Trugbildern. Als nach wie vor "echtes Produkt des sozialistischen Systems" kann er sich da oft nur wundern. Dass die Ehrenwaffe, die Boris Jelzin dem Ruheständler zukommen ließ, sich als gebrauchte, gewöhnliche Pistole entpuppte, passte da gut ins Bild.